Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ll'MW'VYM^W^WWWWUWWW, wmmmmm 442 Herrliches deutsches Vaterland mit deinen Bergen und Ebenen, deinen Wäldern und Auen, deinen Städten und ^Dörfern! Du füllst die Seele mit sonnigen Bildern, die nur der Tod verwischen kann. Es rauscht. Leben kommt in die Stätte des Todes. Er athmet schwer, der arme Junge. Das muß er sein — arm und leidend und klug und gut. Schmächtig gewachsen, wie die Birke über ihm, schwach, wie ihre Zweige. Das Gesicht ist besäet mit Sommersproffen, die Haare sind roth wie Feuer, die Augen blau und gutmüthig. Er geht hastig, ungeduldig. Er pfeift, nein, er singt. Aber das hier, wo so viele Thränen fielen, „wo unter manchem kalten Stein Israel schläft nach Müh und Pein?" Auch aus seinen Augen drängt sich jetzt eine große, bittere Zähre. Sie rollt über das knochige Gesicht, aber er zerdrückt sie, er ist wohl daran gewöhnt. Er ist enttäuscht. Doch belauschen wir ihn! „Nun, siehst Du, Mutter, ich bin allein auf weiter Flur — gerade wie es im Buche steht. Noch eine Morgenglocke nur. Wie doch alles so genau paßt! Da, auch diese verstummt. Der Küster ist wohl müde. Nun Stille nah und fern. Ich will mich hinwerfen. Anbetend knie' ich hier. O süßes Graun'n, geheimes Weh'n, als knieten Viele ungeseh'n und beteten mit mir! Der Himmel, nah und fern, er ist so klar und feierlich . . . Nein, da irrt das Buch. Mich friert. Das ist der Tag des Herrn. Das stimnit wieder. Vor vielen hundert Jahren ist am heutigen Abend die Welt geschaffen worden. Morgen ist Neujahr." „Jetzt will ich mein Gebet sagen. Das nützt immer. Als ich es jüngst sagte, fand ich Geld, das meine Mutter so gut brauchen konnte. Ein ander Mal wußte ich in der Schule die Frage zu beantworten, wie viel und welche Leiden unser guter Vater Abraham bestehen mußte. O, auch ich muß viel, viel leiden. Ich muß im Walde Holz holen, muß Hunger leiden und die Schläge wilder Knaben ertragen. Aber Abraham mußte doch mehr dulden. Er überwand alles. Ich will mich auch zusamniennehmen. „Meine Hilfe kommt von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Wirf auf Gott dein Verlangen, er wird dich versorgen. Bewahre Einfalt, und sieh aufs Grade, denn am Ende wird dem Manne Frieden. Vertrau' auf Gott, übe Gutes, bleib' im Lande und hüte die Treue! Sieh', Gott ist meine Hilfe, auf den ich hoffe, ich zage nicht; meine Macht, mein Sang ist Gott, er war mir zur Hilfe." Als hätte Gott sein Gebet erhört, es erscheinen Leute, und unser Junge freut sich. Er hüpft, er lacht, stammelt Dank — cs ist zum Rühren. Er ist nicht mehr allein. Ein Frauenzimmer steht neben ihm. „Auch schon da?" fragt sic. Dann fährt sie zu sich fort: „Der Hund, hat der hier was zu suchen? Gehört das „Haus der Gräber" seiner Gemeinde? Der Schnorrer! Mehr Bettler als Geber." Und nun zum Knaben: „Bist schon lange da? Da, gieb dem Herrn ein Buch!" Der Kleine nimmt von dem Steindach des niedrigen „Reinigungshauses" ein Büchlein, schlägt es auf und reicht es dem Manne. Aber immer mehr Herren verlangen Andachtsbücher — sie sind bald vergriffen. Die Keiferin — sie heißt zu Unrecht Hannah — bedient ebenso die mittlerweile herangenahten Frauen. Alle Betenden gehen erst in die Mitte des Friedhofes, einen weiten, freien, grasbewachsenen Platz. Von hier aus zerstreuen sie sich unter Führung des Aufsehers nach allen Ecken und Enden, um die geliebten Verstorbenen auf ihren Grabhügeln aufzusuchen. Einige gehen wohl um den großen Friedhof außen ganz herum, dabei fortwährend betend, des Holzes, Gestrüpps und der Steine nicht achtend. Hast du schon einmal einen altgläubigen Juden auf dem Friedhof beten hören? Es sind eigene, elegische Modulationen, die in das Herz der Hörer dringen und es traurig, entsagend, mitfühlend stimmen. In ihnen liegt eine heilige Sehnsucht, die uns mit fortreißt, uns dem Irdischen entrückt. Die thränenden Augen, die erhobenen, abgestuften Stimmen, die vielen, langen Reihen der Grabsteine, der singende Wind, die rauschenden Bäume, die winkenden heiligen Tage, die weite, ferne Aussicht, der Aufblick zum nahen Himmel, alles, alles wirkt mächtig auf dich ein und bewegt dich schmerz- und leidvoll. Aber die Betenden kommen zurück, und Hannah hustet und keucht. ,rEuch geht's schlecht, Hannah," sagt eine Frau, die sie aus früheren Jahren kennt. Diese hat die Gräber aller seligen Verwandten besucht. Die Andacht, die Gebete haben eine sichtbare Wirkung hinterlaffen. Das Gesicht zeigt noch die Spuren herber Stimmungen. Viele Thränen sind wohl über die Wangen in das hohe, halbverdorrte Gras gerollt. Doch nun ist es selbst ein Friedhof, ihr Antlitz. Ermüdet sind die Muskeln, die aufzuckten unter der Macht des Erdenelends, die Lippen haben sich geschloffen, fest zusammengepreßt, nachdem sie gejammert, gedankt und angerufen. Die Augen, die von der Scholle des Grabes sich zu der Wohnung der Seelen emporgehoben, sind sanften Blickes. Ja, die Frau hat den Trost gefunden, den sie gesucht. „Hier habt Ihr etwas für die Feiertage, und ein gesegnetes Jahr wünsch' ich Euch," fährt sie, zu Hannah gewendet, fort. „Ich danke, Madame," sagt Hannah. „Ich kann's brauchen. Bin die längste Zeit den Berg hinaufgekeucht." „Wer ist denn das Jüngelchen da, Hannah?" „Es ist ein Judenkind. Aber er gehört nicht hierher. Es kommen mit jedem Jahr mehr Nehmer als Geber." Da faßt unser junger Freund sich ein Herz und spricht: „Ich bin aus Seedorf. Meine Mutter muß sich sehr plagen. Wir haben unser Winterholz noch nicht bezahlt, und dem Doktor sind wir auch noch Geld schuldig." Die gute Frau giebt ihm ein hartes Geldstück. David eilt hinter das Reinigungshäuschen. Dort springt er vor Freude in die Höhe, dankt Gott und weiß sich kaum zu fassen. Die gütige Spenderin hat noch mehr Bettlerposten zu passiren. Es sind Christen, die sich entfernt von der ungeselligen Hannah aufhalten. In der | Zwischenzeit rutscht der Kleine auf dem Dache des Häuschens umher, knickt den Gräsern den Kopf ab oder schneidet Weiden von einem dem Dach entsproffenen Stock. Wenn Geber in Sicht sind, nimmt er ihnen das Buch ab. Hannah hat ihre Hand voll großer Silbermünzen. Doch ihr Herz bleibt kalt. Des Kleinen Geldbörse will nicht mehr zugehen — seine Augen funkeln. Vom Dorfe läutet es Mittag. Der Aufseher des Begräbnißplatzes schlägt die schwere Thür am Todtenhäuschen zu. Seine | Tochter trägt die Andachtsbücher im Armkorbe. Der Betteljunge wünscht dem Manne gute Feiertage und eine „gute Einschreibung". So verlassen Alle den wieder einsam gewordenen Todtenacker. In wenigen Stunden, wenn sich die schwarzen Flügel der Dunkelheit auf die Erde senken, empfängt ein trauliches, herrlich erleuchtetes Heim die vom Gotteshause heimkehrenden Israeliten. Voll frommer Rührung, thränenden Auges wünschen Männer einander ein gutes Jahr. Der Berg bleibt öde. Mit dem Dichter verabschieden auch wir uns: Schlaf, Israel, wohl! Der Hauch der Nacht Umweht den öden, grau'nden Ort, Wo Keiner lacht und Keiner wacht. Wo bleich die Wetterdistel dorrt. Voll Schmerzgedanken wandr' ich fort.