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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-16 · Heft 37 (16.9.1898) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 37 (16.9.1898)
Date
1898-09-16
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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441 Ner „Berg" oder der „IrrdenWgel" auf den SaMergen. Bon R. Heinrich. fie Haßberge, lieber Leser, erheben sich in Franken unvermittelt aus dem Grabfelde bei Königshofen und erstrecken sich in der durchschnittlichen Höhe von 450 Meter in südöstlicher Richtung bis nach Bamberg hin. Herrliche Eichenwaldungen schmücken die steilen Abhänge. Auf dem Kamme zieht sich seit vielen hundert Jahren eine wohlgepflegte Fahrstraße — der Rennweg — von der Ruine Wildburg bis zur Ruine Bremberg bei Königsberg, sie stellte im Mittelalter eine Verbindung her zwischen den auf beiden Burgen gebietenden Adelsgeschlechtern. Das Gebirge trennt, mehr als ein Meerestheil, die auf beiden Seiten wohnenden Menschen von einander. Selbst die Wolken machen nach dem Volksglauben oft Halt am Kamme und kehren bei schweren Gewittern lieber den Weg zurück. Aber da die Berge ohne vorgelagerte Hügelketten einsam die Gegend beherrschen, so eröffnet sich, namentlich nach Osten hin, oft eine überraschend herrliche, weite Aussicht bis in das Thüringer Land hinein. Da, wo der Zug bei Kleinbardorf beginnt, schweift unser Blick bis zu den blauen Linien der Rhön im Nordwesten und bis zu den Gleichbergen, die gleich einem Doppelriesen den Zugang zu dem .amphitheatralisch aufsteigenden Thüringer Walde bewachen. Etwas südlicher winkt uns die Heldbucg, und noch etwas weiter die Veste Koburg. Das Frankenland ist von Israeliten viel bewohnt. Nirgends haben sich Christen und Juden so an einander gewöhnt, sind sie so ineinandergewachsen als auf jenem Boden. Dort gehen Jüdinnen mit christlichen Jungfrauen Arm in Arm, sitzt der Jude mit dem Pfarrer und dem „Herrn Lehrer" einträchtig am Honoratiorentisch, dort wird die Kirmes von Jud und Christ zusammen gefeiert, dort wird aber auch das herbe Leid gemeinsam getragen und ehrlich getheilt. Die Juden betreiben mancherlei Geschäfte. Fast alle haben sie Landeigenthum, das sie selbst bewirthschaften. Sie ackern, säen und ernten. Ihre Frauen mähen und schneiden, holen Gras und Klee. Sie tragen die Tracht des Landes. Nur das Gesicht läßt ihre Abstammung von den kanaanitischen Bauern erkennen. Viele handeln nebenbei mit Vieh. Manche betreiben das Geschäft im Großen und bedürfen zum An- und Verkauf der Unterhändler, die vom Zu- und Ueberreden leben. Der Landmann liefert ihnen für ihre Dienste Getreide, der Großhändler entschädigt mit Geld. An Werktagen trifft man in fast allen Bauerndörfern eine Anzahl Handwerksleute, die eine Kuh antreiben oder sonst ein Geschäft zu machen suchen und sich dann im Wirthshause bei einem Glase Bier und stark duftendem, selbst gemachtem Käse treffen und ihre Erfahrungen austauschen. Nebenbei haben die fränkischen Juden noch ein drittes Erwerbsmittel. Es giebt Schuhmacher, Schneider, Metzger, Bäcker, Seifensieder, Kaufleute. Arbeitsamkeit, die einzige Quelle ihres Wohlstandes, ist ihnen demnach nicht abzusprechen. Gern geben sie vor ihrem Vermögen Leidenden und Dürftigen. Nichts in der Welt vermag den Wohlthätigkeitssinn der Juden in den Schatten zu stellen. Die Selichoßtage beginnen. Die Juden leben unter dem Wehen der heiligen Zeit, in der Erwartung des Tages der großen Versöhnung. Mit dem Hahnenrufe versammeln sie sich im Gotteshause, Jung und Alt, Reich und Arm, Mann und Frau. Dort rufen sie Gott, den Vater der Liebe, an um Nachsicht, um Leben und Segen, wenn er die Welt richtet. Wenn im Kampfe des Lichts mit der Finsterniß der Tag das Dunkel, die Sonne die grauen Nebel des Herbstes besiegt, dann haben sie ihre Gebete vollendet und gehen ihrem Berufe nach. Viele betrachten es aber als heiligste Pflicht, im Mn Jahre noch einmal die verstorbenen Eltern auf ihrem Grabe aufzusuchen, dort zu weinen, zu beten und zu bitten. Der Umstand, daß die jüdischen Gemeinden oft nur in kurzen Entfernungen von einander liegen, vielleicht auch der, daß in alten Zeiten für Juden Grund und Boden schwer zu erwerben war, veranlaßt dazu, Kreisfriedhöfe anzulegen, wohin denn 10—20 Gemeinden ihre Todten zum ewigen Schlafe brachten. Merkwürdig ist der Friedhof von Klemberdorf. Die Juden nennen diesen von weit und breit benutzten Friedhof schlechtweg „Berg", die Christen nennen ihn „Judenhügel". Er macht einen unverlöschlichen Eindruck auf jeden Besucher. Aus einem Thale erklettert der starke Wanderer nur mühsam den steilen Abhang, erklimmen Pferde mit dem Todtenwagen einen Kamm von 460 Meter Höhe. Wie treffend singt Bechstein: Empor den steilen Felsengrat Steig ich, aufathmend, aus dem Thal. Um Bergeszinnen fließt noch matt Des Abends letzter, bleicher Strahl; Schon Spätherbst ist's, der Wald ist fahl. Die Höh' erreicht! Der Fuß gewann Des Bergs Hochebenrücken, leer; Fliegender Sommer überspann Die Stoppelfelder kreuz und quer. Und Schatten lagen drüber her. Hellweiße Steine steh'n in Reih'n, Wie Geister nebelvoller Trift, Denkmäler ohne Schilderei'n, Geliebter Todten letzte Gift, Voll räthselhafter dunkler Schrift. Die Steine, auf der rechten Hälfte des „Gutortes", schlicht und einfach und weißer Sand, sind verwittert, und in die Erde gesunkenes Buschwerk hat fast alle überwuchert. So geht es weit über 500 Meter in die Länge und einige hundert Meter in die Breite. In der neueren Zeit stattet man die Grabdenkmäler etwas kunstvoller aus, man wählt auch häufig schwarzen Granit. Früher war jede deutsche Aufschrift verpönt, jetzt kündigen deutsche Lettern auf der Rückseite den Namen des unten Schlummernden an. Auf, laßt uns im Geiste den „Berg" besteigen! Eilen wir der Schaar der Besucher, die von allen Seiten am Erew-Rosch-Haschonoh der Grabstätte Zuströmen, voran! Es ist kalt auf dem Friedhof. Die Winde tragen den nordischen Sommer der südlichen Hälfte unseres Planeten zu. Die Wolken jagen eiligst dahin und entziehen minutenlang der Erde den nur noch schwachen Wärmestrahl der Sonne. Die Birken lasten es geschehen, daß der Wind ihre gedankenlos herabhängenden Zweige über die Gräber dahin rüttelt. Sie sollen sich daran gewöhnen. Wie wird erst der Winter mit ihnen umspringen! Birke, du trefflicher Gefährte des Grabhügels! Deine schwanken Zweige sind ein Sinnbild des im Strudel des Lebens machtlosen Menschen. Mischet, ihr Waldbäume, euer Rauschen in das Geflüster der abgeschiedenen Seelen, damit die Predigt der Todtenstätte wirkungsvoller werde Sonntag ist's. Von weiter Ferne bringen die Luftwellen das Geläute der Glocken herüber. Vom Berge aus hat man die reizendste Fernsicht. Man steht im. Mittelpunkt eines großen Kreises, deffen Peripherie hohe Gebirgszüge bilden.

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