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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-16 · Heft 37 (16.9.1898) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 37 (16.9.1898)
Date
1898-09-16
Page
Seite 440 (sequence 8)
Language
German
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- 440 - Der Prophet blickte in das Thal Josaphat hinauf, welches sich nordwärts an beiden Ufern des Kidron ausdehnte. An dem Abhange des Oelbergs lag ein großer Garten, hauptsächlich zum Anbau von Aepfelbäumen bestimmt, daher Gethsemane genannt. Zwischen der reichen Pflanzung von Oelbäumen erhob sich eine einfache, ländliche Hütte. Nach allen Seiten von diesem Punkt aus war der Oelberg mit den segensvollen Bäumen bedeckt, welche ihm seinen Namen gegeben. Als der Prophet nach dem erwähnten Garten blickte, waren seine Züge von einer düsteren, feindlichen Bewegung ergriffen. „Sieh," murmelte er, „in jener Hütte wohnt eine Frau-~" „Eine Frau," sprach Sethron ungeduldig nach. „Sie ist ein Kind Edoms," stieß der Prophet mit Anstrengung hervor. „Kind Edoms," murmelte Sethron, besten Augen an den Lippen des Propheten hingen. „Verflucht sei der Tag ihrer Geburt! Ich habe sie einst geliebt!" Der Aegypter fuhr zurück. Der Mann Gottes von Silo bebte unter der Herrschaft von Leidenschaften. „Sieh," sagte er in tiefen, ausdrucksvollen, fast zornigen Tönen, „dies Weib wandte mein Herz von dem Herrn ab, da ich ein Jüngling war und durch die Wüsten zog. Der Fluch jener Tage, wo ich eine Heidin geliebt, liegt noch jetzt auf meinem Nacken und hat mich pilgernd durch die Länder der Heiden getrieben. Aber die Buße ist nicht zu Ende, sie fordert die Vernichtung des Weibes, welches niein Herz von Gott wandte." „Große Isis!" rief der Aegypter fast erschrocken. „Du willst eine Frau tödten, weil Du sie liebtest, da sie noch ein Mädchen war?" „Meine Hand bleibt vom Blute rein." sagte der Prophet finster. „Aber der Herr hat die Hände geschaffen, welche die Abgöttischen und Abtrünnigen niederschmettern sollen. Das sind die Kinder Israel, welche mein Wort gegen die Edomiterin entflammte. Wenn der Abend sinkt, werden Männer mit Waffen nach Gethsemane herausströmen, und es wird der Wille Jehovahs erfüllt werden." „Fürchterlich!" murmelte der Aegypter schaudernd. „So Blutiges wäre Gottes Wille?" Der Prophet blickte mit wildem Ausdruck in den dunkeln Augen nach dem Oelberg hinüber und erwiederte nichts. Nach einer Pause wandte sich Sethron wieder zu dem anfänglichen Gegenstände des Gesprächs. „Du wolltest sagen, kluger Ahija, wohin Reson die Erbin Edoms geschleppt?" Der Prophet zeigte mechanisch nach dem Garten hinüber. Sethron stieß einen Ausruf der Ueberraschung aus. Dann grinste wieder die Freude aus seinem schwärzlichen, schelmischen Gesicht. „Kluger Ahija!" rief er, „es muß uns alles daran gelegen sein, die Erbin Edoms in unsere Gewalt zu bekommen. Das ist der Wille des Pharao." „Er hätte ihr nicht gestatten sollen, sich von Thebais zu entfernen." „Kluger Ahija, damals warst Du noch nicht zu Thebais angelangt, und der Pharao wußte noch nichts von dem kühnen Helden Jerobeam." Der Prophet wandte sich jetzt um, und indem er sich auf seinen langen Stab lehnte und den Aegypter scharf anblickte, sprach er: „Wohlan, Sethron, wir versteh'n uns in dieser Sache, und es ist, als spräche ich mit dem Pharao selbst. Aber höre, Schelm, wenn Du nicht aufrichtig und offen bist —" Der Aegypter schlug ein Helles Gelächter auf. „Kluger Ahija," rief er, „ich kam herüber von Aegypten mit zwei Aufträgen. Der eine befahl mir, den ehrlichen Narren Reson mit den Versprechungen des Pharao hinzuhalten. Der andere Auftrag hieß mich mit Ahija sprechen, wie EdomS und Israels Kronen auf eineni Haupte zu vereinen seien." „Das ist es, guter Sethron, das ist es!" — und das Auge des Propheten leuchtete. „So wiffe denn," fuhr der Aegypter fort, „daß Pharao Sisak mit diesen Plänen einverstanden ist, und daß er den Helden Jerobeam gütig empfangen und ihm sogleich ein Heer anbieten wird. Der kecke Anschlag Resons, Edom gegen Israel auszulehnen, ist verworfen und vergessen worden. Doch bleibt übrig, daß Naemi wieder in unsere Gewalt komme. Dann vermähle sich Jerobeam mit der Erbin Edoms und stürze Salomo vom Throne Israel." „Doch eher sterbe sie ihrem Volke ab", rief der Prophet rasch, „und werde durch heilige Gebräuche Jehovahs Kind!" Der Aegypter zuckte mit vollkommener Gleichgiltigkeit die Achseln und sprach: „Wie aber, kluger Ahija. entreißen wir das Mädchen dem Edomiter?" Der Prophet blickte vorsichtig um sich, doch so weit die grüne Landschaft reichte, belauschte Niemand die beiden Sprechenden. Dann sagte der Prophet in gedämpften Tönen: „Höre! Da ich am Todten Meere heraufzog, sprach ich mit Reson und nannte ihm die Grabmäler Sauls und Davids, wo Ahija ihin Nachrichten aus Aegypten mittheilen werde — denn wir stimmen scheinbar in seinen Aufstand, und zu Ezjon-Geber sprach Jerobeam mit dem unbedachten Edomiter. — Höre, kennst Du die Grabmäler Sauls und Davids?" Der Aegypter machte eine ungeduldige Geberde, worauf der Prophet fortfuhr: „Hast Du Deine Männer aus der Wüste bei Dir?" „Sie schlichen sämmtlich herein unter dem Gefolge der Sabäerin." „Wohlan," sagte der Mann von Silo, „nimm sie zu Dir, und laure heute zur Abendzeit um die Grabmäler. Laure heute, und laure morgen. Reson wird kommen, denn er ist zu Jerusalem." „Und dann?" rief der Aegypter mit funkelnden Augen. „Dann führe den Gefangenen zum Berg Bezetha, unweit Moriah, wo die Höhle Ahijas unter den Schlingkräutern versteckt ist. Ringsum grasen die Heerden auf den Abhängen, und nur wenige Hütten sind zwischen Bezetha und den Gräbern der Könige. Und sobald die That gelungen, melde mir's an. Unter jenen Oelbäumen harrt Ahija der Entscheidung Jehovahs." „Und während ich Reson feßle, trägst Du Naemi durch das wüthende Volk — die Braut Jerobeams?" „Die Braut Jerobeams!" rief der Prophet mit funkelnden, triumphirenden Augen und drückte dem Aegypter die Hand. Etliche Minuten später schritt Sethron wieder nach Jerusalem hinein, während Ahija über die Brücke des Kidron ging und unter den Bäumen am Oelberge verschwand. Es war drei Stunden vor Sonnenuntergang, als sich beide Männer trennten. (Forts, folgt.)

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