Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 439 —— Der weise Monarch Preußens reißt durch seine Großherzigkeit zur Bewunderung hin, und er hegt unzweifelhaft die wohlwollendste Gesinnung für die Juden Preußens, seine Unterthanen. Allerhöchstderselbe dürfte vielleicht mit der Lage des Juden, mit dessen Gefühlen nicht ganz vertraut sein: die Kabinetsordre ist aus der besten Abficht hervorgegangen, aber fie erfüllt nicht ihren Zweck. Durch ihre Verwirklichung würde der Jude wieder in sein Ghetto zuri'rckgeworfen, aus dem Staat, dem Bürgerverbande theilweise ausgeschieden werden. Der Jude will nicht gesondert im Staate sein; will keine Zunft, keine Innung, keine Korporation bilden, will nicht Absonderung durch Abzeichen, durch Judengafsen, durch Nichtmilitärpflichtigkeit, durch Ausschließung der Wählbarkeit zu Kommunalvorständen. Der Jude will nicht diffamirt sein, er verdient auch nicht solche Zurücksetzung, da er doch seinem Baterlande ganz angehören will, ganz angehört! Es hat fich nun, mein Freund! mir nach genauer Erwägung die Anficht aufgedrungen, daß, da der hochherzige König das Wohl der Juden Preußens will, diese aber durch Nichtmilitärpflichtigkeit und Korporation fich in ihrem Innersten tief gekränkt sehen, es dem Gemeindevorstande der Juden zu Berlin und Ihnen, der Sie sich so verdient um Ihre Brüder schon in vieler Hinficht gemacht, obliege, Vorstellungen, die von dem weisen Monarchen nicht unberückstchtigt bleiben werden, zu erheben und das Herabwürdigende dieser zum Gesetz erhobenen Kabinetsordre nach Ihren innersten Gefühlen darzustellen und darauf anzutragen, im Falle Se. Majestät nur auf Grundlage dieser Ideen Verbesserungen der jüdischen Zustände vornehmen, wollen Sie die Bitte wagen, es möge der Zustand der Juden wie bisher verbleiben, und die Gemeinde nimmt ihr Gesuch um Verbesserung zurück. Der König kann in seiner Gerechtigkeit Ihnen wenigstens letztere Bitte nicht abschlagen, und so ist die Ehre des Judenthums und der Juden gerettet. Ich komme nun noch zu einer Mittheilung, die durch Obiges hervorgerufen wurde. Die Juden bilden nur eine Religionsgemeinde; dieses ist die Stellung, die der heutige, auf freiere Prinzipien basirte Staat und ihre eigene fortgeschrittene Bildung ihnen anweiset. Diese Idee wurde in Sachsen realistrt seit meinem Eintritt in mein hiesiges Amt. Die Juden sind zwar hier zu Lande noch nicht ganz bürgerlich gleichgestellt — wir wollen nicht vergessen, daß der erste Schritt erst 1835/37 gethan wurde — doch ist die jüdische Konfession nicht geduldet nur, sondern vom Staate als solche mit völliger Religionsfreiheit anerkannt. Ihre religiösen Angelegenheiten werden vom Kultusministerium, das aber sich nie einen Eingriff in das innere religiöse Wesen gestattet, überwacht, und es wird auch vom Staate ein jährlicher Zuschuß zum jüdischen Kultus geleistet. In übriger Hinsicht ist auch der leiseste Gedanke einer Korporation entfernt: Die Juden haben die Kosten für ihren Kultus, wie jede Religionsgemeinde, außer vorbemeldetem Zuschüsse aufzubringen, aber ihre Armen werden von der Stadtarmenkasse, ihre Kranken in?Stadtkrankenhause ff. versorgt. Sie erkennen demnach, welcher tolerante, humane Geist die hohe Staatsregierung Sachsens belebt. Der israelitische Gemeindevorstand hat in einem Schreiben vom Oktober v. I. mir den ehrenvollen Antrag gemacht, als Oberrabbiner der israelitischen Gemeinde zu Berlin dahin zu gehen. Ich habe nach tiefem Erwägen diesen Antrag nicht zurückgewiesen, da ich mir einen großen Wirkungskreis versprach und mir mit der Hoffnung schmeichelte, für eine bessere Gestaltung der dortigen religiösen Angelegenheiten Manches wirken zu können. Sie schrieben mir in Ihrem Geehrten vom 21. d. Mts., daß nun die Wahl definitiv vor sich gehen werde, und ich sehe mich daher veranlaßt, als redlicher Mann Ihnen meinen festen, unwandelbaren Entschluß hiermit anzuzeigen, daß ich unter jetztbewandten Umständen als freier und die Ehre seines Glaubens und der durch diesen Glauben ihm verbundenen Brüder mit der größten Aufopferung liebender Mann nicht als Jude in den preußischen Unterthanverband eintreten kann. Dem rechtlichen Mann geht seine Ueberzeugung über Alles: die preußischen Juden find gehalten, wie auch die Umstände fich gestalten, für das Wohl des Königs und des Königshauses zu beten. Dem fremden Juden, der nicht Preuße ist, muß die Ehre seines Glaubens am Herzen liegen, und er darf daher um so weniger von einem Orte, wo nicht jene Absonderung dem Juden zugemuthet wird, sich entfernen und unempfindlich gegen die von einem Staate drohende Zurücksetzung bleiben. Belieben Sie Ihre Herren Mitkollegen diese Mittheilung zu machen und zu veranlassen, daß diese Wahl einstweilen fistirt werde. Ich werde übrigens die nächste Woche Gelegenheit ergreifen, mich offiziell an den Vorstand darüber auszusprechen. Genehmigen Sie die Berficherung meiner unverbrüchlichen Freundschaft. Der Ihrige Dr. Z. Frankel, Oberrabbiner." (Fortsetzung folgt.) EUILLETON . o _ Nie Rose von Sarsn. Line Erzählung. XU. der östlichen Seite Jerusalems rauscht ein Bach von Norden nach Süden durch das enge Thal Josaphat. Dies Thal und dieser Bach trennt den Oelberg und Moriah mit dem Tempel von einander. Ueber den Bach Kidron führt die Stratze nach Bethania, welches gegen Osten dem Todten Meere zu liegt. Oberhalb Moriah befindet sich das Thor, welches auf dieser Seite aus den Mauern Jerusalems führt. Es war am neunundvierzigsten Tage oder an dem Tage vor dem Sabbath, mit welchem das Fest der Wochen begann. Bald nach Mittag sah man zwei Männer aus dem Thor der Stadt schreiten und gegen die Brücke herunterkommen, welche über den Bach Kidron führte. Daselbst angekommen, blieben sie in eifrigem Gespräch unter den Oelbäumen stehen, welche die Ufer bedeckten. Diese zwei Männer waren beide ausdrucksvolle Gestalten, beide in hohem Mannesalter stehend, der Eine, Größere, ohne Zweifel ein Kind Israels, der Andere, von dunklerer Gesichtsfarbe, kleinerer und schmächtiger Figur, ein Sohn heißer Zone. Die Sprache, in welcher die Beiden mit einander redeten, war die Sprache der arabischen Völker. „Seit wann hausest Du innerhalb Salem, schelmischer Aegypter?" fragte der Hebräer. „Seit wann?" erwiederte Sethron in seiner kurzen, fast unverschämten Weise. „Bei den hundert Thoren Thebens! — seit die Königin der Sabäer ihre Kameele am Quell Siloah tränkte!" „Und seit wann ist das geschehen, wenn's Dir beliebt?" „Zwei Sonnen gingen seitdem nieder." Der Prophet von Silo, den der Leser bereits erkannt hat, legte den Finger nachsinnend an seine Lippen. „Ich kam gestern hier an," sagte er dann, „und vor mir her zog Reson, der Edomiter, und — Nasmi!" Der Aegypter that einen plöhlichen Satz der Ueberraschung und der Freude, wobei er seltsam grinste und die weißen Augäpfel verdrehte. „Bei der großen Isis!" rief er, „das ist ein kostbarer Fund und ein freudiges Wiedersehen. Wohin schleppte der Edomiter seine Beute?" „Mich dünkt, sie folgte ihm sehr willig. Der schlaue Abenteurer bezauberte ihr Herz." „Wohin schleppte er das Mädchen? Wohin, kluger Ahija?" rief der Aegypter ungeduldig.