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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-16 · Heft 37 (16.9.1898) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 37 (16.9.1898)
Date
1898-09-16
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 schule, die Kastellan- und Portierwohnung und auf dem Hinterlande, zugänglich durch eine breite, stattlich ausgebildete, überwölbte Durchfahrt, über einen architektonisch abgeschlossenen Vorhof, das eigentliche Synagogengebäude mit feinen nahezu 2000 Sitzplätzen (ca. 200 mehr als in der Synagoge Lindenstraße) errichtet worden. Die eigenthümliche Grundstückslage und die Orientirung des Allerheiligsten nach Osten brachte es mit sich, daß der Eingang zur Synagoge von der Südseite aus erfolgen mußte. Drei große Portale mit Rundbogenfenstern und reich dekorirtem Giebel schmücken die Eingangsfront, die, wie alle Fassaden, aus rothen Blendziegeln mit grün glastrten Ziegeln und stellenweisen Putzflächen architektonisch in romanisirendem, gothischem Stile durchgebildet und ausgeführt worden stnd. Durch die Portale gelangt man zu einer Vorhalle, von welcher ein Treppenaufgang zu den Frauenemporen, ein Eingang direkt in die Synagoge, zwei andere in eine geräumige, zweischiffige Halle mit ausgedehnten Garderoben! führen. Bon der Halle führen wiederum drei Thüren direkt in den Synagogenraum. Die Synagoge ist ein langgestreckter, nach Osten orientirter Hallenbau, bestehend aus Mittelschiff von 13.80:36 Meter und zwei Seitenschiffen, die sich nach dem Chor, rechts und links, kreuzschiffartig um 4,50 Meter beziehungsweise 9 Meter erweitern. Das Innere zeigt einen weiträumigen Saal, dessen schöne gewölbte Decke von nur sechs schwarzen polirten Granitsäulen getragen wird. Breite Emporen, für die Frauen, umziehen die Nord-, West- und Südseite, während an der Ostseite der Sängerchor mit Orgelnische und das Allerheiligste mit seinen Estraden in prächtiger Durchbildung angeordnet ist. Der Jnnenraum macht mit seiner einfachen, aber echt monumentalen Malerei, die nur am Chor gesteigert ist, einen schönen und außerordentlich feierlichen Eindruck, wozu die prächtige Wirkung der meisterhaft von A. Lüthi in Frankfurt a M. ausgeführten farbigen Glasfenster nicht wenig beiträgt; auch die schönen elektrischen Kronen im Jnnenraum und die Kandelaber am Allerheiligsten von der hiesigen Firma Frost & Söhne erhöhen noch die weihevolle Stimmung. Der Altar resp. der Abschluß am Allerheiligsten ist von Cottaer Sandstein in reichster Durchbildung vom Hofsleinmetzmeister Niggl ausgeführt worden. Hinter der Allerheiligstenwand und unter dem Orgelchor stnd der tägliche Betraum und die Rabbiner- und Vorzimmer angeordnet. Zwei große runde Nebentreppen an der Chorwand vernesteln einen weiteren Zu- resp. Ausgang von den seitlichen Emporen und Ostempore, während von der Westseite, außer der schon erwähnten Treppe, die in die Vorhalle mündet, noch eine zweite große Treppe angebracht ist, welche zur unteren und oberen Westempore hinaufführt, so daß vier Treppen bei einer eventuellen Panik den Synagogenbesuchern zur Verfügung stehen. Auch die Frauenemporen haben große, weiträumige Garderoben und Klosetanlagen, letztere liegen an der Nordfront. An der Nordfront ist ferner im unteren Synagogenraum, zugänglich vom Garderobenraum und dem Männerraum, das sogenannte Trauzimmer mit besonders festlicher Malerei eingerichtet. Im Männerraum stnd rot. 850, auf den Emporen für die Frauen 1027, im Betsaal 46, für Sänger 60 Sitzplätze vorgesehen. Der Synagogenraum und der Trauraum werden durch Luftcirkulationsheizung, die Vorräume, der Betsaal und die Klosets durch Heißwasserheizung erwärmt. Feuerstellen sind sechs, drei im Westen unter der Garderobe, drei im Osten unter dem Chor. Die Heißwasserheizung wird im Winter täglich, die Luftheizung nur Freitags und Sonnabends und an hohen Festtagen, wie bei Hochzeiten, in Thätigkeit gesetzt. Die mit schönem einfachen Prospekt im Chor über dem Allerheiligsten aufgestellte Orgel wurde von E. F. Walcker L Co. in Ludwigsburg gebaut, und ist bei der Zusammensetzung der 43 klingenden Stimmen besondere Rücksicht auf den jüdischen Kultus genommen worden. Ganz besonders hervorzuheben ist die ausgezeichnete Akustik; jedes Wort der Gebete ist bis in die letzten Ecken vernehmbar. Orgel und Gesang klingen prachtvoll. Möge das neue Gotteshaus ein Haus der Andacht und der Erhebung werden für die Gemeinde, der es erbaut worden. Zacharias Frankel in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. VII. ie Angelegenheit war nun, wie es den Anschein hatte, im besten Gange, als Frankel mit einem Male infolge der judenfeindlichen Haltung der preußischen Regierung die Unterhandlungen abzubrechen drohte. Am 26. Januar 1842 schrieb er an Muhr privatim: „Ich bin ungemein entrüstet über diese Kabinetsordres, und steht mein Entschluß fest, nicht nach Berlin zu gehen." Offiziell und in der Absicht, daß seine Worte an kompetenter Stelle gelesen werden, richtet er an feinen Freund folgenden inhaltreichen Brief, der ein geschichtliches Dokument von hoher Bedeutung ist: „Dresden, den 26. Januar 1842. Mein sehr geehrter Freund! Ihr Schreiben vom 21. d. M. hat wie gewöhnlich mich erfreuet, da es mir Nachricht von einem mir sehr theuern und sowohl durch seine Gesinnung als seine unermüdliche und uneigennützige Thätigkeit ehrenwerthen Mann brachte; doch muß ich Ihnen auch bekennen, daß dieses Schreiben mich durch verschiedene mir daselbst gemachte Mittheilungen sehr unangenehm berührte und eine trübe Stimmung hervorbrachte, deren jeder mit unserem Volke Gutmeinende sich kaum bei solcher Nachricht würde erwehren können. Schon die Kabinetsordre des Königs von Preußen vom 13. Dezember v. I., welche die Leipz. Allg. Zeitung mittheilte, hatte etwas Befremdendes in dem Ausdrucke: „welche Gerechtsame den jüdischen Gemeinden als Korporationen beizulegen seien". Jüdische Gemeinden und Korporationen, in welcher Verbindung stehen diese zwei Begriffe? Eine Korporation ist die Vereinigung mehrerer Individuen, die durch Geburt oder durch ihre von ihnen gemeinschaftlich betriebene Kunst oder Gewerbe sich entweder gewisser Vorrechte oder mindestens gewisser Rechte erfreuen, und zu deren Bewahrung eine Abgrenzung gegen fremden Eintritt oder Eingriff festzusetzen suchen: eine Korporation ist in vieler Hinsicht identisch mit einer Kaste, da auch sie gewisse politische Rechte der übrigen Staatsgesellschaft gegenüber in Anspruch nimmt und sie durch eine Abmarkung gegen außen schützen will, daher auch die Korporation in politischer Hinsicht als ein besonderer Körper betrachtet werden muß. Was hat aber eine Konfession mit einer Korporation gemein? Welchen Einfluß soll die Ausübung religiöser Gebräuche auf staatliche Absonderung hervorbringen? Warum will der Staat die Bekenner eines Glaubens in eine Absonderung hineinzwängen, da doch dieser Glaube nicht auf staatliche Vorrechte Anspruch macht und seine Bekenner allen Staatsobliegenheiten, allen Pflichten des Bürgers Nachkommen wollen? Ist es etwa im Interesse dieses Glaubens selbst, und fürchtet man, daß, wenn er nicht als Abgegrenztes, Abgesondertes dasteht, er sein Eigenthümliches verlieren und sich nicht in seinem uralten Gepräge erhalten werde, so liegt solche Besorgniß eigentlich nur seinen Bekennern ob: würden diese sich erklären, daß, soll ihre Religion erhallen werden, sie eine Demarkationslinie zwischen sich und dem Staate ziehen müssen, die ihre Interessen von denen ihrer Mitbürger gesondert sehen und in sich ein Ganzes bilden wollen, das nur äußerlich mechanisch mit dem Staate Zusammenhänge, dann erst könnte zu erwägen kommen, wie weit solches Begehren zu gestatten sei; und würde auch ein Staat daraus eingehen, würde er einen solchen fremdartigen Bestandtheil, einen Staat im Staate dulden? Keineswegs! und ich darf nur an die ungerechten Vorwürfe erinnern, die man den Juden oft hierüber machte und zum Vorwand der Verweigerung der Emanzipation nahm. Und nun sollen die Juden in Preußen von Staatswegen in Korvorationen auftauchen? Welche Zurücksetzung im Staate selbst ist hier ausgesprochen, welcher Widerwille wird gegen die Juden rege gemacht, welche neue Scheidewand zwischen den verschiedenen Konfessionen aufgezogen, welche Zerwürfnisse unter den Juden selbst, welche Rückschritte zu einem mittelalterlichen Obskurantismus würde die Verwirklichung der Korporatiönsidee veranlassen! — Ich will, um mich über diese Folgen deutlicher auszusprechen, vorerst auf den Geist, der dieser Idee zu Grunde zu liegen scheint, etwas näher eingehen. Der leitende Gedanke, „das jüdische Volk befindet sich in dem geschichtlich einzigen Falle,

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