Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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MWW!WVWMMW8WWWWWWWW^ 436 und volle Gleichberechtigung in den Niederlanden gehabt, und auch in der Gegenwart ist dieser Staat eine der wenigen Inseln geblieben, die als sichere Zufluchtsstätte der Juden aus der Hochfluth des Antisemitismus hervorragen. Bei der großen Festlichkeit in der Amsterdamer Kirche zur Einsetzung der Königin war unter den geladenm Ehrengästen auch der Oberrabbiner von Amsterdam, Dr. I. H. Dünner. Selbstverständlich fand in allen Synagogen des Königreichs Festgottesdienst statt, und besonders die Amsterdainer Synagogen waren prächtig geschmückt; allen voran die alte portugiesische Synagoge, in der große Schätze von Gold und Silber verwendet waren. Auch das Ghetto von Amsterdam, die Joden Breestraat, ist mit ebenso großem Geschmack wie mit reichen Mitteln dekorirt worden. Besonders in den Abendstunden, in denen diese Straße die ganze Woche lang illuminirt war, zog sie die Aufmerksamkeit aller Fremden und selbst vieler Amsterdamer auf sich. Es ist allgemein bekannt, daß die junge Königin den Juden sehr wohlgesinnt ist. Man erzählt sich in Amsterdam darüber folgendes Histörchen: Bor einigen Jahren machte die junge Königin einen Ausflug durch die Stadt und wurde überall mit lautem Jubel begrüßt. Sie wurde plötzlich jedoch etwas unwohl und schlief ein. Als der Wagen durch das Judenviertel kam, hatte sich die Nachricht davon blitzschnell verbreitet, und die Juden bildeten Spalier, alle entblößten Hauptes, aber in größter Ruhe, um das Königskind nicht zu wecken. Der jungen Fürstin wurde später dieser Zug von liebevoller Rücksicht seitens ihrer jüdischen Unterthanen mitgetheilt, und sie hat ihnen dies Benehmen sehr hoch angerechnet. Aus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin, 11. Dezember. er heutige Tag war ein denkwürdiger und bedeutsamer in der Geschichte unserer Gemeinde. Denn heute Vormittag 12 Uhr fand die feierliche Einweihung der Synagoge in der Lützowstraße statt. Das Gotteshaus war bis aus den letzten Platz gefüllt. Vom Magistrat war der Bürgermeister Kirschner, ferner Stadtverordnetenvorsteher Dr. Langerhans, die Stadtschulräthe Bertram und Fürstenau und der Stadtsyndikus Weise in voller Amtstracht erschienen, von Stadtverordneten bemerkten wir u. A. die Herren Liebenow und Hammerstein. Vom Kultusministerium war Niemand erschienen. Vorstand und Repräsentanten der jüdischen Gemeinde hatten sich fast in corpore mit ihren Damen eingefunden. Nach kurzem Präludium der überaus melodisch klingenden Orgel wurden die sieben Thorarollen von den Rabbinern Dr. Rosenzweig, Dr. Stier, Dr. Weisse und den Herren Dr. Lachmann, H. Landsberger, Justizrath Tiktin und dem Kantor Rosenthal zur heiligen Lade, vor welcher ein kostbarer Vorhang aus rothem Sammet mit Goldstickerei prangt, gebracht, während der gemischte Chor in wirkungsvoller Weise „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!" intonirte. Nachdem alsdann durch Herrn Rabbiner Dr. Maybaum unter Segensspruch in feierlicher Weise das Anzünden der ewigen Lampe vollzogen wurde, recitirte Kantor Rosenthal mit gut geschulter, wohltönender Stimme das „Schma Jisroel!" Unter abermaligem Chorgesange mit Orgel- und Harfenbegleitung: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht" wurden die Thorarollen in die Lade hineingestellt und letztere mit den Worten geschlossen: „Wie einst Moses die Bundeslade an ihre Stätte geleitete mit den Worten: „Kehre ein, o Herr, unter die Schaaren Israels", so flehen wir, daß Dein Geist bei uns einkehre und Dein heiliges Wort unser Leben veredle. Eine segensreiche Lehre hast Du uns gegeben, o, daß wir nimmer von ihr lassen; denn ein Baum des Lebens ist sie Denen, die an ihr sesthalten, und wer sie erfasset, wird gesegnet. Ihre Wege find Wege der Anmuth und alle ihre Pfade voll des Friedens. Führe uns, o Ewiger, auf dieser Bahn zu Dir, daß wir Dir uns nähern. Erneuere unsere Tage zu unserem Heile." Unter den Klängen des Chors: „Haschivenu Adonaj!" bestieg alsdann Dr. Maybaum die Kanzel und hielt unter Zugrundelegung des Psalms 24: „Gottes ist die Welt und was sie füllet, das Erdenrund und seine Bewohner", eine wahrhaft erhebende und alle Anwesenden tief ergreifende Predigt. Der Redner wies darauf hin, daß das Fest der Synagogeneinweihung das größte Freudenfest sei und in religiöser Bedeutung und Tragweite jede andere gottesdienstliche Feier überrage, insofern es die Ereignisse und die Gedanken, welche den Lebensinhalt der Gesammtheit ausmachen, zusammenfasse. Die Synagogeneinweihung sei das Fest der Religion überhaupt. Ein neues Gotteshaus bringe der Gemeinde ihren Daseinszweck zu erneuter Anschauung, zeige ihr die Ziele, die sie erreichen, und den Weg, den fie betreten soll, es sei ein ehrendes Zeugniß für den religiösen Sinn der Gemeinde, für ihre Opferwilligkeit und Hingebung. Um so größer müsse die Festesfreude sein, als das neugeweihte Gotteshaus nicht an die Stelle eines alten trete, sondern die Anzahl der Heiligthümer der Stadt vermehre. Alle die Gedanken und Empfindungen, die einem solchen Weihefeste angemessen seien, enthalte der Psalm 24, der ein Einweihungspsalm sei. Das Gotteshaus sei für uns der Berg des Ewigen und seine heilige Stätte. Es sei uns erhabener als jeder andere Ort, weil wir hier losgelöst seien von dem Lärmen und Treiben der Welt, weil wir hier von der Gemeinde umrauscht uns zur Andacht erheben, weil wir hier den Gemeingeist lieben und für die Gesammtheit Opfer bringen lernen, weil hier die Verkündigung des Herrn ertönt, so laut und so eindringlich, wie wir es sonst nirgends vernehmen. Von solchen Gedanken und Empfindungen erfüllt, sprechen wir immer wieder, so oft wir an diese Stätte treten, wie einst der Patriarch: „Fürwahr, das ist ein Gotteshaus, und hier ist die Pforte des Himmelst" Auf den Menschen, auf sein Denken und Empfinden komme es an. Darum auch frage der Psalmdichter: „Wer steigt hinan den Berg des Herrn, wer wird bestehen an seiner heiligen Stätte?" Und seine Antwort sei auch unsere: Wer reiner Hände und lauteren Herzens ist. Die edle Thal empfange ihr Gepräge erst von der Gesinnung, die sie begleite. Die Menschen freilich sähen nur die That, und die Gesinnung bleibe ihnen stets verborgen. Gott, der Herzenskundige, kenne und richte aber jeden Widerspruch zwischen Hand und Herz. Religion und Gottesdienst sei nicht nur für die ungebildete Masse da, um ihren Begierden Zaum und Zügel anzulegen, während der Gebildete den Weg der Tugend selber erkenne. Ohne religiöse. Gesinnung und Bethätigung könne von wahrer Bildung überhaupt nicht die Rede sein. Je höher die Bildung, desto tiefer die Sehnsucht nach dem Uebersinnlichen. Darum sei dieses Haus ein wahres Gotteshaus. „Ihm, dem erhabenen Weltenthroner, dem König der Erde, vor dem jedes Knie sich beugt, und zu dem jede Zunge schwört, ihm, dem Hüter Israels, der es nie verläßt, ihm, dem Ewigen Zebaoth, der Frieden stiftet in den Tiefen und den Höhen, ihm nahen wir uns hier mit unseren Heils- und Friedensgebeten. Seinem heiligen Dienst weihen wir unsere Kinder, seiner treuen Hut geben wir den Herzensbund von Bräutigam und Braut anheim, seinen Trost erflehen wir für die Trauernden, seine Barmherzigkeit für die Hingeschiedenen, seine Huld und Gnade erbitten wir hier für Kaiser und Vaterland, seinen heilvollen Frieden für Israel und die Menschheit. So wächst dieses Haus je länger je mehr mit unseren theuersten und heiligsten Empfindungen zusammen, es wird die Quelle unserer seligsten Freuden." Nachdem der Chor den letzten Theil des Psalms der Predigt „Raget empor, ihr Thore" gesungen, weihte Dr. Maybaum mit innigen, zu Herzen gehenden Worten das neue Gotteshaus ein und sprach das Gebet für Kaiser und Reich. Mit dem unter Begleitung von Orgel, Posaunen und Pauken vorgetragenen Chorgesange des HallelujahPsalm 150 — endete die herrliche Feier der Weihe des neuen Gotteshauses. Den Eindruck, den das Bauwerk heute machte, war ein durchaus befriedigender. Wir können nur berichten, daß die Meinung vorherrschend war, das neue Gotteshaus im Westen unserer Stadt werde der Gemeinde zur Zierde gereichen. Ueber das Bauwerk selbst erhalten wir von einem hervorragenden hiesigen Architekten die folgenden sachverständigen Mittheilungen: Die Synagoge ist in der sehr kurzen Zeit von nicht ganz 1^ Jahren durch die bewährten Architekten Cremer & Wolffenstein fertiggestellt worden und kann sich den modernen Synagogenbauten in außerordentlich würdiger Weise anschließen. An der Lützowstraße selbst ist auf dem nur 12 Meter breiten Bordergrundstück ein Gebäude für die Religions