Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 435 - und die Teilnahme der Bürger Oesterreich-Ungarns. Denn eine Fürstin von großer Seelengröße ist hier durch Verbrecherhand hinweggerafft. Im Glanz des Thrones hat sie stets die Pflicht zu ihrem Gesetze gemacht und die Liebe, ohne Unterschied der Konfession, zu ihrem Lebenselement. Wie sie eine aufopferungsvolle Gattin, wie sie eine allezeit sorgende Mutter gewesen, wie sie ihrem Volke in schwierigen Zeitläuften als stillwaltende Vorsehung sich erwies, wie sie eine Helferin der Armen, eine Fürsprecherin der Verirrten war, so war sie auch ein Schutzgeist der Künste und Wiffenschaften. Die schwärmerische Liebe, die sie Heine gewidmet, ihrem Dichter, dem sie in ihrem Schlöffe ein Denkmal setzte, ist bekannt genug, und die greise Frau in Hamburg, Frau Charlotte Emden. Heines Schwester, wird sich wehmüthig der Stunde erinnern, da eine hohe, schwarzgekleidete Dame zu Hamburg an ihrer Thür klingelte und sich melden ließ zu längerem Besuch. Es war die Kaiserin Elisabeth. Die Verehrung für Heine führte sie sogar bis zu Jehuda Halevi, und bester als viele jüdische Salondamen kannte die hohe Frau die Dichtungen des kastilischen Sängers. Auch lebenden jüdischen Künstlern, Dichtern, Gelehrten hat ihre Huld sich fördernd und helfend erwiesen, und wir könnten manche intereffante und unbekannte Mittheilung darüber machen, die wir uns aber auf gelegene Zeit verspüren. Die hohe Frau war den Juden wohlgesinnt und machte nie ein Hehl daraus, daß ihr das gehässige Treiben der Antisemiten ein Greuel war. Die Trauer um die edle Fürstin, die in so entsetzlicher Weise enden sollte, ist eine allgemeine in der ganzen gesitteten Welt. * Nur noch die Dreyfus-Affäre vermochte es, selbst in dieser erregten Zeit das Interesse der Zeitungsleser zu fesseln. Die Nachrichten über die Revision widersprechen sich in einem fort, und der Schmutz, den auch die neueste Wendung dieser sensationellen Affäre aufwühlt, fällt fast ausschließlich auf das Konto der französischen Antisemiten. Um so wohlthuender berührt uns in diesen Tagen der Auszug aus einer evangelischen Predigt in einer Berliner Kirche, den ein Leser des „Berliner Tageblatts" diesem in folgender Zuschrift zugeschickt hat: „Der erste Abschnitt einer Predigt, welcher ich in der Friedrich- Werderfchen Kirche beiwohnte, ist wohl werth, in Ihrem geschätzten Blatte Erwähnung und damit weiteste Verbreitung zu finden. Der Kanzelredner, dessen Name mir unbekannt ist, sprach über die Macht der Wahrheit und entwickelte etwa Folgendes: „Auf einem Kirchhof in Hannover befindet sich ein Grab, dessen Steinplatte die Aufschrift trägt: „Dieses Grab soll in Ewigkeit nicht geöffnet werden." Ein kleines Samenkorn hat den Weg auf den Grabhügel gefunden, hat gekeimt und, zum Baum erstarkt, die Steinplatte gesprengt. So bricht fich die Wahrheit allenthalben Bahn, mögen auch noch so gewichtige Hindernisse ihrem Siege entgegenstehen. Bei solchen Betrachtungen lenkt sich unser Blick unwillkürlich auf die jüngsten unliebsamen Vorgänge bei unserem westlichen Nachbar. Dort hat.man einen Mann des schimpflichsten Verbrechens geziehen vor Jahr und Tag und wahrscheinlich unschuldig, jedenfalls aber unter völliger Nichtachtung bestehender rechtlicher Grundsätze, zu entehrender Strafe verürtheilt. Die wenigen Männer, welche in heiligem Zorn der Vergewaltigung der Wahrheit entgegentraten, hat man gesteinigt, und ein verblendetes Volk glaubte, unter diesen Steinen die Wahrheit begraben zu haben. Heute beginnt die Wahrheit dort zu triumphiren und wird, wie wir hoffen dürfen, in kurzer Zeit Lüge und Niedertracht bestegt haben." So weit die Predigt. Bei der politischen Verwirrung unserer Zeit wirkt es doch wahrhaft erquickend, solche Worte über den Fall Dreyfus von einer christlichen Kanzel in der Stadt eines Stöcker und Ahlwardt zu hören." * Auch bei den bevorstehenden preußischen Landtagswahlen haben die Juden in mehreren Wahlkreisen ein wichtiges, oft sogar entscheidendes Wort mitzureden. Werden sie immer noch nicht daran denken, auch endlich einmal ihre eigenen Interessen wahrzunehmen und sich nicht blos zum Heerbann der Parteien zu schlagen, die nichts für sie, oft aber manches gegen sie ersinnen und ausführen? Ein Beispiel dafür, wie die Juden aus diesem Anlaß behandelt werden, geben die Agrarier anläßlich der Wahlvorbereitungen in Tuchel-Konitz-Schlochau. Konservative und Liberale in diesem westpreußischen Wahlkreise haben das Kompromiß von 1893 erneuert, so daß wieder ein konservativer und ein liberaler Kandidat aufgestellt wird, mit dem Unterschied, daß an Stelle des bisherigen Abgeordneten Hilgendorff, der den Liberalen nicht genehm ist, ein anderer Konservativer kandidiren soll. Der „Deutschen Tageszeitung" schreibt man nun von dort, daß „die Ablehnung der Kandidatur des Abgeordneten Hilgendorff auf einige jüdische einflußreiche Männer zurückzuführen sei, denen Herr Hilgendorff angeblich zu antisemitisch gewesen sei. Auf diese Juden habe man Rücksicht nehmen zu müssen geglaubt." Und das Bündlerorgan bemerkt dazu, es könne unmöglich annehmen, daß die Liebedienerei gegen die Juden schon so weit gediehen sei. Wir wissen nicht, ob die Behauptung der „Deutschen Tageszeitung" zutreffend ist. Ist das aber der Fall, so kann jedenfalls von keiner „Liebedienerei" die Rede sein, sondern nur von einer begreiflichen Rücksichtnahme. Denn Herr Hilgendorff ist 1893 mit 266 gegen 245 polnische Stimnien, also mit nur 21 Stimmen Mehrheit gewählt worden. Es ist also sehr wohl möglich, daß die jüdischen Urwähler resp. Wahlmänner die Entscheidung in der Hand haben. * In der Katholik «»Versammlung zu Krefeld hatte Weihbischof Schmitz erzählt, daß von den sieben Millionen, die der Peterspfennig jährlich einbringe, drei Millionen an einer Stelle gesichert seien, während der Rest von den schwankenden Beiträgen der einzelnen Katholiken abhänge. Diese Mittheilung giebt nun einem antisemitischen Organ „Volksfrühling", herausgegeben von dem deutschnationalen Jugendbund in Dortmund, Veranlaffung zu folgenden Ausführungen: „Wie wir erfahren, ist die ungenannte Stelle (von welcher dem Papst jährlich drei Millionen Lire zur Verfügung stehen) das Haus Rothschild in Paris. Daß die rothe Internationale unter dem Oberkommando der goldenen Internationale steht, war uns längst bekannt. Daß auch hinter der Leitung der schwarzen Internationale das Oberkommando der Alliance Israelite auftaucht, registriren wir heute mit großem Interesse." Mit vollem Recht entgegnet die „Germania", daß offenbar der blindwüthige Haß gegen das Judenthum die Geisteskraft dieses schriftstellernden Jungdeutschland arg getrübt haben müsse, sonst würde dieses Organ nicht den Gipfelpunkt alles Unsinns erklommen haben. Aber die „Germania" möge auch mit sich ins Gericht gehen. Hat nicht dieses Organ des Katholizismus seit zwei Jahrzehnten in immer wiederholten Angriffen gegen das Judenthum alles dazu gethan, u m den Boden zu bereiten, auf dem solch „blindwüthiger Haß gegen das Judenthum" gedeihen kann? * Die Theilnahme der Juden an den Nationalfestlichkeiten, die zu Ehren der Krönung der jungen Königin von Holland stattfinden, ist eine außerordentlich rege. Sie kann aber nicht groß genug sein, wenn man die Wohlthaten würdigt, die die Juden von der oranischen Herrscherfamilie zu einer Zeit erhielten, als sie im ganzen Europa verfolgt wurden. Seitdem haben sie immer eine günstige Position