Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228295--54887-3291061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 Judenthums. Wenn wir an der Hand eines kundigen Führers den prächtigsten Theil der Hauptstadt dieses Landes durchschreiten, dann werden uns oft auf die Frage nach den Besitzern dieser Paläste jüdische Namen genannt. Sind darum diese Prachtbauten Stätten jüdischen Geistes, jüdischer Sitte? Ja, ist dieser Reichthum an Gold nicht oft vereint mit Armuth an Ehre, an Rechtsgefühl, an Glaubenstreue? Wohin wir blicken, haben wir Anlaß zum Gebet: „Schaue auf den Bund", auf den heiligen Bund, an dem Israel zerrt und reißt, von dem Israel sich losreißen möchte. Zur selben Zeit, als Mendelssohn das Banner der Aufklärung entfaltete, hat in Polen ein Schwärmer die Sekte der Chassidim gegründet, und Millionen Juden wallen jetzt zu wunderthätigen Rabbis und glauben an diese Leute, die zu drei Viertel Schelme und zu einem Viertel Schwärmer sind, und haben von dem Judenthum nur den Namen. Andere reden in dieser Zeit des überspannten Nationalitätsbewußtseins vom nationalen Judenthum, träumen, daß wir durch weltliche Mittel irgendwo ein jüdisches Reich gründen sollen, während doch die Aufgabe des Judenthums wesentlich die ist, inmitten der nationalen Spaltungen die Idee des Weltbürgerthums hochzuhalten, während wir doch nur dann unter den Völkern sicher wohnen können, wenn wir aus der Vergangenheit überkommene jüdisch-nationale Eigenheiten abstreifen. In unserem Vaterlande selbst wird die Partei der Eiferer lauter und mächtiger, die alle Aeußerlichkeiten der religiösen Sitte, veraltete Ceremonien, verjährten Brauch pflegt und verehrt und dadurch die Meinung begünstigt, daß der höchste und echteste Gottesdienst, nämlich das Gebot der Nächstenliebe, die Pflicht der Gerechtigkeit und der Redlichkeit, minder wichtig seien. Es giebt unter uns Leute, die so sehr dem Geist des Judenthums ins Gesicht schlagen, daß ihnen am Sabbath tragen eine größere Sünde dünkt als am Sabbath trügen, und man hört zuweilen die Ansicht, es könne Einer fromm sein, auch wenn er nicht gut ist. Dazu die Masse Derer, die uns abtrünnig werden, die ihre Kinder zu einem fremden Glauben führen, obgleich ihnen dieser Glaube gleichgiltig ist und ihrem Denken widerstrebt; viele dieser Abtrünnigen — wer könnte sich dieser Wahrnehmung verschließen — ragen durch ihre Kenntnisse, durch ihre soziale Stellung hervor. Unser Vaterland bietet den jüdischen Talenten noch immer Raum zur Entfaltung, wenn auch dieser Platz an manchen Stellen eingeengt wird; also nur, um es etwas bequemer zu haben, um in irgend einen exklusiven Kreis zu kommen, um völlig eitler und nichtiger Dinge willen wird die Treue verletzt, wird der Mund durch die folgenschwerste Lüge entweiht. Wie ballt sich da die Verachtung der Menschen gegen uns, gegen unseren Glauben! Die Väter haben um seinetwillen den Tod ertragen, und die Kinder verzichten lieber auf Ehre und Ehrlichkeit als auf die kleinste Einbuße an äußerem Ansehen. Wir beten mit David: „Schaue auf den Bund", hilf Denen, die das Judenthum verkünden als eine Religion der Freiheit, der Aufklärung, der strengsten Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der jeder Leidende der Nächste ist. „Der brave Mensch denkt an sich selbst zuletzt", aber an sich denken darf er wohl, nachdem er für das Wohl Israels, für die Entfaltung seines Glaubens gebetet hat. David betete: „Es soll der Gebeugte nicht beschämt sich wegwenden, der Arme und der Dürftige sollen Deinen Namen loben." Das ist der größte Segen, den wir heischen: Selbständigkeit, Unabhängigkeit; so sagen wir beim Gottesdienst dieser heiligen Tage: „Gieb freie Rede Denen, die aus Dich harren." Das ist die größte Plage, wenn wir beschämt werden und können uns nicht wehren, wenn wir, und sei es auch um die Fülle von Gold und Gut, ertragen müssen, daß unser Ehrgefühl verletzt wird; besser der graue Kittel des freien Arbeiters als der mit glänzenden Treffen geschmückte Rock des Hochgestellten, der der Sklave eines Höheren ist. Das ist die häßlichste Folge der Armuth, daß der Arme oft, um Brod zu haben, es dulden muß, daß seine Menschenwürde mit Füßen getreten wird, daß er kriechen und schmeicheln muß vor den Reichen und Mächtigen. Wenn wir uns auf Erden umschauen, so finden wir, Diejenigen leiden selten Noth, die ihre Armuth offen zur Schau tragen, die betteln und sich demüthigen; aber sie gewinnen dies Brod um den höchsten Preis, daß sie den Adel ihrer Seele dahingeben. Dann kann der Arme und Dürftige nicht Gottes Namen preisen, dann muß er im Staube den Namen Dessen preisen, der ihm Brod giebt, der ihn den Abstand, die Kluft zwischen Reich und Arm recht tief fühlen läßt. Aber auch der Arme und Dürftige kann Gott preisen, braucht nicht beschämt zu werden, wenn er lieber seine Bedürfniffe auf das Nothwendigste einschränkt, als daß er um Gaben bettelt. Und wie sehr wird Der einmal vor dem göttlichen Richter beschämt werden, der dem Armen die Schamröthe in die Wangen treibt, der sich nicht die Mühe giebt, sich in die Seele des Dürftigen zu versetzen. Wer hält seine Zukunft in sicheren Händen, wer ist davor geschützt, daß er einmal vor einem Mächtigeren dasteht gebeugt und Hilfe flehend und von diesem beleidigt und gekränkt wird? So rufen wir mit dem frommen Sänger: Gieb nicht dem Raubthier preis das Leben Deiner Taube, hilf unseren über die weite Erde zerstreuten Genosien, die wie die Taube ängstlich flattern, wenn der Habicht sich in den Lüften zeigt; schließe den Mund der Verleumdung, dem Haffe, der schier unversöhnlichen Feindschaft, die sich gegen Israel erhebt; gedenke des Bundes, den Du am Sinai mit uns geschloffen hast; laß die Fackel der Wahrheit nicht erlöschen, auch wenn Viele müde werden, die berufen sind, sie zu tragen; laß Diejenigen nicht beschämt werden, die auf dich hoffen; gieb uns allen die Kraft, lieber zu entbehren und zu entsagen, als daß wir charakterlos werden und Schmach erdulden; hilf Denen, die in Sorge seufzen, daß sie aus eigener Kraft sich aufraffen, daß der Arme und der Dürftige Deinen Namen preise! Me Mache. f Berlin, 14. September. ie fürchterliche Schreckenskunde von der Ermordung der Kaiserin von Oesterreich In Genf drängt alle anderen Nachrichten der Woche weit in den Hintergrund. Fern der Heimath, fern dem kaiserlichen Gatten, einsam, wie sie seit Jahren gelebt, ist Kaiserin Elisabeth gestorben; in eine entsetzliche Tragödie mündet ihr Lebensweg aus, der in seiner ersten Hälfte zumeist durch strahlenden Sonnenglanz des Glücks über Blumen führte, später aber immer mehr und mehr von Unheil überschattet und mit Dornen und Steinen besäet war. Wie ein betäubender Donnerschlag fällt die Kunde in den fröhlichen Festlärm, der eben in diesem Jahre den Kaiser Franz Joseph umrauschte, und der nun jählings abbricht, um von einem ungeheueren Schweigen lähmenden Entsetzens abgelöst zu werden. In trauervoller Theilnahme wenden sich alle Herzen dem greisen Monarchen zu, dem ein erbarmungsloses Schicksal es verhängt hat, wie den Bruder und den zärtlich geliebten Sohn nun auch noch die Gattin eines gewaltsamen Todes sterben zu sehen. Alle Völker der gesitteten Welt theilen das Entsetzen, die Trauer ittÜ