Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 37. Berlin» 1b. September 1898 » Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis:- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaeteirr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 0r- Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Grpehition: Berlin, Lerufaiemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion ünd Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ÄnhltÜ. Leitartikel: Zum neuen Jahre.— Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Zacharias Frankel in Berlin. VII. Von Dr. S. Bernfeld. — Feuilleton: Die Rose von Sarong XII. — Der „Berg" oder der „Judenhügel" auf den Haßbergen. Von R. Heinxi ch.— Vier Neujahrsfeste. Von Dr. S. Nasch er. — Litterarifche Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen nnd Rachrichten: Berlin, Pankow, Aus Weslpreußen, Insterburg, Crone a. d. Brahe, Breslau, Duderstadt, Hamburg, Niedermarsberg, Straßburg i. E., Wien, Budapest/ London/ — Von Nah nnd Fern.— Geschäftliche Notizen. Jum neuen Jahre. Berlin, 1^. September. frei große Angelegenheiten beschäftigen einen Israeliten, der das Leben und seine Aufgaben ernst /erfaßt, beim Beginn des religiösen Jahres: Unser eigenes Loos, das Schicksal des jüdischen Stammes und . die Zukunft des Judenthums. . Es ist ein Unrecht, und es ist eine Thorheit obenein, wenn wir weiter nichts erwägen als unsere eigene Zukunft; früher oder später, einmal mündet jedes Menschensein in den Tod, das ist eine Wahrheit, deren Trivialität nur übertroffen wird von der Häufigkeit der Fälle, in welchen wir sie vergeffen. Das Sterben wird dem Alter nicht leichter als der Jugend; eher hat die Jugend, die überhaupt mehr Muth hat, auch einm größeren Muth, dem Tode ins Auge zu sehen;/ die Untersuchung, ob ein ewiges Leben im Diesseits dem Menschen genehm wäre, ist für den praktischen Verstand ganz gleichgiltig, denn wir werden nicht in die Lage kommen, zwischen Tod und Leben wählen zu können. Da nun einmal die ganze Erdenherrlichkeit ein Ende nimmt, da es aller Wahrscheinlichkeit nach für Diejenigen, die in der Erde gebettet sind, sehr nebensächlich ist, ob prächtige Denkmäler oder niedrige Grashügel sich über ihrem Grabe erheben, so ist es nicht verständig, unser ganzes Sinnen einzuschränken auf unser eigenes Dasein. Zu anderen Zeiten nun ziemt es. aus die Stadt, in der wir unser Zelt aufschlagen, auf den Staat, der uns schützt, auf das Volk, dem wir durch Sprache und Geschichte angehören, unsere Aufmerksamkeit zu lenken; aber an einem Tage, den die Religion ganz für sich in Anspruch nimmt, soll neben unserem persönlichen Wohl Freud und Leid unserer Glaubensgemeinschaft und die Zukunft unserer Glaubenslehre unsere Gedanken beschäftigen. Der Sänger der Psalmen hat diese drei Dinge im Auge, wenn er betet: „Gieb, o Gott, nicht dem Raubthier preis die Seele Deiner Taube; das Leben Deiner Gequälten vergiß nicht auf ewig; denk' an den Bund, denn voll sind die Winkel der Erde von Stätten der Gewalt; laß den Gebeugten nicht beschämt von Dir zurückkehren; der Arme und der Dürftige, sie sollen Deinen Namen preisen." „Gieb nicht dem Raubthier preis das Leben Deiner Taube." Der Vergleich mit dem Raubthier paßt nur zu gut auf die Feinde unserer Gemeinschaft. Kann das Lamm mit dem Wolfe, kann die Taube mit dem Habicht rechten? Wir müssen es uns klar machen, daß wir Juden an vielen Orten es mit Feinden zu thun haben, die sich von wilden Thieren nur durch einen höheren Grad von Bosheit unterscheiden. Wie Nacht und Waldesdunkel dem Raubthier am liebsten sind, so sind unsere Gegner am gefährlichsten da, wo die Nacht, die Unkultur die Lande umfängt, wo Rohheit und Barbarei noch nicht vor der Bildung und Gesittung haben zurückweichen müssen. Die Aussichten find trübe. Was hat es viel zu bedeuten, daß im Westen unseres Erdtheils die Sonne des Rechtes und der Freiheit für Alle, also auch für die Juden, meist. Heller leuchtet! Im Westen wohnt nur eine geringe Schaar unserer Glaubensgenossen; manche Stadt des Ostens hat so viel Juden in ihrer Mitte, als im ganzen Westen wohnen. Das Unheil, das aus dem Osten droht, erregt jedes jüdische Gemüth. Was haben die dortigen Juden Schlimmeres gethan als wir, die, ob wir auch manche Unbill erdulden, den Segen eines wohlgeordneten Staates genießen? Ihr ganzes Unrecht ist. daß sie Inden sind; darum werden sie von Haus und Hof gejagt, darum werden den Meisten die Bildungsanstalten verschlossen, darum wird detc Zugang zu jedem höheren Beruf ihnen versperrt oder außerordentlich erschwert, darum dürfen sie keinen Acker bestellen, kein Handwerk ausüben, darum werden sie aufs Tiefste entwürdigt. Durch eine Lüge können sie sich retten; Leben und Tod tragen sie gleichsam auf ihrer Zunge. Wir wollen keinen Stein auf Diejenigen werfen, die in dieser schwersten Noth das Mittel der Lüge nicht verschmähen; aber höher Preis gebührt Denen, die der Taube gleichen, die rein und schuldlos lieber ein Opfer sein wollen aus dem Altar der Wahrheit. Unsere Glaubensgenossen im Osten sind in sozialer Beziehung vielfach besser als wir. Während bei . uns vielleicht mancher Jude lieber von Almosen lebt, als daß er durch schwere Arbeit sich sein redlich Brod erwirbt, verschmähen die Juden drüben keine Arbeit;, sie sind Bauern, Handwerker, Tagearbeiter; wir thun Unrecht, sie nach den arbeitsscheuen Kreaturen zu beurtheilen, die bettelnd über die Grenze - kommen. Wir sehen das Elend und können nicht helfen; Zehntausend, Hunderttausend können auswandern, aber vier bis fünf Millionen können nicht den Wohnort wechseln. Bangen Herzens fragen wir, der Sorge, die die Heimath uns bietet, vergessend: was bringt diesen Gequälten der kommende Tag, das kommende Jahr? Und aus tiefster Seele quillt das Gebet: „Gieb nicht dem Raubthier preis das Leben Deiner Taube". Aber auch die Zukunft des Judenthums ist umwölkt: das Schicksal der Juden ist -nicht immer gleichbedeutend mit dem des