Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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WWWW WM U4*-A"J 62. Jahrgang. Nr. 36. Merkcrge iberlm, 9. September 1898. zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 4. September. Die erste Sitzung der Repräsentanten- Versammlung nach den Ferien nahm einen recht schnellen Verlauf. Vorlagen von größerem Interesse standen nicht auf der Tagesordnung. Zum geschäftlichen Theil berichtete der Vorsitzende, Herr Landsberger, zunächst, daß die offizielle Einweihung der neuerbauten Synagoge in der Lützomstraße am Sonntag den 11. September Vormittags stattfindet, und daß der Vorstand die Wahl der Herren Siegfried Caro und Wolf Lewin zu Vorstehern der genannten Synagoge genehmigt hat. — Zum zweiten Punkt unterlagen mehrere Legate der Frau Franziska Ginsberg der Genehmigung der Versammlung. Es find von der hochherzigen Geberin ausgesetzt worden 8000 Mark für das Reichenheim'sche Waisenhaus, und zwar 2500 Mark zum Besten der männlichen und die gleiche Summe zum Besten der weiblichen Zöglinge dieses Instituts, 10000 Mark zu Gunsten der Armenkommisston zu einer Adolf Ginsberg-Stistung, 6000 Mark an das Hospital für eine Bettstiftung und ferner 3000 Mark an die Friedhosskommisston mit der Maßgabe, die Zinsen dieser Summe in Gaben nicht unter 30 Mark an arme Wittwen während der Trauerzeit oder am Sterbetage zur Verkeilung gelangen zu lassen. Die Annahme sämmtlicher Legate wurde, da sie keine erschwerenden Bedingungen aufwiesen, seitens der Versammlung bewilligt. Bon einer ferneren Schenkung in Höhe von 6000 Mark, welche Frau Mathilde Ellon dem Krankenhaus der jüdischen Gemeinde zu einer Bettstiftung hat überweisen lassen, hat die Versammlung nur Kenntniß zu nehmen. — Für die Installation der elektrischen Beleuchtung des Operations- und Verbandsaales im jüdischen Krankenhaus werden gemäß dem Referat des Herrn Maurermeisters Josef Fränkel 989,20 Mark nachbewilligt. — Die nachgesuchte Subvention in Höhe von 150 Mark an die Synagoge zu Rixdorf wird ebenfalls genehmigt. — Es folgten nunmehr mehrere Rechnungsabschlüsse von Spezialverwaltungen. Die Centralstelle für Wohlthätigkeitseinrichtungen hat einen Mehrverbrauch von 557,50 Mark aufzuweisen. Die Summe wird nachbewilligt. Der Abschluß der Koscherfleisch-Kommission hat einen Minderverbrauch von 1727,84 Mark ergeben. Der Referent, Herr Sanitätsrath Jastrowitz, ist der Anficht, daß das jüdische Publikum viel mehr bei den unter Rabbinatsaufsicht stehenden Schlächtern kaufen würde, wenn die Preise nicht bedeutend höhere wären als bei den übrigen Schlächtern. Man werde nicht umhin können, der Frage näher zu treten, um Mittel und Wege zu schaffen, diesem großen Uebelstand abzuhelfen. Herr Jfidor Sachs, welcher Mitglied der Koscherfleisch-Kommisfion ist, theilt mit, daß diese Frage bereits seit 1V2 Jahren in Erwägung gezogen werde, ohne ein ersprießliches Resultat bisher ergeben zu haben. Die Lösung der Frage gestalte fich weit schwieriger, als man angenommen habe; deshalb habe die Thätigkeit der Kommission noch nicht abgeschlossen werden können. Nachdem Herr Sanitätsrath Jastrowitz noch kurz die Frage als eine äußerst brennende in Rücksicht auf die erhöhten Fleischpreise bezeichnet, wird der Abschluß genehmigt. Die Rechnungslegung der Kommission für die Friedhofsangelegenheiten verfiel wegen Abwesenheit des Referenten, Herrn Oppenheim, der Vertagung. Der zum letzten Punkt anstehende Antrag eines Gemeindemitgliedes auf nachträgliche Aufnahme in die Wählerliste mußte ebenfalls von der Tagesordnung abgesetzt werden, weil die Vorlage die Kommissionsberathung noch nicht pasfirt hat. L2 Berlin, 5. September. Heute früh ist einer der trefflichsten Pädagogen Berlins von uns geschieden: Nach langem Leiden ist der Leiter der zweiten Religionsschule der jüdischen Gemeinde und frühere Lehrer an der Mädchenschule Dr. Samuel Apolant im 76. Lebensjahre gestorben. Der Verewigte war in Deutsch-Krone (Westpreußen) geboren und hatte von seinem gelehrten Vater den Grund zu den reichen Kenntnissen, die ihn auszeichneten, empfangen. In Berlin hatte sich sodann Dr. Apolant auf dem Gymnasium und der Universität in modernen Wissenschaften ausgebildet, daneben aber seine hebräischen Studien fleißig unter Zunz u. A. fortgesetzt. Nachdem er die rabbinische Befähigung erlangt hatte, ging er zunächst nach Potsdam als Rabbiner und Prediger der dortigen Gemeinde, wurde aber bereits nach wenigen Jahren als Religionslehrer und Hilfsprediger nach Berlin berufen. Mehr als 40 Jahre hat Apolant hier mit außerordentlicher Pflichttreue an der Mädchenschule und länger als 20 Jahre an der ersten Religionsschule die Jugend mit den erhabenen Lehren unseres Glaubens bekannt gemacht, mehrere Jahre auch als Religionslehrer am Sophiengymnafium und der Sophienschule im Nebenamte gewirkt. Aber mit diesen Aemtern war seine Thätigkeit noch nicht erschöpft. Als Religionslehrer und Prediger an den Baruch-Auerbach'schen Waisenanstalten, als beliebter Prediger hat er in zahlreichen Familien Gottes Wort verkündet. Seine Thätigkeit erweiterte sich noch, als er — schon an der Schwelle des Greisenalters stehend — zum Leiter der neubegründeten zweiten Religionsschule berufen wurde, die er zwölf Jahre geleitet und aus kleinen Anfängen zu einer der trefflichsten Lehranstalten Berlins gebildet hat. Neben diesem umfassenden Wirken fand er noch die Muße, als Resultat einer mehr als 40 jährigen Thätigkeit ein Lehrbuch sowie einen Leitfaden für den systematischen Religionsunterricht zu schreiben, der bereits in mehreren Schulen Eingang gefunden hat. Noch in der letzten Zeit seines Lebens war er litterarisch thätig; und aus seinem Nachlaß können wir wohl noch mancher geistigen Schöpfung des gelehrten und feinsinnigen Mannes entgegensetzen. Ueber die Leichenfeier für den Dahingeschiedenen werden wir in der nächsten Nummer unseres Blattes berichten. <^2 Berlin, 6. September. Am Sonntag Nachmittag fand die feierliche Einweihung der auf dem Grundstück Lesstngstraße 19 neu erbauten Synagoge des Synagogenvereins Moabit statt. Die Weihe des neuen Hauses wurde vom Rabbiner Dr. Rosenzweig vollzogen, der es verstand, durch seine formvollendete Rede die Herzen der zahlreichen Andächtigen zu gewinnen. Der neue Kantor des Vereins, Rehfeld, unterstützt durch den von Kantor Stabinski geleiteten Chor, trug die Gebete und auf die Feier bezüglichen Gesänge in erbaulichster Weise vor. Als Vertreter der jüdischen Gemeinde waren Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung erschienen. Das neue Gotteshaus, welches von Baumeister Flötert zweckmäßig erbaut worden ist, gefiel allgemein, ebenso die praktische Einrichtung der Sitze und Pulte, die die bekannte Firma Paul Hyan hergestellt, welche hervorragende Spezialistin auf diesem Gebiete ist. Der von Herrn Emil Fränkel gestiftete kostbare Tempelvorhang von lila Sammet in echter Goldstickerei ist aus dem bekannten Atelier von Jenny Bleichrode hervorgegangen. S£g Berlin, 5. September. Herr Rabbiner Dr. Bog elfte in in Stettin hat an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund folgende Zuschrift gerichtet, deren Veröffentlichung im Interesse unserer russischen Glaubensgenossen zu liegen scheint: „Wie Ihnen aus den öffentlichen Blättern bekannt sein dürfte, find am 16. d. Mts. etwa zwanzig jüdische Auswanderer aus Rußland, die mit dem Dampfer Libau-Packet hierselbst anlangten und von dem Kapitän in dem Gepäckraum verborgen gehalten waren, von der Polizei entdeckt worden, und da sie den bestehenden Vorschriften nicht genügt halten, wurde ihnen untersagt, das Schiff zu verlassen, und dem Kapitän wurde aufgegeben, die Auswanderer wieder nach Rußland zurück zu befördern. Da das Schiff bereits am 1'8. August wieder abfahren sollte, und das Schicksal der Unglücklichen, unter denen fich auch einige Greise und Kinder befanden, mir zu Herzen ging, wandte ich mich mit einem schriftlichen Gesuch und durch persönliche Vorstellung an die königliche Polizeidirektion Hierselbst, um eine Zurücknahme des Verbotes zu erwirken. Ich wies darauf hin, daß die Meisten mit Schiffskarten oder mit Reisegeld versehen seien, ich erbot mich auch, die Kosten der ärztlichen Untersuchung der Auswanderer sowie die Kosten einer etwaigen Rückbeförderung, falls Amerika sie nicht