Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
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429 der Höhle auf dem Felde Machpelah. Daselbst wurde auch Abraham und Isaak begraben. Als Jakob zwischen Beerscheba und Haran auf dem Felde mit einem Stein unter seinem Haupte übernachtete, da träumte er und sah, eine Leiter war gestellt auf die Erde, und die Spitze reichte an den Himmel. Engel Gottes gingen auf und nieder, und der Ewige stand über ihr und sprach: „Ich bin der Ewige, dein Gott, Gott Abrahams und Gott Isaaks; das Land, auf dem du liegst, werde ich dir und deinem Samen geben. Und dein Samen soll werden wie der Staub auf Erden und soll ausgebreitet werden gegen Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag, und durch deinen Namen sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde." Und Jakob wohnte nach seiner Rückkehr von Laban im Lande seines Vaters, im Lande Kanaan. Und als er in Aegypten bei seinem Sohne Joseph gestorben war, brachten ihn seine Söhne nach Kanaan und begruben ihn ebenfalls in der Höhle Machpelah, wo auch sein Weib und später, nach dem Auszuge der Kinder Israels aus Aegypten, auch Joseph begraben wurde. Das ist keine bloße Mär, denn das steht alles in der heiligen Schrift, und alle diese Gräber stehen heute noch, wo sie vor Jahrtausenden errichtet worden sind. Aber wenn die Zionisten sich vielleicht auf diese Urkunden stützen wollten, dann könnte man ihnen am Ende entgegnen: daß Gott den Vätern zugleich versprochen hätte, daß ihre Nachkommen auf der ganzen Erde verbreitet und sie ihm ein Volk von Priestern sein sollen. Auf diese Weise würde ja gar kein Platz im gelobten Lande für alle Juden sein, und ihr Vaterland müßte viel größer, ja das ganze Erdreich müßte es sein. Und es giebt in der That heutzutage eine große Anzahl von Juden, die sich an diese Prophezeiung halten und gerade diese als ihre eigentliche Mission betrachten, mit dem festen Vertrauen, daß der Tag kommen wird, an welchem alle Menschen glauben werden, daß Gott einzig und sein Name einzig ist. Doch allem Anschein nach will der Zionismus gär nichts mit den Verheißungen der Bibel zu thun haben; fein Vorgehen beruht nur auf einer völkerrechtlichen Basis, welches deutlich aus den Worten des Dr. Lippe aus Jassy hervorgeht, welcher auf dem ersten Kongreß mit einem gewissen Cynismus sagte: „Auch wir wollen gleich jenen unserer Vorfahren von vor 2509 Jahren den Eselreiter von Babel, den Messias, nicht mehr erwarten und wollen ebenfalls auf Grund eines internationalen Traktates nach Erez Israel zurückkehren." Demnach würde den Zionisten nichts übrig bleiben, als zuerst recht bescheiden an die Pforten des Palastes des Sultans zu klopfen, um auf Grund ihres Rechtes, für oder ohne Geld, zu versuchen, ihr einstiges Besitzthum zurück zu verlangen; sie dürfen aber dabei nicht vergessen, daß Palästina schon über zwölfhundert Jahre im Besitze der Muselmänner ist, die es auch recht gut verstehen, ihre Rechte geltend zu machen. Sie glauben, daß Jsmael der rechtmäßige Sohn Abrahams sei. und haben daher die Gräber der Patriarchen unter ihren besonderen Schutz genommen, da sie ihnen ebenso heilig sind wie uns. Kein Jude darf sie ohne Firman des Sultans besuchen; nur die Westmauer, das einzige Ueberbleibsel des Tempels, auf dessen Stelle der Khalif Omar (636) eine Moschee errichten ließ, wird ihnen freigegeben, um dort zu weinen und zu beten. Dabei ist aber keineswegs ausgeschlossen, daß der jetzige gutmüthige Sultan den Bittstellern, vielleicht in einer augenblicklichen Geldverlegenheit, etwas mehr Land zur Errichtung noch einiger Kolonien überlassen wird. Aber daß er ihnen auch Herrenrechte einräumen wird, um eine Nationalität darauf zu gründen, ist wohl doch mehr als zweifelhaft. Was würde ihnen dann weiter übrig bleiben, als sich an die christlichen Staaten Europas — vielleicht gar an den Papst — zu wenden, um ihre Sache bei dem Sultan zu befürworten. Ob sie hier mehr Glück haben werden, braucht nicht erst abgewartet zu werden. Ich erinnere mich an eine Kundgebung des Palästina-Vereins der Katholiken Deutschlands, welcher vor einigen Jahren (1893) in Köln zu einer Zeit stattfand, als man noch gar nicht an die Zionisten dachte. Eines der anwesenden Mitglieder erklärte nämlich unter anderem: „Es kann aber den Christen unmöglich gleichgiltig sein, wenn die Juden, unter Verdrängung anderer Elemente, das Land überfluthen, aus welchem der göttliche Fluch sie vertrieben hat. Sie selbst haben das Strafgericht auf sich herabgerufen, das sie dem Lande ihrer Väter entfremdete. Seit dem Tode des göttlichen Heilands ist dasselbe das Erbe der Christenheit geworden, und wir werden unser Anrecht darauf festhalten mit zäher Kraft." Wenn das auch nicht ganz stimmt, so ist doch mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen, daß dieser Verein nicht allein steht mit seiner Ansicht, sondern daß er vielleicht die Majorität der Christenheit hinter sich hat, obgleich es Zeiten gegeben hat, wo es ihnen nicht einmal gestattet war, das Grab Christi zu besuchen. Im zehnten Jahrhundert, als Palästina unter die Gewalt der Fatimiden kam, gab es besonders harte Unterdrückungen der christlichen Pilger, veranlaßt durch den Khalifen Al Hakem. Er wüthete gegen alles, was christlich war, und ließ sogar die Kirche des heiligen Grabes niederreißen, welche im vierten Jahrhundert von Helena, der Mutter Konstantin des Großen erbaut worden war, die aber später wieder aufgebaut wurde. Die Nachricht von diesen Vorgängen wurde bald durch Peter von Amiens über ganz Europa verbreitet und entwickelte einen solchen Enthusiasmus für die Befreiung des heiligen Grabes, daß er in Fanatismus ausartete. Männer und Jünglinge strömten aus allen Ländern zu einem Kreuzzuge herbei, ja, Kinder wurden schließlich davon angesteckt und waren ihren Eltern davon gelaufen, um auf eigene Faust einen Kreuzzug zu veranstalten. Es handelte sich hier nicht blos um die Befreiung der heiligen Stätte aus den Händen der Ungläubigen, sondern, um ganz Palästina in den Besitz der Christen zu bringen, dem unterdrückten Christenthum den Sieg und Europa die Herrschaft über ganz Asien zu verschaffen. Es entstand zwischen Christen und Muhammedanern ein Kampf auf Tod und Leben, der sich einige Jahrhunderte hinzog, Millionen von Menschen das Leben gekostet, schreckliche Verheerungen und Elend in den Ländern des Ostens und des Westens angerichtet hat, ohne eigentlich etwas zu erreichen, denn beide. Theile „haben ihr Anrecht festgehalten mit zäher Kraft". Das spielte sich alles um die einstige Heimath der Juden ab, und obgleich diese nur die stummen Zuschauer bei den welterschütternden Ereignissen waren, wurden sie doch in arge Mitleidenschaft gezogen. Sie wurden auf der ganzen Strecke, wo sich die Kreuzzüge bewegten, ihres Vermögens beraubt; ihre Frauen und ihre Töchter wurden geschändet und sie selbst schließlich ermordet. Nach harten Kämpfen war es den Kreuzfahrern und Gottfried von Bouillon endlich gelungen, die viel umworbene Hauptstadt des unglücklichen Landes zu erobern, und er hatte das imaginäre Glück, von den Häuptern der vereinigten Heere zum König von Jerusalem ernannt zu werden, welche Titel noch einige andere Heerführer und später auch die deutschen Kaiser neben dem ihrigen führten. Aber die Freude dauerte nicht lange, denn schon Saladin hatte wieder ganz