Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-09 · Heft 36 (9.9.1898) · p. Seite 428

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228294--54876-3291049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

lMlWWWWWWWW» WWWWW 5428 besäße, einen Beamten von größerer Intelligenz zu unterhaltet. Auf anderer Seite wurde uns davon erzählt, daß eine jüngst zum Judenthum übergetretene Katholikin dem geheiratheten jüdischen Gatten — auch hier war Amor Schadchen gewesen — bei einem Ausgange mit demselben, auf ein Paar im Schaufenster stehender Leuchter hindeutend, mit wirklich frommem Ernste sagte: „Weißt Du. Kind, diese Leuchter gefallen mir besonders; möchtest Du sie nicht kaufen?" „Und zu welchem Zwecke?" erwiederte er. „Me Du noch fragen kannst, da Du doch selbst wissen müßtest, daß wir sie am Freitag Abend zum Aufsetzen der Sabbathlichter nöthig haben." Jüngst trafen wir in einer unserer Nachbargemeinden im Kreise einer gelegentlich zusammengewürfelten Gesellschaft einen Herrn Dr. L., der sich als Arzt vorstellte und auffallender Mise dabei die Bemerkung machte, daß er sich vor einigen Monaten getaußt und nunmehr eine Christin geheirathet habe. Angeregt durch die von ihm dargelegte Offenheit und auch sonst noch animirt durch den Ton, welchen der Herr unserer Unterhaltung gab, konnte ich nicht umhin, im Laust der weiteren Unterhaltung zu fragen, weshalb er das Judenthum verlassen, da ja auch in diesem ihm als praktischen Arzt alle mög>- lichen Chancen offen gestanden. „Weil das Christenthum Staatsreligion ist," antwortete er mir, „und weil ich meinen Kindern eine freie, überall offene Bahn in ihrer einstigen Karriere schaffen wollte, und da mein Vater bereits eine Christin zur Frau hatte, so war die Etappe zum Uebertritt bei mir bereits vorhanden. Uebrigens" — fuhr der Herr mit folgenden drastischen Worten fort — „wenn ein geschmadter Jude Ihnen sagt, daß er sich aus Ueberzeugung geschmadt hat, so lügt er." — Wir wollen's dem Herrn glauben. Nunmehr hat auch in Insterburg die Rabbinerstelle in Herrn Dr. Beermann aus Berlin ihre Besetzung gefunden. Derselbe wird wohl in nächster Zeit sein Amt übernehmen. Wir haben nun in ganz Ostpreußen, außer Herrn Dr. Ehrlich in Tilsit, nur junge Rabbiner, denen die Aufgabe gestellt, die auch hier wie überall waltende religiöse Verflachung zum Weichen zu bringen und dem Geifk des Judenthums die innere Vertiefung zu schaffen. . Wo ist des Juden Vaterlands Bon M. Silberstein in Breslau. II. ls der Antisemitismus in Deutschland bereits im Niedergang, in Oesterreich aber immer noch in der schönsten Blüthe war, und Wien sogar einen hervorragenden Antisemiten als seinen ersten Bürgermeister wählte, erschien daselbst „Der Judenstaat" von Dr. Herzl, ein Buch, welches wegen seiner geistreichen Ausführungen ein gewisses Aufsehen erregte, aber wegen der scheinbaren Unausführbarkeit der darin entwickelten Ideen nur getheilten Beifall fand. Die Einen hielten es für eine interessante Lektüre wie die Utopien von Hertzka und Bellamy, während die Anderen es mit uwgetheilter Ueberzeugung aufnahmen und enthusiastische Anhänger desselben wurden. Das traurige Loos und die grausamen Verfolgungen seiner Glaubensgenossen in Rußland und anderwärts waren dem Verfasser zu Herzen gegangen, und ein großer Gedanke war in ihm aufgetaucht: er wollte sich der Verfolgten annehmen, und es sollte anders mit ihnen werden. Ja, es sollte für die Juden überhaupt ein rechtliches Heimathland geschaffen werden, da sie doch allenthalben, wo sie sich aufhielten, nur als Geduldete und auf Kündigung existirten. Er richtete daher sein Auge auf Zion. — Die Juden sollten nicht länger auf den verheißenen Messias warten, -sondern als eine politische Körperschaft auftreten, ihr eigentliches Recht in Anspruch nehmen und ihr altes Heimathland, das in fremde Hände gerathen ist, wieder zurückzufordern. — So entstand die zionistische Partei, die nicht ohne Opposition ins Leben getreten ist, obgleich die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Zion so alt ist wie die Zerstörung des heiligen Landes selbst. — Aber der jetzige Zionismus hat eine andere, eine weltliche Gestalt angenommen, und es ist ihm gelungen, auch in diesem Jahre über 300 seiner Anhänger in Basel zu einem Kongreß versammelt zu sehen. Wenn ich denselben recht verstehe, dann beabsichtigt er die Herstellung der jüdischen Nationalität in Palästina, die Stärkung des jüdischen Volksgefühls und Volksbewußtseins. Herzl will das tausendjährige Joch seiner zerstreuten Glaubensgenossen Mchütteln helfen. Sie sollen nicht länger bloße Geduldete in verschiedenen Ländern sein, sondern kraft der allgemeinen Menschenrechte gleichberechtigte Menschen unter Menschen sein. Die neue Heimath soll es allen kultivirten Ländern gleich thun. Eisenbahnen sollen sie nach allen Richtungen hin durchkreuzen, es sollen Häfen gebaut werden, um den Geschäftsverkehr nach außen hin zu erleichtern, es sollen Fabriken angelegt, Hochschulen gegründet und eine Nationalbank errichtet werden. Dazu gehören vorläufig uur 250 Millionen Mark (oder Schekel? — ich weiß es nicht genau). Ich muß gestehen, der Gedanke ist himmlisch schön. Ich sehe das alte Palästina, in welchem einst Milch und Honig floß, sehe Handel und Wandel in seinen Straßen wie in dem schönsten Lande Europas, sehe seine Palmenhaine und seine blühenden Felder. Ich sehe Jerusalem in seinem alten Glanze wieder, mit seinem Tempel, seinen Schlössern und Denkmälern, umgeben von einer bezaubernden Landschaft. Ich begegne auf meinem Wege reiselustigen Abendländern, welche die Badeplätze Palästinas aufsuchen, sehe den romantischen Tiberiassee mit seinen Heilquellen inmitten einer üppigen Vegetation und sehe die Prachtbauten mit ihren Säulengängen in und außerhalb Liberias, wie sie waren, als Antipas, der Sohn Herodes des Großen, dort residirte. Mir sind allerdings die Ausführungspläne dieser herrlichen Ideen nicht bekannt, aber ich sollte meinen, in erster Reihe wäre doch die Einwilligung der Türkei und der christlichen Staaten dazu nöthig. Der muthige Unternehmer dieser Umwälzung sagte darüber in seiner Rede bei der Eröffnung des ersten Kongresses ganz einfach: „In welcher rechtlichen Form die Einigung schließlich stattfinden soll, darüber heute viel zu reden, wäre ein müßiges Beginnen. Nur das Eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur ein Zustand des Rechts und nicht der Duldung sein. Mit der Toleranz und dem Schutzjudenthum auf Widerruf haben wir nachgerade genug Erfahrungen gemacht." Wie Peter der Eremit erscheint er mir, der, getrieben von großer Gefahr, ebenfalls zum Kreuzzug nach dem heiligen Lande auffordert, nicht etwa, um blos ein Grab zu retten, sondern um das ganze Land als rechtmäßiges Erbe in Besitz zu nehmen. Aber diese Besitzergreifung soll nicht etwa auf Kosten von Millionen von Menschenleben, sondern blutlos auf dem Boden des Rechts ausgeführt werden, und es giebt in der That Ansprüche, die so alt sind wie das Judenthum selbst. Als das menschliche Geschlecht noch in der Wiege lag, war der Ewige unserem Erzvater Abraham erschienen und sprach zu ihm: „Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsort in das Land, das ich dir zeigen werde." — Und er nahm sein Weib Sara und Lot, seinen Brudersohn, und all ihr Eigenthum, um zu gehen in das Land Kanaan. — Und als Sara starb, begrub sie Abraham in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.