Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kultusbcamte in den kleinen Gemeinden muß in erster Reihe Schochet sein, dann erst kommt der Kantor und Lehrer, daran läßt sich absolut nicht rütteln, und so großes Unrecht dabei auch dem Religionsunterricht angethan werden mag: die Verhältnisse liegen einmal nicht anders, und ihnen muß vor allem Rechnung getragen werden. Als 2. Punkt kam die bereits bei dem Gemeindetag in Insterburg ventilirte Frage zur Erörterung,. ob sämmtliche Schulen, auch die von den Inspizienten geleiteten, sich einer Inspektion von anderer Seite zu unterziehen hätten? Es wurde viel darüber debattirt und namentlich von Herrn Dr. Vogelstein dargelegt, wie schwierig essein würde, größere Schulen, wie z. B. die seinige in Königsberg, die über 15 Klassen oder Abtheilungen in sich trägt, von anderer Seite zu inspiziren. — Demgegenüber wurde indeß mit Nachdruck hervorgehoben, daß eine gewisse Parität in dieser Hinsicht zu bewahren unumgänglich nöthig sei, und daß keiner der Herren Inspizienten seiner Würde etwas vergebe, wenn auch seine Schule einer Revision unterzogen werde. Es kam meines Wissens — da mir kein Einblick in das Protokoll geworden — zu keinem Beschluß. Endlich kam noch zur Erörterung, ob der Inspizient für ein oder mehrere Jahre gewählt werden solle. Wie wir selbst bei dieser Gelegenheit ausführlich darlegten, mag es ja auch, wie einige der Herren zu beweisen suchten, seinen Nutzen haben, wenn ein Wechsel der Inspizienten statlfinden würde, allein auf der anderen Seite wird man zugestehen müssen, daß eine mehrjährige Inspektion ein und derselben Schule ein ersprießliches Bekanntwerden von Lehrer und Inspizient herbeiführt, dem eine große Anzahl von Vortheilen nicht abzusprechen ist. Denn der Lehrer soll nicht blos auf feine Leistungen untersucht, sondern auch ermuntert, geführt und belehrt werden. Geschieht dies in rechter Weise, so kann die Schule hierbei nur gewinnen. Uns ist dies in unserer fünzehnjährigen Eigenschaft als Inspizient insoweit gelungen, daß wir noch heute in den besten und freundschaftlichsten Beziehungen zu den Lehrern der Schulen stehen, die wir besucht, und von welchen wir immer nur gute Berichte an den Vorsitzenden der Inspektion ergehen zu lassen in der Lage waren. Ein solches Vertrautwerden mit einander, wir meinen des Lehrers und Inspizienten, ist nicht zu erzielen, wenn in jedem Jahre ein anderer Inspizient die Schule besucht. Indeß verblieb es in Tilsit bei der Wahl eines Inspizienten auf drei Jahre. Eine Wahl der Inspizienten und der Bezirke, die ihnen zugewiesen werden sollen, blieb noch dem Ausschlüsse Vorbehalten. In Gumbinnen ereignete sich jüngst der traurige Fall, daß ein jüdischer Soldat der dortigen Garnison nach längerem Krankenlager infolge einer Lungenentzündung verstarb. Im Monat März daran erkrankt, befand er sich bereits auf dem Wege der Besserung, als ein Rückfall eintrat, dem der in der Blüthe des Lebens sich befindende junge Mann erlag. Der Verstorbene mit Namen Hermann Rosenthal, seines Berufes Uhrmacher, war in Thorn geboren und von Hamburg für die hiesige Garnison designirt, wo er sich sehr brav geführt und die volle Zufriedenheit des Vorgesetzten erworben hat. Bald nach dein Tode des Genannten wurd? mir von Seiten des Garnisonlazareths Kenntniß davon gegeben und zugleich mitgetheilt, daß der rituellen Behandlung der Leiche und deren Beerdigung nach jeder Richtung hin Rechnung getragen werden könne. Ferner wurden wir davon in Kenntniß gesetzt, daß die Garmsonvrrwaltüng die Kosten der Anfertigung des Grabes trage, 12 Mark für ein Kreuz — welches Geld hier zur Errichtung eines Leichen- -ssteins verwendet werden wird — hergebe und auch den Wagen zur Abholung des Geistlichen und dessen Rückkehr vom Kirchhof zu stellen -'sich Vorbehalte. Zur Waschung und Bekleidung der Leiche wurde uns mit großer Zuvorkommenheit ein Lokal im Garttisonlazareth zur Verfügung gestellt. Die hiesige Chewra Kadischa. unter Zuhilfenahme einiger jüdischer Soldaten, welche uns auch auf Wunsch zugewiesen wurden, 'verrichtete an dem Verstorbenen diesen letzten Liebesdienst. Dort wurde auch die Leiche bis 'zu ihrer Bestattung ausgebahrt. Die Beerdigung fand nach Bestimmung der Militärbehörde am Mittwoch, -den 6. d. Mts., 4 Uhr Nachmittags statt, und zwar unter Musikbegleitung. Das war in Gumbinnen noch nicht dagewesen und hatte deshalb einen sehr großen Theil seiner Bewohner auf die Beine gebracht. Zahlreiche Kränze mit Ehrenschleifen schmückten den Sarg des so früh aus dem Leben Geschiedenen, darunter solche von den Offizieren und Unteroffizieren der Kompagnie. So bewegte sich der Zug nach dem jüdischen Friedhof, der kaum die Menge fassen konnte, die sich daselbst zusammendrängte. Im Leichengefolge erblickte man an der Spitze der Ehrenkompagnie die Offiziere, welche die unmittelbaren Vorgesetzten des Verstorbenen gewesen. Rührend war es, als sie zuvor noch an die Leidtragenden herantraten und dieselben ob ihres Verlustes mit tiefempfundenen Worten zu trösten suchten. Uns selbst stand bei der Grabrede des Materials genug zu Gebote, um den Heimgegangenen als das Musterbild eines Soldaten hinzustellen, dem es zwar nicht beschieden gewesen, den Ehrentod des Soldaten, den Tod auf dem Schlachtfelde zu sterben, von dem wir aber wissen, daß der letzte Zug seines Athems, der letzte Schlag seines Herzens dem König, dem Vaterlande gegolten. Wir hielten es nicht für unangebracht, hervorzuheben, daß wir Juden in der Darlegung des Guten und Gerechten, weil wir das Vorurtheil gegen uns haben, das Doppelte zu leisten haben. Der Verstorbene habe dasselbe aufs Beste widerlegt, er hat dadurch unsere Religion, unser Judenthum geehrt und dafür den Dank seiner Glaubensgenossen mit ins Grab'genommen. Welch sonderbare Blüthen die Mischehe, oder wenn ein Theil derselben dem Anderen zu Liebe den Glauben wechselt, aus sich heroorgehen läßt, haben wir in jüngster Zeit erfahren. Da lebt in einem ostpreußischen Städtchen — der Name thut nichts zur Sache — ein Pärchen im besten Selbander in der Mischehe. Herr W. ist Christ, Frau W. ist Jüdin. Amor hat hier, wie er es oft schon gethan, die Vergewaltigung des konfessionellen Unterschiedes unternommen und vollbracht. Herr W., den wir persönlich kennen gelernt haben, ist ein höchst loyal denkender, liebenswürdiger MaNn, der nicht blos die Liebe und Achtung seiner Frau in hohem Grade sein nennen kann, sondern auch seinerseits dem Judenthum seiner Gattin in bestmöglichster Weise entgegenkommt. Sicherlich recht brav und schön, wenn man in'der leidigen Institution der Mischehe noch einen Lichtblick suchen und finden will. Herr W. begleitet seine Frau, so oft sie das Bedürfniß hat, nach der Synagoge zu gehen, dorthin und holt sie von dort wieder ab. Außerdem bekundet er uns gegenüber ein ausgesprochenes Interesse für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde des Städtchens, in welchen! er wohnt. Cr sprach davon, daß dort unbedingt mehr religiöser Geist und jüdisches Fsshlen vorhanden wäre, wenn die Gemeinde die Mittel i ( tjj