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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-09 · Heft 36 (9.9.1898) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
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>WWWWWDWWW WWM 425 Darauf fand die Generalversammlung der Unterpützungskasse statt. Nach deren Beendigung vereinigte ein gemeinschaftliches Mittagsmahl, das von manchen schönen Tischreden gewürzt war, die Versammelten. Die Nachmittagssitzung wurde mit dem Bericht der Kasfenrevisoren eröffnet. Die Versammlung nimmt Kenntniß von dem zeitigen Stande der Kasse und ertheilt dem Rechnungsführer, Stern-Hildesheim, Decharge. Alsdann berichtet Spanier-Stolzenau über die Arbeit der Lesebuchkommisston. Diese habe das Lesebuch fertiggestellt und bereits einer Regierung der Provinz zur Genehmigung vorgelegt. Man hoffe, daß der Druck des Buches noch im Laufe dieses Jahres erfolgen könne. Es werden darauf noch verschiedene Angelegenheiten aus dem Schul- und Lehrerleben besprochen. Auf Antrag des Kollegen Spanier wird eine Kommission ernannt, welche die veralteten Zeugnißbücher, Schulprotokolle rc. einer eingehenden Umarbeitung unterziehen und durch die Landrabbiner zur Einführung bringen soll. In die Kommission werden gewählt: Eckmann-Nienburg, Stern-Hildesheim, Selig-Emden, Spanier-Stolzenau und Meyer-Hannover. Damit haben die Verhandlungen ihren Schluß erreicht. Bachrach-Hameln dankt im Namen der Versammlung dem Vorsitzenden für die Leitung der Sitzungen und dem Gesammtvorstande für seine Mühewaltung. Die Versammlung bringt diesen Dank durch Erheben von den Sitzen zum Ausdruck. Die nächste Versammlung soll im nächsten Jahre wieder in Hannover, und zwar an den beiden Pfingsttagen stattfinden. Vorträge übernahmen Hofmann - Twistringen, Löwenstein - Scharmbeck, Meyer- Hannover, die Lehrprobe Levisohn-Hannover. Der Vorsitzende wünscht mit herzlichen Worten ein frohes Wiedersehen im nächsten Jahre und schließt darauf die Versammlung. Die Schriftführer: Iwan Meyer-Hannover. Julius Spanier-Stolzenau. Eine wichtige Angelegenheit. Berlin, 31. August. urch die Zeitungen geht die Nachricht, daß eine Reihe von Volksschülern, wie dies durch eine Umfrage festgestellt wurde, das Alphabet nicht auswendig konnten. Drob große Entrüstung und Aufregung in allen Kreisen. Die Gegner unserer städtischen Verwaltung machen ihre hämischen Bemerkungen, die Freunde suchen ängstlich nach einer Erklärung dieses bei der Trefflichkeit und Gediegenheit der Berliner Gemeindeschulen unglaublichen Vorkommniffes. Die Erklärung war bald gefunden. Die Ursache dieses Mangels war recht harmloser Natur. Die Schüler haben keine Gelegenheit, das Alphabet zu üben, und vergeflen es daher leicht. Wie wär's, wenn einer unserer Glaubensgenoffen einmal eine Umfrage hielte bei den jüdischen Kindern unserer Stadt nach dem jüdischen Alphabet! Das Verhältniß wäre zunächst umgekehrt, es würden wohl einige Schüler da sein, die das Alphabet kennen. Aber auch die Erklärung hierfür wäre weniger harmlos. Unsere Schüler kennen das jüdische Alphabet nicht, weil oft — ihre Lehrer es selber nicht kennen. Doch die Kenntniß des jüdischen Alphabets mag für die religiöse Ausbildung unserer Kinder wirklich nicht von solch hoher Bedeutung sein. Es läßt sich auch darüber streiten, ob unsere Kinder, da sie es doch nicht zur völligen Beherrschung der hebräischen Sprache bringen, mehr von derselben zu erfahren brauchen, als zum Verständniß der Gebete nothivendig ist. Was aber das Schlimmste und die Hauptursache aller Mängel ist, die bei dem jüdischen Religionsunterricht zu Tage treten, das ist die ungenügende Vorbildung Derer, die als Lehrer und Lehrerinnen berufen werden oder sich berufen fühlen. Wir wollen weder dem Bildungsstreben noch der Berufstreue unserer jüdischen Lehrkräfte zu nahe treten, sie sind wohl alle mit Herz und Seele bei ihrer Sache und geben das Beste, was sie besitzen; ist aber ihr Bestes auch genug? Der Religionsunterricht stellt an den Unterrichtenden die höchsten Ansprüche in Bezug auf Tiefe und Breite des Wiffens. Das Geringste, das man einem Kinde auf diesem Gebiet giebt, ist immer ein Stück von einer Weltanschauung, und eine Weltanschauung wird nicht in ein paar Stunden gelernt, sondern muß in langen Studien erarbeitet werden. Und mag der Stoff, der unseren Kindern im Religionsunterricht gegeben wird, noch so knapp bemeffen, die Stundenzahl noch so beschränkt sein, für das Maß deffen, was der Lehrer wissen Muß, giebt es kaum eine Grenze. Der Lehrer soll das gesammte religiöse Wiffen in einem solchen Umfang in sich ausgenommen und verarbeitet haben, daß er jedwede Frage, die aus dem Kreis seiner Schüler an ihn herantritt und das religiöse Gebiet nur streift, zu beantworten vermag. Aber er muß auch eine genaue Kenntniß des jüdischen Schriftthuins besitzen, d. h. er soll nicht blos die Gebete übersetzen, nicht nur mit deutsch geschriebenen Kommentaren zum Unterricht in der Bibel sich vorbereiten können, sondern im Stande sein, jederzeit selbständig auf die Quellen zurückzugehen, sich ein eigenes Urtheil über Zweifelhaftes zu bilden. Es genügt aber nicht, dasjenige genau zu wissen, was man unterrichten soll, wenn man nur das genau weiß, was man lehrt. Man muß den Stoff nach allen Richtungen hin beherrschen, soll das Wenige, was die Kinder empfangen, keimkräftig in ihre Seele gelangen: der Unterricht wird nur dann frisch und ursprünglich und anregend für die Schüler werden, wenn man ihren Fragen nie ein Halt entgegenzurufen braucht. Und will man so verfahren, dann genügt nicht eine für die betreffende Stunde vorgenommene häusliche Vorbereitung. Dann heißt es, aus der Fülle des aufgestapelten Wiffens alles nur verfügbare Material herbeischleppen, um einen Schutzwall gegen die unzähligen Geschoffe aufzurichten, welche die ganze Klaffe in regstem Eifer auf den Lehrer sendet. Entsprechen unsere Lehrkräfte dem geschilderten Ideal? Man wird antworten: unsere Kinder auch nicht. In der That fehlt noch viel daran, daß es bei jedem Religionsunterricht so aussehen sollte. Und. doch ist es besser geworden. Davon zeugt der allgemeine Ruf nach dem obligatorischen Religionsunterricht, der nicht blos dem Herzen einzelner Führer im Streit entsprungen ist, sondern den Wünschen der Mehrzahl unserer Glaubensgenossen entgegenkommt. Aber auch im jüdischen Lehrerstande macht sich eine kräftige aufwärtsstrebende Bewegung geltend. Je mehr sie der Ueberzeugung sind, daß es vor allem darauf ankommt, das neue Geschlecht mit jüdischem Empfinden und jüdischem Wissen auszustatten, desto mehr wächst in ihnen der Wunsch, sich auch selbst emporzubringen, desto eifriger sind sie darauf bedacht, den idealen Forderungen der Zeit zu genügen. Aber es wird — und diesen Einwand können uns unsere Lehrer und Lehrerinnen mit Recht auf die beliebten Klagen entgegenhalten — es wird an der Möglichkeit fehlen, sich das entsprechende Maß von Kenntniflen anzueignen. Ist es nicht ein direkter Widersinn, von unseren Lehrerinnen, wie das hier in Berlin geschieht, zu verlangen, daß sie sich einem bestimmten Examen unterziehen, und ihnen doch keine Gelegenheit zu geben, sich den geforderten Examensstoff anzueignen. Es wäre die heilige Pflicht unserer Gemeindeverwaltung, diese Gelegenheit zu schaffen, mit großen Mitteln für diesen großen Zweck zu arbeiten. Denn wichtiger als die Aufführung der Synagogenbauten ist die rechte Bildung des Menschenmaterials, das sie füllen soll. Inzwischen ist von anderer Seite ein bedeutender Schritt vorwärts gethän zur Erreichung des von uns oben geschilderten Zieles. Daß wir mit unseren Aus-

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