Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1898)
- Date
- 1898-09-09
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWW WWWWMWWDW^MffM W, WWW 423 ' Nie Woche. Berlin, 6. September. ine aufgeregte Woche! Die Friedensproklamation des Zaren, die Vorgänge in Paris, die Aussicht auf eine Revision des Dreyfus-Prozesses. Was auch die zünftige Diplomatie dagegen einwenden möge, und ob auch der ewige Friede von den Meisten als ein unerreichbares Ideal angesehen wird, wir halten fest an den Verkündigungen unserer Propheten, die schon vor mehr als dreitausend Jahren das Herannahen eines goldenen Zeitalters verheißen haben, in dem „alle Völker ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Winzermessern umschmieden werden", in dem „kein Volk gegen das andere Krieg mehr führt und sie die Kriegskunst nicht mehr lernen". Freilich verkündet uns dieses Prophetenwort auch, daß in jener Zeit alle Völker im Lichte Gottes wandeln, daß sie nichts Pöses thun, und daß sie das Erbe Jakobs schützen und schätzen werden. Darum erscheint uns auch diese Friedensproklamation noch lange nicht als die Erfüllung jenes Ideals vom Weltfrieden. Denn dieser Kundgebung folgte unmittelbar das begeisterte Anerkennungsschreiben für den Mann, der so unsägliches Wehe über unsere Glaubensgenossen gebracht hat. Und auch die Nachrichten aus Paris stimmen wenig zu dem Ideal des Völkerfriedens. Denn in der Vision des großen Propheten heißt es endlich, daß die Menschheit nur durch Recht und Gerechtigkeit erlöst werden und jenes ideale Zeitalter erleben werde.' Der Sieg des Rechts ist aber noch nicht in naher Aussicht, obwohl die Zeichen sich immer mehren, daß er unausbleiblich ist, und daß auch in dieser eine ganze Welt erregenden Tragödie die Wahrheit siegreich alle Nebel durchbrechen werde, die sie zu verhüllen suchen. * Einen wunderbaren Fang hat die „Kreuzzeitung" in dieser Woche an einem antisemitisch schillernden Bericht der „New-Aorker Staatszeitung" gemacht, der auf falsche oder mindestens sehr zweifelhafte Nachrichten aus den amerikanischen Kolonien hin die Fähigkeiten der Juden als Landwirthe in Abrede stellt und daran die Schlußfolgerung knüpft, daß die Juden deshalb kein Herz für die Noth der Landwirthschaft hätten. Wie, wenn nun aber die Prämiste gründlich falsch wäre? Was soll dann aus der Schlußfolgerung werden, auf die doch der ganze Artikel hinzielte? Thatsächlich sind die Berichte aus den argentinischen und amerikanischen Kolonien furchtbar aufgebauscht. Die Befähigung der Juden für die Landwirthschaft hat sich vor allem in Rußland bereits vortheilhaft bewährt und kann nur noch von böswilligen Gegnern in Frage gestellt werden. Daß die Juden kein Herz für die Nothlage der Landwirthschaft haben, ist eine thörichte Phrase, und der antisemitische Geist des ganzen Artikels wird uns dann begreiflich, wenn man an das Wettkriechen vor dem Bund der Landwirthe einerseits und vor den Antisemiten andererseits denkt. Aber nützen wird es wohl wenig. * Die „Mittheilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" enthalten die für die jüdischen Gemeindeverhält niste in Preußen sehr wichtige Nachricht, daß einer Deputation des Ausschusses von Seiten „eines der höchsten Beamten" des Kultusministeriums der Bescheid geworden sei, „daß das Ministerium in jedem Einzelfall möglichst im Sinne unserer Petition verfahren und aus seinem Dispasttionsfonds denjenigen jüdischen Gemeinden, die mindestens zwölf schulpflichtige Binder zählen, aber weder aus eigenen Mitteln noch aus denjenigen der städtischen Gemeinde einen staatlich geprüften Religionslehrer unterhalten können, ein Zuschuß gewährt werden soll." Es wäre interessant^ zu erfahren, ob bereits eine Gemeinde diesen Zuschuß erhalten hat. ' ■ * Heber die Statistik der Reichstagswahlen gab es vor Kurzem große Debatten, namentlich über die Verluste der Antisemiten, die geflissentlich sehr gering angesetzt wurden. Jetzt kommt Licht in die Sache durch die Zusammenstellung der Ergebniffe der Reichstagswahlen, die im Büreau des Reichstages auf Betanlaffung und unter Leitung des stellvertretenden Direktors beim Reichstag Rechnungsrath Jungheim allsgearbeitet worden ist. Danach haben die Antisemiten gegen 1893 verloren 41414 Stimmen. Im Jahre 1893 hatten sie 263 861 und im Jahre 1898 nur 222 447 Stimmen. An diesem Resultat ist nichts mehr zu ändern. * In Algier soll nun ein neues Regime beginnen. Wir theilen an anderer Stelle mit, wie dasselbe eingeleitet wurde. Die wichtigste Maßregel der Regierung ist unstreitig die neue Konsistorialverfaffung. Me dreigroßen israelitischen Depärtemen tal-Konsistorien, die zusammen gegen Sv 000 Angehörige verwalten, sollen in zwölf bis fünfzehn Kreis-Konsistorien mit geringeren Befugnissen zerlegt werden. Daß die bisherige Einrichtung mit Unzukömmlichkeiten verbunden war, die unter gewissen Umständen in Mißbräuche ausarten und gefährlich werden können, sagt der Ministerpräsident in seinem Motivenberichte zu dem Dekret ausdrücklich. Herr Briffon betont, nicht wegen der letzten Unruhen und der laut gewordenen Drohungen, sondern im Interesse einer billigen Verwaltung und der Trennung der weltlichen und religiösen Dinge sei die Reform geboten, welche die zu Macht und einem Reichthum, der der öffentlichen Armenpflege zufließen sollte, gelangten Konsistorien von Algier, Constantine und Oran auflöst und Konsistorien von der Art derer gründet, die in Frankreich mit einer Seelenzahl von 2000—3000 bestehen. Bon dieser Anwendung der in Frankreich, wo auf eine christliche Bevölkerung von 38 Millionen nur 71000 Juden kommen, gütigen Regel erwartet der „Temps" das Beste. Er meint, durch eine solche Rückkehr zum gemeinen Recht werde den Unruhestiftern jeder Borwurf zu neuen Feindseligkeiten benommen, und der Nationalökonom Paul Leroy-Beaulieu giebt ebenfalls in den „Debats" seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß der algerische Antisemitismus bald, wenn nicht ganz verschwinden, doch seine Schärfe verlieren werde. * Das neue Selbstverwaltungssystem, das auf der Insel Kreta eingeführt werden soll, ist den Juden nicht günstig. Bisher waren im Verwaltungskonzil der Insel auch Repräsentanten aller religiösen Richtungen vertreten, aber dies wird in Zukunft aufhören, und es werden nur Wahlen stattfinden. Bei ihrer geringen Zahl und der Zerstreuung in einige Städte werden die Juden nicht in der Lage sei», in der neuen Behörde einen Vertreter zu gewinnen, und doch thäte es bei dem dort herrschenden Religionshaß sehr Noth, daß auch die Juden einen eigenen Vertreter in dem Abgeordnetenhause der Insel besäßen. Leider wird dies wohl ein frommer Wunsch bleiben. Protokoll der 34. Versammlung des Vereins jüdischer Fehrer in der Provinz Hannover, am 29. und 30. Mai 1898 zu Hannover. ^.-Anwesende Ehrenmitglieder: 1. Herr Landrabbiner Dr. Gronernann-Hannover. 2. Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky-Hildes heim. B. Anwesende Mitglieder: die Herren Lehrer Mumenfeld-Adelebsen, Stern-Hildesheim, Spanier-Stolzenau, Meyer-Hannover, Weinberg-