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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-09 · Heft 36 (9.9.1898) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 36 (9.9.1898)
Date
1898-09-09
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 schlecht gewählt diese Vergleiche waren. Nein, wir wünschen den. Männern, die wir im Leben nach ihrer Begabung immer hoch geschätzt haben, ein besseres Schicksal als das des Bar Kochba. Auf di: Behandlung der Dreyfus-Affäre gehen wir nicht weiter ein. Es ist geradezu unglaublich, daß dem Judenthum ein Vorwurf daraus gemacht wird, weil es in dieser Sache nicht Partei ergriffen. Wenn es überhaupt noch möglich gewesen wäre, so hätte jeder Schritt, deni5 ein Jude in dieser Angelegenheit unternommen, sie nur wesentlich, verschlimmert. Und eine maßlose Uebertreibung ist es, wenn weiter!' behauptet wird, daß die Juden sich von diesem Kampf ums Recht fern gehalten „einzig, weil das Opfer einer Rechtsbeugung eiy^, Jude war". Und nun kommen wir zur Hauptsache. Schälen wir aus den - langen Reden und langwierigen Debatten den Kern der Sache heraus,z: so handelte es sich auf diesem zweiten Kongreß um die Gründung, einer Kolonialbank, die die Aufgabe haben solle, Ackerbau und Industrie in Palästina und Syrien zu fördern. Nun, wir gestehen ganz offen, daß uns dieser Plan sympathisch ist, und wir müssen erstaunt fragen:. Wozu der Lärm? Wäre es nicht möglich gewesen, auf friedlichem, Wege ein solches Unternehmen zu beginnen, und wäre es nicht wahrscheinlich, daß dieses dann wesentlich bester reüssirt hätte? Wie , bei allen Sektenbildungen, so spielt auch beim Zionismus das Geheimniß, das Mystische eine Hauptrolle. Von Mund zu Mund gehen" die Erzählungen, die Versicherungen, die Legenden von ungezählten Millionen, die bereits für eine solche Bank gezeichnet sein sollen., Nun stellt es sich heraus, daß trotz aller Agitation im Ganzen vier Millionen gezeichnet wurden, von denen nur der zehnte Theil ein- , gezahlt worden ist. - Genau dasselbe gilt von der Ausbreitung des Zionismus überhaupt, die in den Eröffnungsreden ebenfalls in maßloser Weise übertrieben wurde. Ja, es sind im Laufe des letzten Jahres^ 796 Zionistenvereine begründet, aber es ist auch nicht einmal , angedeutet worden, wie viele Mitglieder diese Vereine zählen,«, und ein böswilliger Gegner könnte vielleicht zu der Annahme ver-o leitet werden, daß diese Vereine ebenso viele Mitglieder haben. Die ' Zahl der Vereine ist auf 913 gestiegen. Da ist es nun besonders intereffant, die einzelnen Zahlen zu studiren. Die meisten Vereines bestehen in Rußland, nämlich 373, dann kommt Oesterreich, das heißt im Wesentlichen Galizien, mit 218, hierauf Rumänien mit 127. Dann ist ein großer und weiter Abstand; es kommt Amerika mit 60, Ungarn mit 32, England mit 26. Deutschland mit 25. Italien mit 12, die Schweiz und Transvaal: mit 6, Frankreich mit 3, Belgien mit 2, die Türkei und Aegyptens mit 2, Dänemark und Griechenland mit 1 Verein. Was folgt" daraus? Die größte Verbreitung hat der Zionismus in den' Ländern, wo die Juden hart bedrückt werden oder in großer Noth leben, wie in Rußland, Rumänien und Galizien. In allen anderen Länden ist die Zahl seiner Anhänger kaum nennenswerth, und voneiner Begeisterung der Masten kann auch nicht im Entferntesten die - Rede sein. Es ist, wie gesagt, recht schade, daß die Zahl der Mitglieder oder vielmehr Schekelzahler im Einzelnen nicht angegeben worden. Man hätte daraus sehr wichtige Schlüffe ziehen können. Als das Schlagwort der nächsten Zukunft wurde auf dem Kongreß „die Eroberung der Gemeinden" ausgegeben und dabei gesagt u- „Es kann nicht länger so bleiben, daß in jüdischen Kultusgemeinden gegen Zion agitirt wird. Es ist ein widersinniger, unmöglicher Zustand, wir muffen thtst ein Ende bereiten. An allen Orten, wo der Vorstand nicht ohnehin schon zu den Unseritzen gehört, muß eine Wahlkampagne begonnen werden. Männer, die würdig und fähig? sind, solche Ehrenämter zu bekleiden, und die uns in der Gesinnung nahe stehen, müssen auf den Schild gehoben und in die Gemeindestuben getragen werden im Namen der nationalen Idee." Wir sind in der That sehr neugierig, wie man einen solchen Kampf mit den Ortsgruppen, die wir oben «ufgeführt haben, in allen westlichen Ländern unternehmen wird. Dieses arge Mißverhältniß zwischen Worten und Thaten, zwischen Zielen und Mitteln würde einen komischen Eindruck machen, wenn es nicht betrübend wäre. Als ein zweites großes Ziel hat der Zionismus eine Organisation im Auge, die die Juden als solche retten, heben, kräftigen, fördern soll, und die „einen möglichst großen Theil des vorkommenden jüdischen Proletariats vom totalen Untergang retten und einem menschenwürdigen Dasein entgegenführen soll". Wir muffen nochmals die Frage aufwerfen, wozu der Lärm? In der That kann uns nichts sympathischer sein als dieses Bestreben, und wir würden freudig die Streitaxt begraben, wenn es dem Zionismus je gelänge, auf diesem Gebiete auch nur irgend etwas Nennenswerthes zu erreichen. Er hätte dann das Recht und den begründeten Anspruch auf die Hilfe und Mitarbeit eines jeden Einzelnen, dem das Wohl und Wehe seiner armen Glaubensgenoffen am Herzen liegt. Und als ein drittes großes Ziel erklärt der Zionismus durch seinen Kulturausschuß „die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes", d. h. aus dem hochtönenden Zionistendeutsch in die Sprache der Wirklichkeit übersetzt: die Verbreitung der Kenntniß der hebräischen Sprache und der Litteratur des Judenthums. Mit diesem Ziel können wir uns gewiß um so eher einverstanden erklären, als es ja kein neues ist, und als wir seit Jahren unablässig bestrebt sind, dasselbe mit allen Kräften zu erreichen. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal im Geiste die ganzen Verhandlungen des Kongresses, die großen Debatten über „die ungelöste Judenfrage", über die „schwere Judennoth", über die heißen Kämpfe, die den Zionisten mit ihren Gegnern bevorstehen, und vergleichen wir diese mit den Zielen, die der praktische Zionismus sich jetzt zu stellen gcnöthigt sieht, so tritt uns wiederum jenes Mißverhältniß klar und deutlich vor Augen, das wir oben angedeutet haben. Wer wollte leugnen, daß die Zustände innerhalb des modernen Judenthums zum Theil recht traurige und besorgnißerregende sind, wer wollte in Abrede stellen, daß eine Erhebung des Geistes in Israel dringend von Nöthen sei? Wer wollte nicht, der es ehrlich und treu mit seinem Judenthum meint, Denen freudig zustimmen, die das Herz der Kinder den Vätern und den Geist der Väter den Kindern wieder zuwenden? Bezweckte der Zionismus solche Erhebung, solche Restauration, so wären wir die Ersten, die zur Verwirklichung seiner Ideale die Hand bieten würden. Darüber hinaus aber trennen sich unsere Wege. Zion ist für uns die heiligste Stätte der Menschheit, die Heimath unseres Glaubens, das Symbol des einstigen Völkerfriedens und der Vereinigung aller Menschen in dem Glauben an den einig einzigen Gott. Alle Bestrebungen, welche darauf Hinzielen, diesen heiligen Boden, auf dem die Erzväter und Propheten, die Rabbinen und Lehrer gegangen, wieder urbar zu machen und die unglücklichen Glaubensgenoffen, die in allen Ländern der Welt als solche leiden, dorthin zu führen, damit sie auf diesem geheiligten Boden wieder den Pflug führen, wie einst die Väter, alle diese Bestrebungen haben, wie gesagt, unsere wärmsten Sympathien. Was aber darüber hinaus zielt, das lehnen wir nach wie vor mit aller Bestimmtheit ab, und hier trennen sich unsere Wege wieder. Hier kenneli wir keine Verständigung, sondern nur die uralte, geheiligte Satzung Israels und das Ideal seiner großen von Propheten und Psalmisten ausgesprochenen Hoffnungen auf die glorreiche Zukunft Israels und auf die endliche Erlösung aus trüber Gegenwart.

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