Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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antisemitischen Bewegung, in der er eine empfindliche Schädigung der geistlichen Autorität erblickte. Daher wurde auch der anläßlich seines fünfzigjährigen Priester-Jubiläums angeregte Vorschlag, ihm das Ehrenbürgerrecht von Wien zu verleihen, durch den Einfluß der antisemitischen Partei im Gemeinderath Hintertrieben. — Der antisemitische Stadtrath hat auf Antrag des Bezirksvorstehers des Bezirkes Hietzing beschlossen, die Bezeichnung Eskelesgasse in Woltergasse abzuändern. Gewiß wird Jedermann damit einverstanden sein, daß auf solche Weise die Erinnerung an die große Künstlerin, welche Ln Hietzing lange Jahre gewohnt hat und dort gestorben ist, sestgehalten werde. Warum mußte aber zu diesem Zwecke die Eskelesgasse ihren Namen verlieren? Man wollte hauptsächlich den Namen Eskeles aus dem Verzeichniß der Wiener Gassennamen verschwinden lassen. Jene Hietzinger Straße ist nach Bernhard Freiherrn v. Eskeles benannt, der in Hietzing eine Villa hatte, wo er am 7. August 1839 gestorben ist. Er hat bekanntlich als Bankier dem österreichischen Staate in finanziellen Nöthen große Dienste geleistet und genoß dafür das volle Vertrauen des Kaisers Franz. Aber auch in der Wiener Stadtgeschichte hat er seinen Platz — schon als einer der Gründer der Ersten Oesterreichischen Sparkasse —, und sein Name ist mit einer großen Zahl wohlthätiger Stiftungen verknüpft. Während des Wiener Kongresses versammelten sich die Staatsmänner und Diplomaten in seiner Hietzinger Billa, wo seine Frau und ihre Schwester den ersten Wiener Salon begründeten. — Eine empfindliche Niederlage haben die Christlich-Sozialen bei den Gewerbegerichtswahlen in der Gruppe der Nahrungs- und Genußmittelgewerbe, der Gewerbe für persönliche Dienstleistungen und der Verkehrsgewerbe, zu welchen unter Anderen die Fleischhauer, Fleischselcher, Kellner, Fiaker, Einspänner, Omnibus- und Tramwaybedienfieten gehören, erlitten. Diese haben mit einem kläglichen Fiasko für die Christlich-Sozialen geendet. Von 2009 abgegebenen Stimmen entfielen nämlich 1766 auf die sozialdemokratische und nur 233 auf die christlich-soziale Liste. — Das antisemitische Hetzorgan des Pater Diettrich, das Montagsblatt „Echo", ist selig in dem Herrn entschlafen. Es war ein Hetzblatt niederträchtiger Sorte und lebte von den Unterstützungen, die Pater Diettrich bei Allen, die ihm in den Weg kamen, zusammenschnorrte. — Die Affäre des holländischen Pianisten Sieveking, der in Pest verhaftet wurde, zieht auch die Juden in ihre Kreise. Im klerikalen „Linzer Volksblatt" veröffentlicht der Benefiziat Perr eine Darstellung seines Konflikts mit dem Künstler. In der Einleitung feines Berichtes theilt der Geistliche mit, es seien ihm schon früher vier Personen — Juden, wie er behauptet — begegnet, die, ohne die Hüte abzunehmen, ruhig vorübergegangen seien; er habe sie aber nicht angeredet, weil sie sich nicht ostentativ benahmen. Wenn fich der Herr Benefiziat nur nicht geirrt hat! Ist dies aber nicht der Fall, so hätten jene Herren besser daran gethan, entweder den'Hut abzunehmen oder, wenn sie dies nicht wollten, einen anderen Weg einzuschlagen. Schweiz. o. Basel, 30. August. Am Sonntag wurde hier der zweite Zionist enkongreß' unter starker Theilnahme, besonders aus Rußland, Rumänien, Galizien u. s. w., eröffnet. Ich beschränke mich natürlich auf ein objektiv sachliches Referat der Verhandlungen und überlasse Ihnen die Kritik der Vorgänge. Die Verhandlungen fanden im großen Saale des Kasinos statt. Die Eröffnungsrede hielt Dr. Theodor Herzl. Er führte darin Folgendes aus: Als wir auftraten, erschienen wir Vielen als etwas Fremdes, längst Abgestorbenes. Das jüdische Volk galt ja längst als todt und verschollen. Aber von Unglück zu Unglück stärkte sich das Volksbewußtsein des jüdischen Volkes. Der erste Kongreß war bereits eine Kundgebung des jüdischen Volkes. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen keinen internationalen Verein bilden, nicht auf Schleichwegen vorgehen, sondern stellen unsere ganze Thätigkeit unter die Kontrole der Oeffentlichkeit. Jedes natürliche Volksthum, das nicht unter fremder Maske auftritt, hat Anspruch auf die Achtung anderer Völker. (Stürmischer Beifall.) Auf die Zeit des Wohlwollens ist in allen Ländern ein Rückschlag eingetreten. Der Antisemitismus läßt fich nicht wegleugnen. (Sehr richtig! Beifall.) Deshalb müssen wir danach streben, unserem Volke eine Heimstätte zu suchen. (Beifall.) Neben dem Bolksbewußtsein muß der Volkswille erwachen. (Beifall.) In dem langen Elend hat sich das jüdische Volk seines Bolkswillens entwöhnt. Jetzt finden wir vielfach aus Trägheit bei den Juden passiven Widerstand. Wir stoßen aber auch auf offene Feindseligkeit jüdischer Kreise. Dahin gehört die Kundgebung der deutschen Rabbiner. (Stürmischer Beifall.) Es wird immer zu den Merkwürdigkeiten gehören, daß die Herren um Zion beten und gegen Zion agitiren. (Stürmischer, endloser Beifall) Die Eroberung der jüdischen Gemeinden wird unsere nächste Aufgabe sein. Der Zionismus hat sich außerhalb des Judenthums sehr große Sympathien erworben. Diesen Kreisen werden wir durch die Eroberung der Gemeinden unsere innere Kraft zeigen. Ohne unser Zuthun kann die auf vielen Ländern lastende Frage der „Judennoth" nicht ihrer Lösung entgegengebracht werden. Kein Platz der Welt ist so begehrt wie jener verödete Winkel des Morgenlandes, der nicht blos eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft hat. (Beifall.) Wenn es irgend Rechtsansprüche an die Erde giebt, so müssen alle Völker, die an die Bibel glauben, uns das Anrecht auf Palästina zuerkennen. (Beifall.) Das Land ist die Eingangsstraße für den Handels- und Weltverkehr nach Asten. Unsere Ansiedelung würde dem osmanischen Reiche neue Kräfte geben. Die türkische Regierung hat auch unsere loyalen Bestrebungen anerkannt. (Beifall.) Wir wollen keine Ansiedler einschmuggeln, sondern wir wollen vorherige Abmachungen. Denn wir haben kein Interesse an derwirthschaftlichen Wiederherstellung der Türkei, sondern wir verlangen nach dem Grundsatz do ut des Gegenleistungen. Zum ersten Mal glaubt man, daß Juden keine Bank machen können. (Heiterkeit.) Die jüdische Kolonialbank wird aber noch in diesem Jahre ihre geschäftliche Thätigkeit eröffnen. (Stürmischer Beifall.) Bei der Konstituirung des Büreaus werden gewählt: Dr. Th. Herzl-Wien zum ersten Präsidenten, Dr. Max Nordau-Paris, Rabb. Dr. Moses Gaster-London und Dr. Mandelstamm- Kiew zu Vizepräsidenten, Rabb. Dr. Rülf-Bonn, Bernhard Lazare-Paris, Rechtsanwalt Herbert Bentwich-London, Dr. I. Cohan Bernstein- Kischinew, Dr. Gottheil-New-Aork, Rabbiner Dr. O. Thon-Krakau, Dr. Tschewrow-Moskau, Dr. Schauer-Bingen und Wolfsohn-Köln zu Beisitzern gewählt. Darauf nahm Dr. Max Nordau-Paris das Wort, um Bericht über die Gesammtlage des Judenthums zu erstatten. In der Lage der Juden sei es nicht besser, in vielen Ländern aber schlechter geworden, so in Rußland, in Galizien, Rumänien. Redner bespricht näher die Judenverfolgungen in Rumänien, Böhmen und Galizien. Diese östlichen Länder seien die Länder der klassischen Judennoth. Dort sei es selbstverständlich, daß die Juden verfolgt werden. Aber die vorgeschrittenen Länder des Westens bieten ein ähnliches Bild. In dem Lande der höchsten Bildung, wo die Philosophen die Duldsamkeit predigten, ertönte der Ruf: Tod den Juden. Das Frankreich, welches zuerst die Gleichberechtigung der Juden proklamirte, marschire an der Spitze des Antisemitismus. Wenn dieser sich auch noch nicht in den amtlichen Handlungen dokumentire, so mache sich doch die langsame Ausschließung der Juden aus allen Ehrenämtern, die in Deutschland ihre volle Wirkung gethan habe, geltend. Das gesellschaftliche Zurückdrängen des Judenthums in Frankreich in ein unsichtbares Ghetto sei im vollen Gange. In Algier lasse man es nicht blos bei der Beschimpfung bewenden, sondern es werde dort munter geplündert und sogar auch ein wenig gemordet. Die Hetzpresse der Antisemiten habe dafür gesorgt, daß Tausende jüdischer Proletarier und Hunderte Kleinkaufleute brodlos seien. Den Anlaß für den Antisemitismus kennen Sie alle. Es ist der Fall Dreyfus. Der Kongreß hat jüdische Bolksangelegenheiten zu berathen und als solcher mit dem Fall Dreyfus keinen Anlaß fich zu beschäftigen. (Beifall.) Der Fall Dreyfus ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes, sondern eine des französischen Volkes. (Beifall.) Nur begleitende Nebenumstände beanspruchen das jüdische Volksinteresse. Nordau sprach dann sehr ausführlich über den Fall Dreyfus und kam schließlich wieder auf sein Thema zurück: Frankreich ist aber nicht das einzige civilifirte Land, in dem das mittelalterliche Gespenst des Judenhasses wieder aufgetaucht ist. In England, von wo ich noch im vorigen Jahre Gutes melden konnte, bedeutet das Gesetz, welches die Einwanderung unbemittelter Ausländer untersagt, eine Maßnahme gegen die Juden. Diese Benennung ist nur das Feigenblatt für die Judenverfolgung. (Beifall.) In den Bereinigten Staaten kennt man gesetzlich keine Unterschiede, gesellschaftlich mehre sich aber die Zahl der Gasthäuser und Betriebe, welche den Juden verschlossen werden, immer mehr. Ueberall, im Osten und Westen, haßt und verfolgt man uns Juden. Nicht zu klagen haben wir in Holland, Skandinavien, Belgien, Italien und der freien Schweiz. (Stürmischer Beifall.) Wir dürfen aber nicht vergessen, daß in allen diesen Ländern zusammen die Zahl der Juden noch nicht