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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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200 000 beträgt. So sehr der Zionismus anwächst, so unerfreulich ist es, die Bewegung innerhalb des Judenthnms zu beobachten. Ueberajl erblickt man Abbröckelungen und Abfall. Die jüdischen Gegner dB Zionismus sind bestimmt, aus der Judenschaft zu verschwinden, wM wohl auch ihr eigener Herzenswunsch sein dürfte. Der Zionismus bedeutet heute allein das Judenthum. (Stürmischer, endloser Beifalll) Dr. Schnirer-Wien berichtet über die Thätigkeit des Aktionskomitees. Zur Propaganda wurde mit großem Erfolg eine von Dr. Nordau in Berlin gehaltene Rede, „Das Ende der Judennoth", als Broschüre verebreitet. Eine in hebräischer, französischer und arabischer Sprache aLgefaßte Agitationsschrift wurde im Orient verbreitet. Die Erlangung des Zieles der Kolonisation bedürfe wirthschaftlicher Mittel. Mit Wohlrhätigkeit sei nichts zu machen. Die Juden sollen den heiligest Boden als unabhängige, freie Arbeiter betreten und nicht als Schmarotzer. Die Kolonialbank werde die Wege für die Kolonisation ebnest- (Beifall.) Im Laufe des letzten Agitationsjahres habe die Bewegst^ um das Neunfache zugenommen; die Zahl der Gruppen, welche d^r Organisation angeschlossen sind, betrage 913, von denen 796 neue m^> 117 alte Gruppen sind. Die Gruppen vertheilen sich folgendermaßen: Rußland 373 Ortsgruppen (380 neue), Oesterreich 218 (176), RumäniB 127 (100), England 26 (12), Bulgarien 16 (15), Amerika 60 (50^; ferner (sämmtlich neu): DeutjHland 25, Ungarn 32, Italien 1^, Schweiz 3, Frankreich 3, Transvaal 6, Belgien 2, Türkei Aegypten 2, Dänemark 1, Serbien I und Griechenland 1. Der Zionismus bilde also eine feste Säule des Judenthums. (Beifalls In der heutigen dritten Hauptversammlung kam es zu sehr lärmenden Szenen, die zeitweise die Weitertagung in Frage stellten. Hepr Aschkenazi-Lille verlas ein in den Baseler Zeitungen veröffentlichtes Telegramm, wonach der Kaiser von Rußland die Initiative ergriffen habe zur Zusammenberufung einer Konferenz, um die Mittel zur allgemeinen Abrüstung und für Herstellung eines dauernden Friedens zu berathen. Der Redner erblickte hierin ein großes weltgeschichtlich^ Ereigniß und beantragt, daß der zweite Kongreß der in Basel vereinigten Zionisten nach Anhörung der Veröffentlichung, in welcher sich die mächtigste Regierung auf den Boden des Christenthums stellt, welches fast alle Regierungen zwar bekennen, aber nicht befolgen, beschließt, dem großmächtigen Zaren den Ausdruck der Dankbarkeit für diese hochherzige Initiative auszusprechen. Dieser Antrag wurde von der Versammlung mit getheilten Gefühlen ausgenommen. Ein russischer Delegirter springt auf und. schreit in den Saal: Non! Pfui! Schluß! Spitzel! Nur die Zionisten aus Frankreich zollen dem Vorschlag Beifall. Der Vorsitzende Dr. Herzl erklärt, daß er eine Obstruktion des Zionismus nicht dulden werde. Man solle nicht vergessen, daß eine unvorsichtige Debatte die Sache des Zionismus schwer schädigen würde. (Stürmischer Beifall, Zwischenrufe, große Unruhe.) Nachdem Dr. Nordau-Paris sich in ähnlicher Weise ausgesprochen hatte, wollte Dr. Herzl ohne Debatte den Antrag zur Abstimmung bringen. Von allen Seiten erschollen nunmehr Rufe: Zur Geschäftsordnung! Alles stürmt zur Tribüne, es entsteht eine allgemeine Aufregung, und die Verhandlungen müssen auf längere Zeit vertagt werden. Schließlich erhält Rechtsanwalt Dr. B odenheimer-Köln das Wort. Er macht darauf aufmerksam, daß bisher nur eine unkontrolirbare Zeitungsmeldung vorliege, und daß daher der Antrag verfrüht sei. (Sehr wahr!) Selbstverständlich könne eine so bedeutungsvolle Maßnahme in einer so eminent friedfertigen Bewegung, wie der Zionismus sei, nicht ohne Widerhall bleiben. Mit dieser Feststellung könne man einfach zur Tagesordnung übergehen. (Stürmischer Beifall.) Damit war der Zwischenfall erledigt. Hierauf berichtete Dr. Mandelstamm-Kiew über die verschiedenen Strömungen innerhalb des Judenthums. Der Vortragende führt u. a. aus: Der reiche Jude suche im Genuß einen Ersatz für die mancherlei Demüthigungen, und der jüdische Gelehrte verschließe sich hinter seine Bücher. Das führe gegenüber dem großen jüdischen Elend des Ostens zu einem gewissenlosen Jndifferentismus. Für viele Juden erscheine die soziale Frage als der Sündenbock für jedes Ungemach. (Beifall.) Die bisherigen Versuche der Juden, die Judenfrage zu lösen, seien verfehlt gewesen, was durch die verzweifelt Weltlage nach 2000jähriger Diaspora ad oculos geführt werde. Der Zionismus wolle daher das Judenthum als Nation retten und eine rechtlich geschützte Heimstätte schaffen. Für die Zionisten ist des Kosmopolitismus ein Traum, der zum Jndifferentismus füW. Wie jedes Volk und Völkchen, brauche auch die jüdische Nation ihr eigenes Land. Redner hofft zum Schluß, daß die gebildeten Geister aus Gerechtigkeitsgefühl die jüdische Nation in ihrem berechtigten Streben unterstützen werden. (Stürmischer Beifall.) — Sodann wird ein Schreiben von Professor Lombroso aus Turin verlesen, worin er sein Fernbleiben von dem Kongreß einerseits mit seinem Alter, andererseits damit entschuldigt, daß er noch zu sehr Neuling sei und die Frage des Zionismus noch nicht gründlich genug studirt' habe. „Sagen Sie aber", so schließt der Brief. „Ihren Anhängern, daß, wenn ich dreißig Jahre jünger wäre. Niemand wärmer für die Idee eintreten würde als ich!" (Stürmischer Beifall.) Aus dem Bericht des Finanzausschusses, welchen Moses-Kattowitz erstattet, geht hervor, daß die Schekel-Geldsammlungen nach Bestreitung aller Verwaltungsausgaben des Aktionskomitees noch einen Ueberschuß von 61 261 Francs ergeben haben. Dr. Mozkin-Kiew berichtet über den gegenwärtigen Zustand der Juden in Palästina. Die Zahl der Juden in Jerusalem betrage 28 254, von ihnen seien 2576 Arbeiter und Handwerker. Den letzten Gegenstand der heutigen Tagesordnung bildet die bis in die späte Nachtstunde dauernde Berathung des dem Kongreß vorgelegten Organisationsstatuts. Morgen steht die, wichtigste Angelegenheit: Die Kolonialbank, auf der Tagesordnung. Schluß des Berichts in nächster Nummer. Von Nah und Fern. — Nach den Mittheilungen des Direktoriums des evang.-luth. Centralvereins „für Mission unter Israel" hat das Rechnungsjahr mit einer Mehrausgabe von 2057,61 Mark abgeschlossen, und der Haushaltungsplan des neuen Rechnungsjahres weist eine Ausgabe von 18 000 Mark auf. Die Einnahmen müssen also mindestens 20 000 Mark betragen. Wie viele Seelen sind dafür gerettet worden? — Der Hauptmann a. D. Stern vom Landwehrbezirk Posen hat den Rothen Adlerorden 4. Kl. erhalten. — Dem leitenden Arzt am städtischen Krankenhause zu Magdeburg, Sanitätsrath Dr. E.Aufrecht, ist der Charakter als „Geheimer Sanitätsrath" verliehen worden. — Herrn Lehrer I. Gutmann in Vlotho ist nach fünfundzwanzigjähriger Amtsthätigkeit als Lehrer und Kultusbeamter in der Synagogengemeinde Vlotho a. W. der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen würden. — Dem Professor Dr. Schott in Nauheim ist in Anerkennung der erfolgreichen Behandlung der Kaiserin von Oesterreich der Orden der eisernen Krone verliehen worden. — Das Konsistorium des Unter-Elsaß hat den Preis der Fanny-Weill-Stiftung, welcher im Betrage von je 200 Francs denjenigen Lehrern, die sich um die Hebung des Religionsunterrichtes in ihrer Gemeinde besonders verdient gemacht haben, bewilligt wird, den Lehrern Bloch-Mutzig und Wolf- Fegersheim zuerkannt. — In Krajova ist Dr. Josef Jaeobsohn einer der tüchtigsten Aerzte, in Ausübung seines Berufes im 35. Lebensjahre gestorben. — Die Baronin Hirsch hat für das jüdische Hospital in Bukarest 10 000 Frcs. gespendet. — In Baku hat der Präfekt bei Bertheilung der Preise im Gymnasium den Direktor insultirt, weil Letzterer den ersten Preis einem Juden gegeben. — Die Schweiz ist muthiger als Dänemark! Auf Veranlassung des französischen Gesandten in Bern, Grafen Montholon, hat der Bundesrath die Berner Regierung ersucht, die Aufführung des Sensationsstückes „Kapitän Dreyfus" in dem hiesigen Schänzli-Theater zu verbieten. Die Berner Regierung hat aber die Zumuthung des französischen Gesandten abgelehnt. — Der greise Dichter David Levi in Turin hat soeben ein Epos „Ahasver auf der Teufelsinsel" vollendet, das, wie der Titel besagt, das bejammernswerthe Geschick Alfred Dreifus' behandelt. — In Rom haben angesehene jüdische Damen eine Gesellschaft zur Heilighaltung des Sabbaths begründet. — In St. Molo wurde kürzlich der Geburtstag Chateaubriands, des Dichters des „Genie des Christenthums" gefeiert. Nach der erhebenden Feier trennten sich die Theilnehmer mit dem Ruf: „Nieder mit den Juden!"— In Paris erscheint vom 21. August ab — ein Zeichen der Zeit! — ein neues Antisemitenblatt, das sich „L'Antijuif" betitelt. Ob es ihm gelingen wird, mit der von Drumont geleiteten „Libre Parole" mit Erfolg in Wettbewerb zu treten bleibt abzuwarten. Druck und Verlag mm tftuDuij Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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