Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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62. Jahrgang. Nr. 35. f t) 0ff4 Berlin. 2. September 1898. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 2/D Berlin, 31. August. Der achte Gemeindetag des D.-J. G.-B. wird am 16. Oktober im Bereinshause, Wilhelmstr. 118, stattfinden. Die Tagesordnung ist nach der eben erschienenen Nr. 48 der „Mittheilungen" folgende: Tagesordnung für den Gemeindetag: Sonntag, 16. Oktober. 1. Berichterstattung über die seit dem 7. Gemeindetage (21. Juni 1896) vergangene Zeit. 2. Bericht der Kasfenrevisoren. 3. Erlangung der „Juristischen Persönlichkeit" für den D.-J. G.-B. und damit zusammenhängende Statutenänderung (§ 15 der Statuten). 4. Anregung einer Enquete über die rechtlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden Deutschlands. 6. Wahlen dreier Kasfenrevisoren. 6. Etwaige Initiativanträge. 7. Dechargeertheilung an den Ausschuß. 8. Vornahme der Wahlen zum Ausschuß. Der Tags darauf stattfindende Berbandstag wird sich mit folgenden Angelegenheiten beschäftigen: 1. Bericht über die bisherige Entwickelung der'. Provinzial- und Bezirksverbände. 2. Besprechung der den Verbänden zusallenden Aufgaben: a) Einrichtung von Religionsunterricht in kleinen Gemeinden, b) Inspektion des Religionsunterrichts durch die Gemeindeverbände, e) Wanderprediger. 6) Vorbildung der Kantoren und Schächter, e) Provinzielle Wohlthätigkeitsinstitute. Waisen-, Kranken-, Alten- und Armenhäuser, Gefangenenpflege. 3. Wanderbettelei und Organisation der allgemeinen Armenunterstützung. 4. Etwaige Initiativanträge der Verbände. Die definitive Tagesordnung für beide Versammlungen wird den Interessenten baldigst kund gegeben werden. Die Nummer enthält noch die Petition an den Kultusminister in Sachen des Religionsunterrichts und verschiedene Mittheilungen, auf die wir noch zurückkommen. Frau Baronin Hirsch hat der Philippson - Stiftung ein Geschenk von 15000 Mark gemacht. 22 Berlin, 28. August. Die Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin hält ihre erste Sitzung nach den Ferien am Sonnabend, den 3. September, im Bereinslokal, Wittners Restaurant, Königstraße 29, ab. In derselben wird Herr Kollege Dr. Fiegel über: „Die Verhandlungen des ersten Vereinigten preußischen Landtages vom Jahre 1847 über den Entwurf einer Verordnung, die Verhältnisse der Juden betreffend" sprechen. Gäste sind herzlich willkommen. L2 Berlin, 29. August. Der Minister des Innern hat fich damit einverstanden erklärt, daß durch den Vorstand des „Vereins zur Förderung der Interessen der israelitischen Taubstummen Deutschlands" in den Monaten August, September und Oktober d. I. an wohlthätige jüdische Glaubensgenossen in Berlin und in den größeren Städten der preußischen Monarchie Cirkulare versandt werden, in denen zur Sammlung und Einsendung freiwilliger Beiträge für die Zwecke des Vereins aufgefordert wird. Hoffentlich haben diese den gewünschten Erfolg. L2 Berlin, 27. August. In den Tageszeitungen stand in dieser Woche groß und breit das folgende Inserat zu lesen: „Gesucht gutes christliches, aber nicht antisemitisches Töchterpensionat, welches auch jüdische Mädchen von 17 Jahren zu geistiger und wirthschaftlicher Förderung aufnimmt." Es braucht nicht erst darauf hingewiesen zu werden, daß der Fassung dieses Inserats eine gewisse Absichtlichkeit zu Grunde liegt. Die Inserenten sind Juden, wollen aber ausdrücklich ein christliches Pensionat für ihre Töchter haben. Nun, über Geschmackssachen ist nicht zu streiten und am allerwenigsten mit Leuten, die durch die Thatsachen und Ereignisse, ja selbst durch Beleidigungen oder Prügel nicht zu belehren und zu bekehren sind. Der Inserent ist es also nicht, gegen den wir uns wenden. Wohl aber halten wir es für eine Pflicht, uns nachdrücklichst gegen die Unterstellung zu wehren, die Jeder aus dem Inserat herauslesen muß, daß in den zahlreichen jüdischen Töchterpenfionaten die jungen Mädchen nicht dieselbe „geistige und wirthschaftliche Förderung" empfangen können wie in einem christlichen Institut. Die Erfahrungen hervorragender Pädagogen stehen uns zur Seite und wir können wohl sagen, daß viele jüdische Pensionats hier und in den verschiedenen Provinzstädten allen Anforderungen der Pädagogik entsprechen und vollständig auf der Höhe der Zeit stehen. Wir wußten allerdings schon lange, daß das Vorurtheil auch auf diesem Gebiete noch herrsche, da es sich nun aber in die Oeffentlichkeit gewagt, haben wir es für eine Pflicht der Presse gehalten, demselben mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und es als das zu charakteristren, was es in der That ist, als ein durch nichts gerechtfertigtes Vorurtheil. N. Breslau, 29. August. Am 24.d.Mts. verschied hier der pensionirte Kgl. Stationsvorsteher I. Klasse Herr Siegmund Burgheim in hohem Atter. — Einer der bekanntesten und beliebtesten Aerzte Breslaus, Herr Sanitätsrath Dr. S. Caro, ist zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. Herrn Geh.-Rath Caro wurde jüngst noch eine ganz besonders ehrenvolleAuszeichnung dadurch zu Theil, daß er in die ärztliche Prüfungskommission für das Studienjahr Oktober 1898/99 als einer der Examinatoren für Frauenheilkunde berufen wurde, ohne daß er sich der akademischen Karriere gewidmet hat. — Am 24. d. Mts. beging der verdienstvolle Vorsitzende des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde, Stadtrath Feodor Pringsheim, seinen 70. Geburtstag, entzog sich jedoch allen Ovationen durch eine Reife nach Warmbrunn. M. Greifenberg, im August. Eine Gedenktafel in der Königstraße unserer pommerschen Landstadt enthält die Inschrift: „Hier wohnte Fürst von Bismarck als Landwehr-Kavallerie-Offizier 1842." Dieses Haus gehörte zur Zeit, als Fürst Bismarck bei den Ulanen daselbst diente, dem Kaufmann Joski Rosenthal, bei welchem der junge Bismarck in" Chambre garnie wohnte. Bismarck stand in leutseligem Verkehr mit der Familie seines Wirthes und war auf deren Einladung hin oft Theilnehmer an der frugalen koscheren Familientafel. Von den einzelnen koscher zubereiteten Gerichten der jüdischen Küche mundete ihm am trefflichsten das Schalent, das allsabbathlich als Leibgericht der Familie Rosenthal gekocht wurde, und wenn ihm ein Teller Schalent von den Kindern seines Wirthes nach Rückkehr vom Dienste in sein Oberzimmer gebracht wurde, so pflegte er diese Aufmerksamkeit reichlich mit Bonbons und Konfitüren zu belohnen. Bismarck fühlte sich sehr wohl bei seinen Wirthsleuten und that wiederholentlich die Aeußerung: „Rosenthalchen, wenn Sie auch das Doppelte haben wollten, so will ich dennoch von Ihnen nicht ziehen", und so lange er in Greifenberg lebte, wohnte er ununterbrochen bei seinen jüdischen Wirthsleuten, denen er später noch von feinem Befinden oft Nachricht gab. Die Kinder des Kaufmanns Rosenthal, die gegenwärtig schon zu Großeltern herangereist sind, bewahren noch heute dem ehemaligen guten Onkel „Lieutenant" ein liebevolles Gedenken. Wreschen, 26. August. Die Blätter theilen das folgende Schreiben mit, welches Erzbischof Dr. von Stablewski an die Wittwe des verstorbenen königlichen Kreisphysikus Dr. Paradies Hierselbst, zur Zeit, als er hier noch Probst war, richtete. „Sehr geehrte Frau! Es giebt Schmerzen, in denen jeder menschliche Trost vergeblich wäre, und die nur lindern kann ein Aufblick nach Oben! Und doch, sehr geehrte Frau, kann ich mir nicht versagen. Ihnen in dieser traurigen Stunde zu erklären, daß Ihr Schmerz auch unser Schmerz ist, daß, wenn Sie in dem Verblichenen mit Recht einen innig geliebten Gatten betrauern, wir einen menschenfreundlichen, uneigennützigen Arzt und edlen Mitbürger betrauern. Er fiel wie ein tapferer Soldat, als Opfer seines erhabenen Berufes. An seinem Grabe darf ihm deshalb das Zeugniß nicht versagt werden, daß er in seinem reinen, aufrichtigen Herzen weder die Schranken der Religion noch der Nationalität kannte, um seine Menschenliebe zu bethätigen. Dies war das Geheimniß, durch welches sich der Verblichene die Achtung und die Liebe so weiter