Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Der Prophet schien sich zu besinnen. Dann sagte er eintönig: „Wenn Du von Bethania nach Jerusalem wanderst, so betritt nicht die Mauern der Stadt, sondern wende Dich rechts am Bache Kidron hinauf. Lasse den Oelberg und die heilige Moriah zu beidm Seiten liegen, indem Du das Thal Josaphat durcheilst. Am Ausgange des Thales ragen die Gräber Sauls und Davids. Dort betet Ahija." Der Prophet schritt weiter, an dem Felsen vorüber, die Ebene hinab, in welcher Jericho lag. Reson blickte ihm lange und aufmerksam nach, bis er zwischen den mächtigen Gebüschen und Bäumen verschwunden war. Dann winkte er dem Sidonier, und Beide stiegen die Felsen wieder hinan. (Forts, folgt.) U. ' ***• Vom Uordferstrande. ii.; Norderney, 1. August. as große und erschütternde Ereigniß dieser Woche hat auch dem hiesigen Badeleben seinen Stempel aufgedrückt. Als am Sonntag Vormittag von allen öffentlichen Gebäuden und vor allen Logirhäusern die Fahnen und Flaggen Halbmast wehten, da ward es uns kund, daß das seit Tagen Befürchtete eingetroffen sei. Deutschland hat seinen größten Sohn verloren. Ueberall, wo auch immer man hinhören mochte, schwebte der Name „Bismarck" auf den Lippen Aller. Selbst die so tiefsinnigen Betrachtungen über das Wetter, wie es ist, wie es sein sollte, wie es werden würde, alle diese Betrachtungen, welche doch sonst in Bädern und Sommerfrischen eine so große Rolle spielen, wurden in den Hintergrund gedrängt. Die Trauer um den Heimgegangenen hatte unser ganzes Interesse absorbirt. Die politische Bedeutung dieses großen Mannes zu würdigen, gehört nicht in den Rahmen dieser Zeitung; was er für die Juden Deutschlands und Europas gewesen ist, ist ja wohl an anderer Stelle dieses Blattes gewürdigt worden, und für die nächste Kampagne unserer Littecaturvereine mag wohl das Thema: „Fürst Bismarck und die Juden" das aktuellste werden. Aber dem aufmerksamen Beobachter mag und kann es nicht entgehen, wie gerade unsere Glaubensgenossen die regste, innerlichste Theilnahme bewiesen an dem Verlust, der das ganze deutsche Vaterland betroffen hat. Wie eine der hervorragendsten Eigenschaften der Juden die Dankbarkeit ist, das zeigt sich jetzt hier am deutlichsten. Das Herandrängen an den im Zenith seines Ruhmes stehenden allmächtigen Kanzler haben wir gern Anderen überlasten, in der Trauer um den Tod des Wiederherstellers des Deutschen Reiches stehen wir gegen keinen anderen Theil der Bevölkerung unseres Vaterlandes zurück. Vergessen sind die Reden des Junkers Bismarck auf dem vereinigten Landtag von 1847 gegen die Judenemanizipation, vergeffen auch die höflichen Antworten des Reichskanzlers Bismarck an die sogenannten nationalen Studentenvereine und dergleichen, aber unvergeßlich bleibt es uns, daß Bismarck es war, welcher durch das Freizügigkeitsgesetz von 1867 den Juden die Thore mancher ihnen bis dahin in Deutschland noch verschloffenen Städte öffnete, daß durch seine ureigenste Initiative später das Gesetz zu Stande kam, welches in allen deutschen Landen den Genuß aller staatsbürgerlichM Rechte von der Zugehörigkeit zu einer Konfession unabhängig machte, daß er es war, der in dem Berliner Friedensvertrage von 1878 auch den Juden der Balkanstaaten und besonders Rumäniens die Rechte von Staatsbürgern zu beschaffen bestrebt war. Daß von diesen Gesetzen manches nur auf dem Papier steht, ohne praktisch I zur Wahrheit geworden zu sein, daß die Rumänen durch eine Perfidie I sondergleichen die Bestimmungen des erwähnten Berliner Vertrages, I soweit sie unsere Glaubensgenoffen betreffen, illusorisch zu machen I verstanden haben, ist wahrlich nicht seine Schuld. So hört man I denn hier von unseren Glaubensgenoffen aus aller Herren Länder I den Namen des großen Tobten nur mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit I und Bewunderung nennen, die sich besonders bei den süddeutschen I und österreichischen Juden bis zur Schwärmerei steigert. Der Tod I hat die politischen Meinungsverschiedenheiten verwischt, und vor uns I steht das Bild des Verewigten in seiner ganzen Erhabenheit. 1 Aber vom Erhabenen zum Lächerlichen ist öfter nur ein Schritt. [ Neben Patroklus steht Thersites, und außer dem Namen des Mannes, den Deutschland mit berechtigtem Stolze den Seinen nennt, geht seit ß einigen Tagen unter den hiesigen jüdischen Badegästen noch ein ß Name um, auf den Deutschland nichts weniger als stolz zu sein | Grund hat. In vergangener Woche ist nämlich der berü— Ahlwardt 1 hier zur Kur angekommen, und wenn auch sonst Niemand von seiner « Anwesenheit Notiz genommen hat, so haben die israelitischen Kur- | gäste seinen Name» doch bald in der Liste gefunden und in mancher | Stunde der Langweile diese tragikomische Gestalt zum Gegenstand I der Unterhaltung und Belustigung gemacht. Man ist ja im Bade j für jeden Grund und jede Anregung zum Medisiren recht empfänglich. | Man läßt sich da nicht den geringsten Umstand entgehen. Die | Kurliste wird eifrig studirt, und da findet man manches Bemerkensl werthe. So fand man auch bald heraus, daß nicht weniger als f zwölf Rabbiner aus den verschiedensten Gemeinden Deutschlands 1 gleichzeitig hier anwesend waren, um sich von den Strapazen ihres 1 anstrengenden Berufes zu erholen und neue Kräfte für ihr ferneres Wirken zu sammeln. Da hierzu noch eine Anzahl sonstiger Schriftgelehrter! kommen, so wäre es leicht, hier ein Bet-din haggadol zu konstituiren, um manche brennende Frage der Judenheit endgiltig zu entscheiden, so z. B. die Frage des Radfahrens am Sabbath oder die ebenso j wichtige, ob und wie der Zehnt vom Stroh zu entrichten sei. Stellen ja | gerade einige bekannte orthodoxe Gemeinden Westdeutschlands ein großes | Kontingent zu den hiesigen jüdischen Badegästen. Kein Wunder also, daß die hiesige Synagoge bisher nicht nur an den Sabbathen überfüllt, sondern auch an den Wochentagen sehr gut besucht war. Auch! die beiden jüdischen Restaurationen am Ort sind stark frequentirt, die, wenn auch nicht in ihren Leistungen, so doch in ihren Preisen sich Hiller Unter den Linden würdig an die Seite stellen. A. L. , Sprechsaat. Geehrter Herr Redakteur! n Nr. 33 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" befindet sich ein „Brief aus England" von Rev. Dr. Chotzner, in dem es heißt: „In einem der Londoner Gerichtshöfe existirt noch jetzt ein Zimmer, welches „The Star Chamber“ heißt, und zwar aus dem Grunde, weil daselbst eine große Anzahl von solchen Scheinen (im Hebräischen im Lateinischen starrum)?!! aufbewahrt wird." Star chamber heißt aber bekanntlich ein hoher englischer Gerichtshof, und zwar aus einem rein äußerlichen Umstande, weil sein Sitzungssaal mit Sternen verziert war. Allenstein, 21. August. Hochachtend Ludwig Levy, königlicher Gymnasiallehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.