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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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WWWWWWWWWWWWWWWWWWWWVWWWWWWWMW8MPMVMWWMW!M.^-V>»^,. >» u- 419 Der Prophet von Silo blickte das Thier mit festen Blicken an. fuhr dann fort, seine Kleider zu reinigen, faßte endlich seinen Stab und schritt ruhig gegen Osten. Bei dieser Bewegung kam das furchtbare Thier näher, wobei es nach Katzenart fast kroch und tückische, leuchtende Blicke auf den Propheten heftete, der jedoch mit unveränderter Ruhe vorwärts schritt und seinerseits ebenfalls feste Blicke auf das Thier geheftet hielt. Der Panther war ein schlankes, schönes Thier, vollkommen entwickelt und daher in der vollsten Kraft stehend. Den kleinen Kopf beugte er zuweilen herum und senkte die Augen zur Erde nieder, als sei er nicht im Stande, den Blick des Propheten zu ertragen. Nichtsdestoweniger näherte er sich immer mehr und mehr, obwohl schleichend und oft zweifelhaft innehaltend. ■ Der Pfad des Propheten führte ihn nothwendig an dem Gebüsche vorüber, wo der erwähnte Lauscher lag. Als der Prophet diese Stelle erreicht hatte, hob sich jener plötzlich in der ganzen Größe der Gestalt aus dem Busche empor und heftete auf den Vorübergehenden einen halb fragenden, halb drohenden Blick. Der Prophet, der bei dieser neuen, unvermutheten Erscheinung einigermaßen zurückgefahren war, sah sich in eine seltsame Lage versetzt. Rechts war ihm die Bestie bis auf hundert Schritte nahe gekommen, links stand fünf Schritte entfernt ein unbekannter Bewaffneter, der ein noch gefährlicherer Feind sein konnte als der Panther. Dieser Zweifel aber übte keinen Einfluß auf die Geistesgegenwart des Propheten. In dem Bewaffneten erkannte er die phönizische Abkunft, Obgleich er nicht errieth, welche Absichten den Sidonier an die Ufer des Jordan gelockt, so war ihm doch klar, daß, falls Jener dem Räuberhandwerk obliege, er, der ärmliche, einsame Pilger kein Gegenstand der Beraubung sein könne. Er wandte sich nach kurzem Bedenken an den Bewaffneten, indem er die Sprache der Sidonier redete: „Wenn Du kein Sohn Israels bist, Fremdling, welcher böse Geist treibt Dich an die tödtlichen Ufer dieses See's?" Der Andere verzog den Mund, als höhne er die Frage des Propheten. „Ich denke," sagte er ruhig, „die Götter sandten mich zu rechter Zeit an diese Ufer, um einen schutzlosen Pilger gegen jenes blutgierige Thier zu schützen." Der Prophet wandte sich rasch um. Er erblickte den Panther, welcher ob zweier Feinde scheu sich langsam zurückzog und nur von Zeit zu Zeit seine tückischen Blicke nach dem ihm entgangenen Opfer zurückwandte. „Es ist, wie Du sagst!" rief der Prophet erstaunt. ,?Das wilde Thier flieht!" Der Sidonier hielt noch immer seine Blicke auf das weichende Thier gerichtet, und diese Augen sprühten nicht weniger Tücke und Gluth aus als diejenigen des Thieres. Der Panther aber stieß plötzlich ein kurzes Geheul aus und war mit etlichen großen Sprüngen im Gebüsch verschwunden. Der Sidonier lächelte seltsam ob der Feigheit des Thieres und wandte sich dann wieder an den Propheten. Der Blick des Sidoniers war etwas argwöhnisch, als er sagte: „Wo hinaus geht Dein Pfad, Pilger?" Der Prophet wies nach Westen, in welcher Gegend Jerusalem lag. „An den Felsen vorüber," versetzte der Mann Gottes, „der heiligen Zion entgegen!" Der Sidonier betrachtete mit ganz besonderer Aufmerksamkeit die Richtung, welche der Prophet angegeben. . „Du hast Recht," sagte er, „es ist der gemächlichere Weg, welchen Du einschlägst. Denn jene Klippen sind gefährlich." ... Der Prophet zuckte verächtlich die Achseln. „Und wenn noch Hunderte Deiner Genoffen in jenen Klüften lagern, — wessen wollten sie den einsamen Pilger berauben?" „Wofür siehst Du mich an?" murmelte der Phönizier mit Stirnrunzeln. „Für einen Abenteurer und Räuber der Wüste," antwortete Ahija mit Ruhe. „Und wer bist Du, und welchen Geschäftes rühmst Du Dich?" „Ich bin Ahija, der Mann Gottes von Silo." Der Sidonier machte bei diesen Worten ein äußerst erstauntes Gesicht. Dann setzte er ein Horn, das von seinen Achseln herab hing, an die Lippen, und ein kurzer, gellender Ton weckte ein vielfaches Echo in den öden Klüften. Gleich darauf erschienen mehrere Gestalten auf den Klippen umher, doch in weiter Entfernung von einander. Diese Gestalten verschwanden ebenso rasch, wie sie erschienen waren, in den Schluchten, bis auf einen Krieger, welcher eilig herabstieg und sich dem Sidonier und Ahija näherte. Der Prophet seinerseits betrachtete die plötzliche Wirkung des Hprnes mit einigem Erstaunen. Doch war nebenbei ein lauernder Ausdruck in seinen Blicken zu bemerken. Der herabsteigende Krieger kam mit überraschter, dann aber gezwungen freundlicher Geberde auf den Propheten zu. „Ahija!" rief er, „nimm den Gruß Resons und seiner Treuen aus Edom!" „Bei den Gebeinen meiner Väter!" rief der Prophet überrascht, „ich wähnte, Reson Hanse zu Damaskus und nicht innerhalb des Gebietes Salomos." „Die Gefahr bleibt immer dieselbe," erwiederte der Edomiter. „Aber die Klüfte am Todten Meere sind einsamer und gesürchteter als die lieblichen Thäler um Damaskus. — Seit wann verließest Du Ezjon-Geber und den Flüchtling aus Israel?" Der Prophet erwiederte mit gleichgiltigem Ausdruck seiner Züge: „Elf Sonnenaufgänge sah ich in dem Lande Moab und am Todten Meere." „Und wo weilt der Flüchtling?" „Weißt Du es doch — er eilte nach Aegypten," sagte der Prophet so gleichgiltig wie früher. Der Edomiter blickte den Sprecher mit durchdringenden Blicken an. „Wie weit gedieh die Sache der Unterdrückten?" fragte er leiser. „Noch geschah nichts Großes," versetzte der Prophet kalt, indem er zugleich nach dem Stande der Sonne blickte. „Dies Dein ganzer Auftrag für Reson? —" „Ich habe keinen Auftrag für Dich," versetzte Ahija mit ruhigem Blicke. Reson wandte sich mit einer Geberde des Aergers um. Nach einer Pause sagte er mit veränderter Stimme: „Mein Lager in den Klüften steht bereit für Deine müden Glieder, und meine Männer haben eine Gazelle erlegt." „Ich danke Dir!" sagte der Prophet von Silo trocken. „Die Wellen des Jordan haben meine Glieder erfrischt und gestärkt. Und da der fünfzigste Tag nahe ist, so will ich nicht zögern außerhalb Jerusalems." Der Edomiter zuckte die Achseln und schwieg. „Lebewohl!" sagte der Prophet und faßte seinen Pilgerstab fester. „Hast Du mir zu Jerusalem keine Nachrichten mitzutheilen?" niurmelte Reson düster. J

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