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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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417 Zur selben Zeit ist auch in Berlin der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" entstanden, welcher es sich zur Aufgabe gemacht, die Rechte aller deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens wahrzunehmen, und damit hat die ganze Bewegung ein viel ruhigeres Tempo angenommen. (Schluß folgt.) Are Juden am Fuße des Kapitols. Von Dr. Heinrich Groß. (Schluß.) aß die Juden einen anderen Gott anbeteten, war den Römern durchaus nicht anstößig. Bei der Fülle von Göttern, die sie verehrten, kam es auf einen Gott mehr nicht an. Neben den heimischen Göttern sowie den fremden, die daselbst nach und nach Eingang gefunden hatten, neben der ägyptischen Isis, der Serapis, Mithras und dem syrischen Sonnengotte gönnte man auch dem jüdischen Gotte einen Platz. Daß aber die Juden ihren Gott als einig einziges, rein geistiges, unendliches, die ganze Welt umfassendes Wesen bildlos verehrte», erschien den polytheistischen Griechen lind Römern schier unbegreiflich, das bezeichneten sie geradezu als barbarischen Aberglauben. Pompejus war nicht wenig erstaunt, als er im Tempel zu Jerusalem kein Bild der jüdischen Gottheit erblickte. Als Josua ben Levi im 3. Jahrhundert n. Chr. in Rom war, sah er eine kunstvolle Götterstatue, die mit Teppichen umhüllt war, um vor den schädlichen Einwirkungen der Witterung geschützt zu sein, und daneben einen Bettler kauernd, der kaum mit Lumpen seinen nackten Leib bedeckte. Da rief er aus: „Deine Gnadengaben, o Gott, sind groß wie Bergeshöhen, Deine Streilge ist unergründlich wie die Tiefe des Abgrunds." Die Römer schmückten und beschützten ihre Götter und nahmen sich der unglücklichen Menschen nicht liebreich an, di« Juden dagegen glaubten an einen Gott, der des menschlichen Schutzes nicht bedarf, der aber den Menschen Barmherzigkeit und Liebe gegen einander gebietet. Die Römer, gewohnt, ihre Götter mit leiblichem Auge zu schauen, und in ihrem politischen Egoismus hart und rücksichtslos gegen die Besiegten, hatten kein Vcrständniß für den spirituellen und ethischen Charakter der jüdischen Religion und in ihrer Lebenslust, in deren voller Befriedigung sie ihre höchste Glückseligkeit suchten, keinen Sinn für den Zug der Enthaltsamkeit und Entsagung, der durch das Judenthum geht. Zweierlei kam ihnen besonders seltsam vor und wurde immerfort von ihren Schriftstellern gegeißelt, die strenge Beobachtung der jüdischen Speisegesetze, besonders das Verbot, Schweinefleisch zu essen, und die Feier des Sabbath zu Ehren des unsichtbaren Gottes. Dazu kam noch ein anderes trennendes Moment. Der Tempel wurde von den Römern zerstört; die heiligen Geräthe desielben wurden im Triumph nach Rom gebracht und im Tempel des Friedens aufbewahrt, die bisherige Tempelspende der Juden mußte fortan an den Tempel des Jupiter Capitolinus abgeliefert werden lind bildete die schmachvolle Judensteuer, welche über tausend Jahre später (1342) von dem deutschen Kaiser Ludwig dem Baier wieder von den Juden unter dem Namen des goldenen Opferpfennigs erhoben wurde. Die Juden konnten den Schmerz über alle diese Vorfälle nicht überwinden. Sie verwünschten Titus, den die Römer „die Wonne des menschlichen Geschlechts" genannt haben, sahen fortan in Rom ein neues Babylon, das wieder erstandene Edom, dessen Untergang .sie im Stillen herbeiwünschten, und haßten alle Diejenigen, die an ihrem nationalen Unglück die Schuld trugen. Dieser „feindliche Haß gegen alle Anderen", den ihnen Tacitus vorgeworfen hat, war wohl erklärlich. Er ließ einen vollkommenen Anschluß der innerlich verbitterten Juden an die Römer nicht aufkommen. Die Juden hatten in Rom ihre Freunde, aber auch ihre Feinde. Die vornehme römische Gesellschaft hat in ihrem Patrizierstolz geringschätzig auf die Juden herabgesehen. Die römischen Schriftsteller übten ihren Sarkasmus an ihnen lind urtheilten, von den Griechen beeinflußt, welche die geborenen Feinde der Juden waren, mitunter hart und ungerecht über sie. Sich über die Juden zu moquiren, ward ein förmlicher Sport der römischen Schriftsteller. Cicero brachte in seiner Vertheidigungsrede für Flaccus, der angeklagt war, während seiner Verwaltung einer kleinasiatischen Provinz öffentliche Gelder, unter anderen die Tempelspenden der Juden, unterschlagen zu haben, gegen die Letzteren allerlei Beschuldigungeil vor, um sie in der öffentlichen Meinung zu diskreditiren und seinen Klienten zu entlasten. Er wies auf ihre große Zahl im Staate hin und auf die Rolle, welche sie in den Volksversammlungen spielten. Er warf ihnen vor, daß sie jährlich aus allen Provinzen des römischen Reiches viel Geld nach Jerusalem schickten, also eigentlich Fremde seien und kein Interesse für den römischen Staat hätten. Er rechnete es sich zum Verdienst an, daß er es gewagt habe, den Juden die Spitze zu bieten, aber er sagte dies mit gedämpfter Stimme zu den Richtern gewandt, danlit nur diese es hörten, nicht aber die zahlreich anwesenden Juden, deren'Einfluß auf die Richter er befürchtete. Das war ein Advokatenkniff, nichts weiter. Horaz konnte seine satyrische Ader gegen die Juden nicht zügeln, obwohl er mit dem jüdischen Dichter Fuscus Aristius befreundet war. Ovid ruft wehmüthig aus: „Die Schönheiten der Stadt sucht man in den Synagogen". Der Satyriker Persills spottet über die Sabbathfeier in einem jüdischen Hause, „aus dem die mit Veilchenguirlanden geschmückten Lampen durch die schmierigen Fenster den Qualm ausströmen lassen, während auf dem Boden einer rothen irdenen Schüffel der Schwanz eines Thunfisches in der Brühe hcrumschwimnlt, und der Krug aus weißem Sandstein sich mit Wein füllt". Martial wirft einem jüdischen Dichter Theodorus vor, daß er an seinen Gedichten ein Plagiat begangen habe, und ruft ihm zu: Deinem beim Jupiter geleisteten Eid glaube ich nicht, denn der ist für Dich nach Deinem Glauben nicht heilig. Schwöre, Jude, beim Anchial. Lee« negas jui'asque mihi per templa Tonantis. No» credo : jura verpe per Anchialum. Anchial ist gar nichts anderes als der korrumpirte Anfang der zehn Gebote: Anochiel für Anochi Adonai Elohecha. Der Satyriker Juvenal spottet über die Juden, „welche aus Milde den Schweinen ein hohes Alter gönnen, den Sabbath aus Trägheit feiern und die Wolken als Gott anbeten." Tacitus schreibt Apion alle Lügen über die Juden nach. Den Namen Jude leitet er von dem Namen Jda, eines Berges auf der Insel Kreta, ab. Die Juden haben immer darunter gelitten, daß man weder ihre Religion noch ihre Geschichte gekannt hat. Von den Vorurtheilen der Römer gegen die Juden sei nur erwähnt der toekor juckaieus „der Knoblauchgeruch", den ihnen Ammianus Marcellinus (4. Jahrh. v. Chr.) vorwirft. „Es sind die schlechtesten Früchte nicht, an denen die Wespen nagen." Gerade die Spottreden der Satyriker sind ein Beweis dafür, wie sehr die Juden in der römischen Gesellschaft bemerkt wurden. In der römischen Litteratur fehlt es übrigens auch nicht an freundlichen Urtheilen über die Juden. Dio Cassius lobt den beispiellosen Eifer der Juden in der Verehrung des einzigen, geistigen Gottes und der Beobachtung der religiösen Ceremonien,

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