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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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WWWW« WWNWWDW RUR. 416 in Verhandlung getreten war, sich ihrer angenommen. Diese haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihrem trostlosen Schicksal ein Ende zu machen oder doch wenigstens eine andere Richtung zu geben. Man sorgte für ihre geistige Entwickelung durch Errichtung von Schulen und für ihre Gesundheit durch Errichtung von Hospitälern Dann sollten sie arbeiten lernen, um sich ihr Brod selbst zu verdienen, und sich nicht länger auf die sogenannte Chaluka verlassen, d. h. auf die Spenden, die ihnen von auswärts zur Vertheilung geschickt werden, oder die ein oder mehrere Sendboten — eine Art von Bettelinönchen — für sie sammeln. Es wurden Anstalten getroffen, daß sie sich dem Handwerk und dem Ackerbau widmen sollten, und zu diesem Behufe wurde im Jahre 1869 in Jaffa eine Ackerbauschule errichtet, und zur praktischen Ausführung des Gelernten wurden Kolonien angelegt, von betten jetzt bereits zwanzig in bester Blüthe stehen. In Europa und Amerika hatte inzwischen die Stellung der Juden, mit einigen Ausnahmen, einen bedeutenden Aufschwung genommen. Es gab jüdische Minister und Gesandte und Juden, die noch andere hohe Aemter einnahmen. Beim Heere waren ihre höheren Chargen nicht vereinzelt. Sie saßen in Parlamenten als glänzende Redner und waren maßgebend in der Gesetzgebung, ich brauche nur die Namen Laster und Bamberger im deutschen Reichstage zu nennen. Der erste Präsident desselben, der dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone überreichte, und der damalige Justizminister, ein Freund des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, waren allerdings nur getaufte Juden, denen es gewöhnlich gleich bleibt, ob sie einmal nicht in die Synagoge oder nicht in die Kirche gehen, und die sich meistens mit jeder (außer der Vernunftreligion) abzufinden verstehen. Aber Söhne jüdischer Eltern waren sie jedenfalls und haben eine jüdische Erziehung genossen, so wie der englische Premierminister Lord Beaconsfield ein Sohn jüdischer Eltern war, der, trotzdem er als sechsjähriger Knabe getauft wmde, bis in sein spätestes Alter für seine früheren Glaubensgenossen schwärmte. In politischen und humanitären Vereinen ging Jude und Christ Hand in Hand, und man wähnte, der Weltfriede sei für die Menschheit angebrochen, als sich mit einem Male ein schwarzes, unheilverkündendes Gewölk von Deutschland aus über ganz Europa verbreitete, und ein altes, häßliches Gespenst sein Haupt erhob und das Judenthum zu verschlingen drohte. Ein Mann, dem Gott das Talent der Beredsamkeit und der Teufel die Anwendung desselben verliehen hat, ein sogenannter Diener Gottes, der berufen ist, Frieden unter den Menschen zu verbreiten und die Grundlehren des Judenthums und seines Heilandes — „seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst" — zu verkünden, hat es verstanden, die Flamme des Haffes zu schüren in der Brust der leicht zu erregenden Menge, die stets bereit ist, nach einer gegebenen Parole zu handeln. Das alte, abgedroschene Blutmärchen mußte wieder einmal herhalten, obgleich seine Lügenhaftigkeit schon hundertmal von Kirchenfürsten und christlichen Gelehrten nachgewiesen worden ist. Man suchte nachzuweisen, daß die Juden keine Deutschen seien, und daß sie das Land verlassen inüßten, welches sie zu entchristlichen drohten- Um das zu erlangen, sollte man ihnen jede Beschäftigung entziehen und jeden Nahrungszweig abschneiden. Zu diesem Behufe schickte man Wanderredner ins Land, die vor der neugierigen Menge die Juden schmähten, und man suchte ihnen auf alle mögliche und un-. mögliche Weise das Leben zu verbittern. Diese zu einem gewissen Zweck künstlich heraufbeschworene Bewegung, diese Schmach des Jahrhunderts der Aufklärung, nannte man den Antisemitismus, der sich immer weiter ausdehnte. In Rußland und Rumänien war ein viel fruchtbareres Feld dafür als in Deutschland. Hier las und hörte man mehr davon, aber dort sah man ihn in seiner schrecklichen Gestalt. Tausende von Menschen mußten den Wanderstab ergreifen und mit Weib und Kindern auf immer ihre Heimath verlassen, die, wenn auch noch so schlecht, doch immerhin der Ort war, in welchem sie und ihre Kinder geboren waren, an den sie sich von ihrer Kindheit an gewöhnt hatten, und der die Gräber ihrer Eltern und sonstiger Angehörigen enthielt. Die Gegner und Verfolger der Juden mögen ihnen alle erdenklichen Vorwürfe machen, aber eins müssen sie allesammt eingestehen, und das ist: daß sie alle ein Band umschlingt, und zwar nicht das der Landsmannschaft, sondern das unzerreißbare Band der Religion. Darum heißt es immer, wenn Gefahr im Verzüge ist: alle Mann auf Deck! und es wird gethan, was gethan werden kann. So wurden auch hier Mittel und Wege gesucht, um den Verbannten beizustehen. Die Juden in Amerika und Europa, mit der Jewish Colonisation Association und dem edlen Baron Hirsch an der Spitze, machten die größten Anstrengungen, um die Heimathslosen irgendwo unterzubringen, wo sie vor der Verfolgung sicher ihr Brod in Frieden verdienen könnten. Ein Theil wurde nach Argentinien befördert, um sich dort dem Ackerbau zu widmen, Andere wurden in Nordamerika kolonisirt. Eine größere Anzahl ließ sich in New-Iork nieder und bildete sich dort ein freiwilliges Ghetto, indem sie dort weiter leben wie in der alten Heimath?) Aber die Einwanderung, welche mehr einer Völkerwanderung glich, wurde so groß, daß derselben Einhalt gethan werden mußte, und Viele wurden infolgedessen wieder zurückgeschickt, von wo sie herkamen. Schließlich wurde auch der Versuch gemacht, einige Familien im heiligen Lande unterzubringen, wofür sich besonders der in Odessa (1892) gegründete „Verein zur Unterstützung Ackerbau und Industrie treibender Israeliten in Palästina" der in Deutschland begründete „Esra-Verein" und, andere ähnliche Vereine interessirten. Das waren in kurzen Worten die Folgen des Antisemitismus, und wenn es seinen Anhängern eine Genugthuung gewährt, Tausenden von Menschen Verdruß und unsäglichen Kummer verursacht zu haben, dann können sie mit Stolz auf ihre zweifelhaften Erfolge zurückblicken. Aber das Blatt hat sich glücklicherweise gewendet; die Verfolgten leben fort, ohne ihr Gottvertrauen und die Hoffnung auf bessere Zeiten verloren zu haben, und sie sehen mit eigenen Augen den Untergang ihrer Verfolger. Ihre prahlerischen Führer, die Verführer des Volkes, sind Einer nach dem Anderen von ihrer Höhe herabgestürzt, mit Schimpf und Schande beladen vom Schauplatz verschwunden, nachdem der Zwist im eigenen Lager ausgebrochen war, und so Manchem von ihnen ist Gelegenheit gegeben worden, im Zuchthause über seine traurige Vergangenheit nachzudenken. Der Horizont fing wieder an, sich ein wenig aufzuklären, denn alle Augen waren nicht mit Blindheit geschlagen und alle Herzen nicht verstockt. Es trat eine stattliche Anzahl hervorragender christlicher Männer Deutschlands zusammen, die den verschiedensten Berufsklaffen angehörten und diesem schmachvollen Treiben nicht länger mit Stillschweigen zusehen konnten. Sie erklärten es für eine Schande fürs Christenthum und thaten ernste Schritte, um demselben entgegenzutreten, indem sie eine wöchentliche Zeitschrift „zur Abwehr" dieser bösartigen Verleumdungen ins Leben riefen. 1) Sie haben ihr eigenes Theater und ihre eigenen Zeitungen; in beiden wird der alte Jargon mit Erfolg angewendet, und sie werden sich wohl so leicht nicht akklimatisieren.

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