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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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415 der Alp des Vorurtheils, der die ganze Menschheit, trotz der vielgepriesenen Nächstenliebe, Jahrtausende lang beängstigt hat, zu weichen; die Morgenröthe allgemeiner Toleranz stieg langsam herauf am Horizont, und die Menschen fingen an einzusehen, daß sie alle die Kinder eines Vaters sind, wenn sie ihn auch unter verschiedenen Namen und mit nebensächlichen Formen anbeten. In Preußen erklärte Friedrich der Große, daß jeder Mensch nach seiner Fayon selig werden kann; in Oesterreich regierte der menschenfreundliche Joseph II; in Amerika wurde die Sklaverei abgeschafft und in Frankreich die Menschenrechte proklamirt. Napoleon hat nach seinen großen Siegen, vielleicht mit der Hoffnung, Herrscher der ganzen Welt zu werden, ein Synhedrium nach Paris berufen, und ein Theil der Juden hielt ihn, wie einst den Cyrus, für den versprochenen Messias. Und wenn sie an ihre traurige Vergangenheit dachten, dann trösteten sie sich mit dem traurigen Loos aller Minderheiten, besonders mit der religiösen, dem sie der brutalen Macht der Mehrheit gegenüber ausgesetzi sind. Es ist ja zur Genüge bekannt, daß es den Christen, die ihnen am nächsten stehen, oft nicht viel besser ging. Zuerst waren es die Röiner, deren Verfolgungen sie ausgesetzt waren. Dann verfolgten sie sich unter einander, und wir brauchen blos an die Inquisition in Spanien, an die Hugenotten in Frankreich und an die Kalvinisten in der Schweiz zu denken, und das geschah alles zu Ehren Gottes. Am schlimmsten erging es allerdings dem auserwählten Volke, aber es ertrug die häufig wiederkehrenden Ausbrüche des Fanatismus mit Geduld, hoffte auf bessere Zeiten, achtete allenthalben den weisen Ausspruch: „Landesgesetz ist Gesetz" — und schloß sich gern den Nationen an, unter denen es sich gerade aufhielt, sobald ihm nur eine freundliche Hand gereicht wurde. Endlich beschien die Sonne der Aufklärung auch die dunkeln Dächer der Ghettos, und es erschien den Juden in Deutschland in der Gestalt eines kleinen, verwachsenen Knaben ein Erlöser, der seinen Glaubensgenossen das Gesetz Moses in einer neuen Sprache reichte, welche sie befähigen sollte, sich den Landesbewohnern zu nähern, und damit brach eine neue Zeit für das Judenthum an. Es war Moses Mendelssohn, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, welcher durch das ernste Streben der Juden selbst und durch die Unterstützung humaner Herrscher und anderer weiser Männer immer weiter rollt, wenn er auch hin und wieder durch Böswilligkeiten in seinem Lauf gehemmt wird, und hat Erscheinungen ins Leben gerufen, die Zeugniß von der Lebensfähigkeit des Judenthums abgelegt, und daß seine Anhänger zwar nicht besser, aber auch nicht schlechter sein wollen wie alle anderen Menschen. Sie suchten sich mit aller Mühe deutsche Bildung anzueignen — ich spreche hier besonders von den deutschen Juden, von denen die neuere Bildung ausging —, sie besuchten Universitäten, wurden Gelehrte in allen Fächern, wenn sie es auch in der ersten Zeit nur bis zum Mediziner und dem akademisch gebildeten Rabbiner brachten. Diese Letzteren waren es ganz besonders, die den größten Einfluß auf die Verbreitung der Bildung in ihren Gemeinden ausüben konnten, indem sie einen geregelten Gottesdienst einführten und das jüdischdeutsche Kauderwelsch von der Kanzel verbannten. Neben ihnen waren es die in öffentlichen Anstalten vorbereiteten und staatlich geprüften Lehrer, die das Cheder verdrängten, an deren Stelle jüdische Elementarschulen traten, die unter der Aufsicht des Staates standen. Der um das Judenthum sehr verdiente Rabbiner Dr. Philippson hatte neben seiner weit verbreiteten Zeitung des Judenthums und selbstverfaßten, höchst interessanten populären Schriften ein Institut zur Förderung der israelitischen Litteratur durch Herausgabe von Schriften neuer und alter jüdischer Schriftsteller in deutscher Sprache (1855—1866) ins Leben gerufen und dadurch den Beweis geliefert, daß die Juden, außer dem vielgeschmähten Talmud und dem Schulchan Aruch, auch eine Litteratur haben, die von großer Bedeutung ist. Jetzt sind alle Juden in ihrer deutschen Heimath vor dem Gesetz mit allen Staatsbürgern gleich. Sie können allenthalben wohnen, alle Geschäfte treiben und stehen an der Spitze hervorragender Geschäftshäuser und Fabriken. Kunst und Wissenschaft ist würdig durch sie vertreten. Sie haben bedeutende Dichter, Schriftsteller, Komponisten, Musiker, Maler und Bildhauer, und die ersten Universitäten und die besten Bühnen des Landes werden durch jüdische Namen geziert. Allen wird ihre verdiente Anerkennung zu Theil, und wenn ihnen gerade hier noch die höhere Beamten- und Militärkarriere verschlossen ist, so ist es doch keineswegs ausgeschlossen, daß nicht bald einmal eine günstige Wendung eintritt, und ihnen auch hier, wie in anderen Ländern, Gelegenheit geboten wird, solche Stelle auszufüllen, wenn sie dazu geeignet sind. Noch vor fünfzig Jahren kümmerte sich in Amerika kein Mensch um die Juden, und sie selbst kümmerten sich kaum um ihre eigene Zusammengehörigkeit, denn sie waren aus aller Herren Ländern dorthin gekommen, um ihr Glück und eine neue Heimath zu suchen, und Viele von ihnen haben dort in der That ihr Kanaan gefunden. Zur damaligen Zeit trat ein deutscher Jude, Henry Jones aus Hamburg, unter ihnen auf, der ihnen durch Gründung des Benei Beriß-Ordens einen gemeinschaftlichen Boden geschaffen hat, wo sich alle Schattirungen des Judenthums zusammenfanden. Durch diese Organisation ist eine Brüderschaft entstanden, die es sich zur Aufgabe gemacht hat: „Israeliten zu vereinigen im Werke der Beförderung der höchsten Interessen der Menschheit, den geistigen und moralischen Charakter ihres Stammes zu entwickeln und zu heben, die reinsten Prinzipien der Menschenliebe, der Ehre und des Patriotismus ihnen einzuprägen, Wissenschaft und Kunst zu unterstützen, die Noth der Armen und Dürftigen zu lindern, Kranke zu besuchen und zu pflegen, Wittwen und Waisen zu beschützen und ihnen auf den umfassendsten Grundsätzen der Menschheit beizustehen". Diese Verbrüderung hat sich von Amerika aus fast über ganz Deutschland, Oesterreich und Rumänien bis nach dem heiligen Lande verbreitet, zählt bereits über 30 000 Mitglieder und hat hüben und drüben Großartiges geleistet. Daneben haben sich in Deutschland bereits in über 90 Städten jüdische Litteraturvereine gebildet, um durch geeignete Vorträge und Schriften das Interesse für jüdische Litteratur und Geschichte zu heben und wach zu erhalten. Das soll ihnen zugleich die Waffe in die Hand geben, um sich vertheidigen zu können, wenn ste auf religiösem oder geschichtlichem Gebiete angegriffen oder gar beschimpft werden. Doch während die Juden in allen Ländern, wohin sie das Schicksal verschlagen hatte, danach strebten, den Bewohnern ihrer respektiven neuen Heimath in jeder Beziehung gleich zu werden, und auch schöne Erfolge aufzuweisen haben, blieben ihre Glaubensbrüder im alten Vaterlande und den östlichen Nachbarländern in Noth und Elend stehen und hofften, hofften auf bessere Zeiten und ihre Erlösung durch bloßes Beten herbeizuführen, ohne Hand ans Werk zu legen, bis ihnen endlich wirklich Hilfe von außen kam. Um ihre traurige Lage zu verbessern, hatte Cremieux, der ehemalige jüdische Justizminister Frankreichs, im Jahre 1860 die Alliance Israelite universelle gegründet. Auch vor und nach ihm haben sich verschiedene edle Menschen, wie die Familie Rothschild und ganz besonders der große Philanthrop Sir Moses Montefiore, der bereits im Jahre 1840 mit dem Vizekönig Mehmed Ali in Palästina

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