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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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'-v^.'^^>y;——r^ 414 Gebetbücher, nach denen man bei jeder sich bietenden Gelegenheit greift, wie früher die herrinnigen jüdisch-deutschen Techinnos unserer Mütter und Großmütter, sind sie nicht geworden. Denn der häusliche Gottesdienst erfreut sich in unserer Zeit noch geringerer Pflege als der öffentliche, und die Festgäste unserer Synagogen greifen zum Ersatz für die hebräischen Gebete nur selten zu deutschen. Das Bedürfniß des Gebetes ist überhaupt in ihnen schwach und regt sich bestenfalls bei besonders freudigen oder traurigen Veranlaffungen. 1 Richtig ist allerdings, daß sich diese deutschen Gebete weder durch Reichthum der Gedanken noch durch besondere Wärme der Empfindung und Kraft der Sprache auszeichnen. Sie sind eben die Kinder ihrer Zeit, und man tritt dieser nicht zu nahe, wenn man ihr überhaupt den religiösen Schöpfungstrieb abspricht. Sie hat Pietät, Fähigkeit der Nach- und Anempfindung, aber keine ihr eigenthümlichen religiösen Gedanken. Unsere alten Gebete, die Psalmen wie die Schöpfungen der talmudischen und garnäischen Periode, die Piutim und Selichos des Mittelalters bis zum Lecho dodi des 16. Jahrhunderts waren die Ergüffe religiös ergriffener Herzen, der Ausdruck lebendig erfaßter Lehren und Ueberzeugungen. Sie eroberten sich selbst die Gemüther und drangen rasch von Land zu Land. So viele deutsche Gebete in unserem Jahrhundert auch verfaßt wurden, kaum eines ist wahrhaft populär geworden und in das Herz seiner Beter oder Hörer gedrungen. Keines ist erschienen, das dem Herzschlage unserer Zeit entsprungen wäre, das dem religiösen Verlangen Derjenigen, die an den alten Gebeten kein Genüge finden, entsprochen hätte. Von dem Bearbeiter eines guten modernen Gebetbuches verlangt der Verfaffer des Aufsatzes im Verordnungsblatt Hl, daß er nicht nur religiös und mit der jüdischen Litteratur innigst vertraut, sondern auch ein Philosoph, ein Menschenkenner, ein Poet, ein Meister der Sprache und des Geschmackes sein müsse. Aber die Philosophen unserer Zeit sind Kritiker, die Menschenkenner zumeist Menschenverächter. Die jüdischen Poeten — und deren hat unser Jahrhundert nicht wenige erzeugt — haben fast ausschließlich die jüdische Vergangenheit novellistisch verherrlicht; ein Gebet oder ein ergreifendes religiöses Gedicht ist von keinem bekannt geworden. Die hebräischen Gedichte des Mittelalters haben wir sprachlich meisterhaft übersetzt erhalten. Was aber an neuen deutschen religiösen Liedern vorhanden ist in Hamburger, Stuttgarter wie in den Gebetbüchern von Präger, Stein, Geiger u. s. f., steht an poetischem Werth und geistigem Inhalt noch weit unter den deutschen Gebeten. Unseren hochgespannten Wünschen fehlen eben die entsprechenden Kräfte, und es ist auch nicht zu erwarten, daß sie auf dem im Nachwort zu jenem Artikel vorgeschlagenen Wege der Einrichtung einer Kommission von Sachverständigen zur Bearbeitung des Gebetbuches, Aufruf zur Mitarbeit vieler und mehrfacher Umarbeitung des vorgelegten Entwurfs sich einstellen. Die schöpferischen Geister kommen nicht auf Bestellung, sondern, wenn die Zeit selbst für sie reif geworden ist. Einen solchen Geist, „der znrückführt das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu den Vätern", erhoffen wir auch für unser Judenthum. Sein Kommen aber bereiten wir am besten vor, indem wir „das Vermächtniß unserer großen Vergangenheit, mit dem alle unsere religiösen Erinnerungen verwachsen sind, in seinem Inhalt und seiner Bedeutung zu erfassen und dem Verständniß und der Liebe der neu Heranwachsenden Geschlechter zu erschließen suchen". rst des Juden Vaterlands Von M. Silberstein in Breslau. I. ir mögen die Geschichte der Juden betrachten von welcher Seite wir wollen, sie wird imnier wunderbar erscheinen. Einst saßen sie als Gefangene an den Wassern von Babel und weinten, als sie an Zion dachten. Aber als ihnen gestattet wurde, in die alte Heimath zurückzukehren, blieben Viele von ihnen zurück, die in der neuen geboren waren, und ließen die Anderen ruhig ziehen. Welche nun die rechten Träger des Judenthums waren, läßt sich schwer entscheiden. Wenn die Einen auch nach Jerusalem zogen und den Tempel wieder aufbauten, beschäftigten sich die Anderen mit dem Studium der Lehre, hatten ihre großen Gesetzeslehrer, die ihren eigenen Talmud verfaßten, so gut wie Jene, und man könnte Babylon als ein zweites Jerusalem betrachten. Durch die verschiedenen Kriege, in welche sie gerathen, waren sie hierhin und dorthin verschlagen, haben sich fern vom Vaterland neue Heimstätten eingerichtet und lebten glücklich und zufrieden. So erfahren wir durch Philo und Josephus, „daß man sie schon zu ihren Zeiten an allen Orten fand, in den meisten blühenden Städten auf dem Festland und den Inseln Europas und Asiens. Sie hielten zwar Jerusalem für ihre Metropole, da sich der Tempel in ihr befand, aber das Land, wo sie wohnten, betrachteten sie als ihr Vaterland, da sie dort geboren und erzogen wurden". In der Blüthezeit Alexandriens finden wir sie dort nicht etwa in einem Ghetto eingesperrt, sondern eine hervorragende Stellung unter den gebildeten Kaufleuten einnehmend. Doch war ihre Erscheinung im Allgemeinen immer nur eine rein kaleidoskopische; bei der geringsten Berührung nahm sie eine andere Gestalt an. Mit dem Untergang Alexandriens verschwanden sie ebenfalls, bis sie später in Rom und besonders in Spanien wieder in ihrem Glanze auftauchten. Da erhob die Inquisition ihr schwarzes Haupt, und sie wurden aus dem Land verjagt, das sie wie ihre Heimath liebten, blos weil sie nicht dieselben religiösen Ansichten hatten wie die Inquisitoren. Aber die Sonne, die bis dahin in dem Reich Philipps II. nicht unterging, ging plötzlich unter und beschien nicht mehr die schönen Fluren Spaniens. Die Verjagten richteten zum großen Theil ihr Auge auf das Land, das von' einem Alba ebenfalls geknechtet wurde, und sie fanden ein neues Jerusalem in Amsterdam, der Hauptstadt der Niederlande. Aber alle diese Lichtseiten, bis auf die letztere, waren nur wie eine Fata Morgana und verschwanden bald wieder. Das ganze Dasein der Juden war eine lange Wanderschaft, ihr Fuß war unstät und flüchtig, und sie fanden oft keinen Platz, wo sie ihr müdes Haupt hinlegen konnten. Aber sonderbar! Wie in Babel saßen sie an den Flüssen der verschiedenen Reiche der Welt und weinten, als sie an Zion dachten, doch sobald sie eine Heimath in der Fremde fanden und die Ketten nicht mehr raffeln hörten, vergaßen sie gern das ihnen zugefügte Leid, betrachteten ihren Geburtsort als ihr Vaterland, dessen treue Bürger sie wurden, vergaßen aber dabei ihre alte Heimath nicht, wie wir unseren Geburtsort nicht vergessen, wenn wir auch nur knrze Zeit in demselben geweilt, und dachten oft, nicht zum Nachtheil der neuen Heimstätte, mit Jehuda Halevi: „Ich bin im Westen, und mein Herz ist im Offen."1) Nach einer langen, finsteren Nacht der Unduldsamkeit begann N-ID2 '2^1 2NVQ2

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