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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-09-02 · Heft 35 (2.9.1898) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 35 (2.9.1898)
Date
1898-09-02
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413 In unserem Lande bestehen z. Zt. zwei Gebetordnungen neben einander, die alte unveränderte in der großen Mehrzahl der Gemeinden und eine modernen Anschauungen entsprechende Bearbeitung des Gebetbuches, zuerst in Mannheim und sodann in den meisten neu erbauten Synagogen der größeren Gemeinden eingeführt. In demselben sind die Piutim beseitigt, und neben einer geschmackvollen Uebersetzung und an einzelnen Stellen Bearbeitung der hebräischen Stücke enthält es eine größere Anzahl deutscher Gebete und Lieder. Die Wünsche, die infolge der Aufforderung des Oberrathes von mehreren Rabbinern und Lehrern für Aenderung der Gebetorvnung ausgesprochen worden sind, sind fast alle schon im Mannheimer Gebetbuch erfüllt, und Jene hätten nur die Einführung deffelben ihren Gemeinden zu empfehlen. Aber — diese stehen größtentheils solchen Versuchen ablehnend gegenüber und wollen an der gewohnten Art ihres Gottesdienstes festhalten. Ja, selbst in denjenigen Gemeinden, in denen die Mannheimer Gebetordnung eingeführt ist, haben die meisten Synagogenbesucher das alte, ihnen vertraute Gebetbuch in Händen, an den Festtagen tritt das Machsor in seinen Gebrauch, und insbesondere an den am meisten besuchten, dem Neujahrs- und Versöhnungstage, sind unter der Zustimmung, ja denl Wunsche der großen Mehrheit der Beter entsprechend, andere Veränderungen als einige belanglose Kürzungen nicht vorgenommen worden. Diese Treue und Anhänglichkeit an das durch ständigen Gebrauch ihnen lieb gewordene Gebetbuch, das Heimathsgefühl, das selbst in Denjenigen lebt, die nur zeitweise den Gottesdienst besuchen, aber gleichfalls an ihm nicht miffen wollen, was als heilige Erinnerungen aus dem Elternhause und der Jugend ihnen geblieben ist: das sind religiöse Kräfte und Triebe, die man schützen und hegen sollte, anstatt sie durch bittere Kritik, durch scharfe satirische Darstellung zweifellos vorhandener Schäden, die aber nicht durch die Gebetordnung, sondern durch Stunipfheit und Unbildung und nicht zum wenigsten durch die religiöse Schlaffheit unserer Zeit verschuldet werden, zu schädigen und in ihrer Wurzel zu erschüttern. Man sollte um so vorsichtiger in der Behandlung unserer religiösen Einrichtungen sein, wenn man anerkennt, daß auch die neuen Gebetbücher, die den an den alten gerügten Mängeln abhelfen sollten, die an sie geknüpften Erwartungen durchaus nicht gerechtfertigt haben. In einem im Verordnungsblatte des Oberrathes 1897 Nr. 3 abgedruckten Artikel, der nach einer Redaktionsbemerknng von einem der kenntnißreichsten und geistvollsten Rabbiner unserer Zeit stammt, war im Anschluß an eine scharfe Kritik des neuesten Gebetbuches und an die Erklärung, daß auch die anderen vorhandenen Gebetbücher nicht befriedigen, über die wünschenswerthe Gestaltung eines solchen eine Erörterung angestellt worden, auf die der Oberrath in dem Rundschreiben, in dem er zu Vorschlägen für Aenderungen im Gebetbuche und Religionsunterricht auffordert, als auf eine sehr sachgemäße verweist. Aber diese Erörterung, so intereffant sie ist, enthält kein irgendwie zu verwirklichendes Programm, und der Verfaffer würde in arge Verlegenheit gerathen, wenn er — und sei es mit einem ganzen Stab ihm gleichartiger Mitarbeiter — ein Gebetbuch seinen Forderungen gemäß ausarbeiten sollte. „Das Gebetbuch einer großen, in eine weite Vergangenheit zurückreichenden Glaubensgemeinschaft, das zugleich die wichtigsten Lehren, Anschauungen und Hoffnungen derselben in dem ursprünglichen Wortlaut ihrer Verkündigung enthält, kann nicht den individuellen Wünschen und Bedürfnissen jedes Einzelnen oder auch nur jeder Zeitperiode unmittelbar entsprechen. Es ist ein uns gegebener Stoff, in den wir uns erst hineinleben, mit dem wir vertraut werden müssen, um die darin ausgedrückten Gedanken und Gefühle auch als unsere zu empfinden und zu den eigenen, unseren persönlichen Bedürsniffen entsprechenden Gebeten angeregt zu werden. Treffend sagt ein alter jüdischer Weiser: „Ein Gebet ohne Kawonoh ist wie ein Körper ohne Seele". Kawonoh aber, das man gewöhnlich mit „Andacht" übersetzt, ist mehr als nur Verständniß der Gebete und Uebereinstimmung mit ihnen. Es ist die Richtung des Geistes auf Gott und die Neigung des Herzens, sich religiös erbauen zu laffen. Und jenes Wort sagt uns, daß unser eigener Geist, der religiöse Trieb unseres Gemüthes den Gebete»«, die wir sprechen, Inhalt und Kraft verleihen muß. Wo dieser Trieb vorhanden. weffen Geist heimisch ist in dem Gebetbuche seiner Glaubensgemeinschaft, der betet daraus mit wahrer Andacht, auch wenn nicht jeder Satz ihm unmittelbar klar ist, auf den wirken die ihm vertrauten Worte erbauend und anregend zu Gebeten in seiner eigenen Gedanken- und Anschauungsweise, mag nun sein Gesichtskreis ein einfacher, in den gewöhnlichen Geleisen sich bewegender oder, um an eine Bemerkung des erwähnten Kritikers anzuknüpfen, ein durch die Gedanken Schopenhauers und Nietzsches beeinflußter sein- — Diese Wirkung hat unser Gebetbuch seit Jahrhunderten bewährt und bewährt sie vielfach noch trotz aller menschlichen Schwächen bei seinein Gebrauche, über die seit jeher geklagt worden ist. Wenn sie bei zahlreichen Juden, die nur nach längeren Zeiträuinen das Gotteshaus wieder besuchen, versagt, so liegt das an deren Entfremdung dem Gebetbuche wie den Lehren, Anschauungen und Empfindungen ihrer Glaubensgemeinschaft gegenüber. Gefühle, die wir nicht pflegen, erkalten, Gedanken, die wir nicht weiter bilden, entschwinden uns und stellen sich nicht ein, wenn wir es gerade wünschen. Jene haben darum in dem Gebetbuche nur einen starren und spröden Stoff, ur»d die Geistesrichtung, die ihn beleben könnte, haben sie verloren. Diese Kälte und Entfremdung haben auch die bisherigen Neubearbeitungen des Gebetbuches nicht beseitigen können. Sie haben so wenig wie das unveränderte Gebetbuch die der Synagoge Entfrenideten in ihr tvieder heimisch zu machen verstanden, sie haben keiner der verschiedenen Richtungen iin heutigen Judenthum wahrhaft entsprochen, haben nicht einmal ihre Geineinden dauernd für sich zu gewinnen gewußt, sondern sind nicht selten beim Abgang ihrer Urheber gegen andere vertauscht worden. Auch ihnen stehen die Anschauungen und Gewohnheiten zahlreicher moderner Juden, selbst solcher, die in einer religiösen Atmosphäre ausgewachsen, in ihrer späteren Entwickelung aber dem Gebete wie der Synagoge fremd geworden sind, ablehnend gegenüber. Führt solche einmal ein bedeutsames Lebensereigniß, eine religiöse Regung, ein Festtag, den sie mitfeiern wollen, in das Gotteshaus, so finden sie vielfach nicht mehr die rechte Beziehung zu dem, was sie hören und sehen. Ihnen fehlt das Verständniß nicht nur für die hebräischen Gebete, fonbern auch für den Inhalt von deren deutscher Uebersetzung, mag diese auch sprachlich noch so wohl gelungen sein. Nicht nur die Gebete, welche an die Opfer, an den Tempel und Zion erinnern, sondern auch nicht wenige der in das Gebetbllch aufgenominenen Abschnitte aus der Thora, den Propheten und den Psalmen, wie zahlreiche weitere Gebete, die kein jüdisches Gebetbuch weglassen kann, wenn es nicht seinen Charakter als solches abstreifen will, erscheinen ihnen so fremd, so ihrer Welt und Zeit entlegen, daß sie keine verwandte Saite in ihrem Herzen anzuschlagen vermögen. Nicht minder charakteristisch ist das Schicksal der rein deutschen, für den häuslichen Gottesdienst oder zur Benutzung in der Synagoge bestimmten Gebetbücher von Maier, Präger, Philippson, Letteris, Neuda, Freund u. A. Einige sind, in schöner Ausstattung, beliebte .'Geschenkbücher bei Hochzeiten und arideren Veranlassungen; »virkliche

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