Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Nie 30. Jahresversammlung der israelitischen Fehrerkonseren; Hessens. um ersten Male von dem bisherigen Gebrauch abweichend, die Jahresversammlung am ersten Montage im Juli abzuhalten, fand die 30. Jahresversammlung der israelitischen Lehrerkonferenz Hessens am 30. Mai (Pfingsten) im Ballhaussaale zu Fulda statt. Etwa 60 Theilnehmer hatten fich aus allen Theilen des Regierungsbezirks eingefunden. Als Gast war Herr Gemeindeältester Stern aus Fulda erschienen. Die Herren jedoch, welche die Konferenz seit Jahren gewohnt war, in ihrer Mitte zu begrüßen, die Herren Rabbiner und Vertreter der Vorsteherämter, waren diesmal theils durch Amtsgeschäfte, theils durch eigene Versammlungen, theils — wie der Ortsrabbiner, Herr Dr. Eahn — durch Krankheit zu erscheinen verhindert. Nachdem der einleitende Choralgesang verklungen war, hielt nach kurzem Begrüßungswort der Vorsttzende, Herr Gutkind-Kassel, eine tief empfundene und alle Hörer tief bewegende Gedächtnißrede auf den am 6. Februar dieses Jahres nach langen, schweren Leiden verstorbenen Begründer und bisherigen Leiter der Konferenz, Herrn Seminardirektor Dr. Jacob Stein zu Kassel. Die Gedächtnißrede, die nicht ein Bild des Lebensganges des Verstorbenen entrollen sollte, schilderte die Größe des Verlustes, den durch das Ableben dieses in vielfacher Beziehung hochverdienten Mannes die israelitischen Lehrer und die israelitische Schule vornehmlich in Hessen, aber auch darüber hinaus in ganz Deutschland, wo eine große Zahl seiner Schüler ihren Wirkungskreis gefunden hat und seine gediegenen Schulbücher vielfach eingeführt sind, und den in erster Linie die Konferenz, die nun verwaist erscheine, erlitten hat. Die Gedächtnißrede, welche von dem edlen Wesen des Verstorbenen, seiner Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit und steten Hilfsbereitschaft, vor allem aber seiner großen Treue im Beruf und Leben ein anschauliches Bild entwarf und in seinem Sinn an die Kollegen den Mahnruf richtete: „Bleibet treu!" schloß mit einem von der Versammlung stehend angehörten Gebete und dem Gelöbniß, daß der Geist des Verklärten auch ferner in uns fortleben und unseren Versammlungen die rechte Hebung und Belebung geben solle. Herr Gemeindeältester Stern begrüßte die Versammlung Namens der Synagogengemeinde Fulda, den Verhandlungen besten Erfolg wünschend, worauf Herr Gutkind den Jahresbericht des Ausschusses verlas. Derselbe verlieh der Genugthuung der israelitischen Lehrer unseres Regierungsbezirks über die günstige Ausführung des Lehrerbesoldungsgesetzes Ausdruck und bedauerte nur, daß nicht auch der § 4 des Gesetzes, die Besoldung des Kirchendienstes betreffend, auf die israelitischen Lehrer Anwendung finde, nachdem auch die Borsteherämter, weil ihnen die Mittel fehlen, außer Stande wären, einzutreten, wie im vorigen Jahre von ihnen in Aussicht gestellt worden sei, während durch die bedeutende finanzielle Mehrbelastung unserer Gemeinden vorläufig weitere Schritte in der Angelegenheit fich von selbst verbieten würden. Außerdem gedachte der Jahresbericht noch des am 20. Oktober v. I, verstorbenen emeritirten Lehrers Katzenstein-Borken, dessen Andenken die Versammlung in hergebrachter Weise ehrte. Im Anschluß an den Jahresbericht theilte der Herr Vorsitzende mit, daß das langjährige Mitglied des Ausschusses Herr Amram-Borken heute in ununterbrochener Reihenfolge zum 25. Male die Jahresversammlungen besuche, nachdem er am 8. Mai d. I. im engsten Familienkreise das 25 jährige Lehrerjubiläum gefeiert hat. Da derselbe sich jede Ovation verbeten habe, so wäre es nur ihm, dem Vorsitzenden, und drei in nächster Nähe wohnenden Kollegen möglich gewesen, bei dem Jubilar zu erscheinen und seine wie auch der Lehrerkonferenz Glückwünsche zu überbringen. Auch von dem am 15. Mai stattgefundenen 25 jährigen Jubiläum des Herrn Plaut-Grebenstein gab Herr Gutkind Kenntniß. Nachdem noch Herr Oppenheim-Treysa den mit einem kleinen Defizit abschließenden Kassenbericht verlesen und Decharge erhalten hatte, ging man zum zweiten Haupttheil der Tagesordnung über. Amram- Borken verlas seinen Vortrag: „Wie ist die israelitische Volksschule des Regierungsbezirks Kassel entstanden, wie hat sie sich entwickelt, und was hat sie geleistet?" Auf die Entwickelung des jüdischen Gemeindewesens m seinen ersten Anfängen zurückgehend und nachweisend, daß die Juden auch zu der Zeit, als sie noch keine eigenen Volksschulen haben konnten, und ihnen auch die Ortsschulen noch verschlossen waren, doch auch in Bezug auf Profanbildung den übrigen Staatsbürgern nicht merklich nachstanden, schilderte Redner, wie durch das Wohlwollen, mit dem die hessischen Fürsten wie auch das hesfische Volk besonders in diesem Jahrhundert die Israeliten behandelten, sowie durch die Bestrebungen bedeutender — im Sinne Mendelssohns wirkender — Männer aus der Mitte der Israeliten Hessens selbst, wie Israel Jaeobfohn, Dr. Jacob Pinhas, Dr. Büdinger, Jeremias Rothfels, Dr. Stein und Andere, fast in allen israelitischen Gemeinden eigene Volksschulen entstanden, fich durch die Opferwilligkeit der oft recht kleinen Gemeinden und die Berufstreue der Lehrer aufs Beste entwickelt haben und auch durch das Wohlwollen der preußischen Staatsregierung noch immer recht gefördert werden. Die Versammlung folgte den Ausführungen mit sichtlichem Interesse und zollte lebhaften Beifall, als Redner den nahezu zweistündigen Bortrag mir dem Satze schloß: „Möge es der israelitischen Volksschule Hessens auch ferner vergönnt sein, so segensreich zu wirken für die Erhaltung und Kräftigung des religiösen Lebens und zur Verherrlichung unseres väterlichen Glaubens wie auch zur Pflege deutscher Bildung, vaterländischer Gesinnung und der Treue gegen Kaiser und Vaterland". , Die Versammlung beschloß Drucklegung des auch für Nichtlehrer interessanten Vortrags. Oppenheim-Treysa theilte mit, daß Frau Dr. Stein für den Bezug der Dr. Stein'schen Schulbücher besondere Vergünstigungen bewilligt habe. Im Anschluß hieran regte Amram an, schon jetzt an die Vorbereitung der in einigen Jahren nothwendig werdenden 4. Auflage des Dr. Stein'schen Lesebuchs zu denken. Auch machte derselbe eine interessante Mittheilung bezüglich des Militärdienstes der Lehrer. Nachdem noch der Ausschuß durch Zuwahl der Herren Spiro, Schenklengsfeld und Schwarzschild-Schlüchtern ergänzt worden war, und für die nächste in Kassel stattfindende Jahresversammlung Ersterer ein Referat über „Patriotismus nach Bibel und Talmud" übernommen hatte, schloß Herr Gutkind durch eine herzliche Ansprache die Verhandlungen. Ein im Hotel Birkenruth fich anschließendes Festessen verlief in gemüthlicher Weise. Herr Gutkind sprach einen begeisterten Kaisertoast. Weitere Trinksprüche brachten aus: Oppenheim-Treysa auf den Vorsitzenden, Plaut-Grebenstein auf den Referenten, Strauß-Gelnhausen und Spiro (letzterer in humorvoller Weise) auf die Konferenz und Amram auf die Lehrerfrauen. Nach kurzer Zeit mußte man sich zur Heimreise rüsten. Alle thaten dies in dem Bewußtsein, einen genußreichen Tag verlebt zu haben, und mit dem Wunsche auf ein frohes Wiedersehen im nächsten Jahre zu Kassel. Die Schriftführer: Amram-Borken. Oppenheim-Treysa. Iur Gebettmchfrage. Bon Rabbiner Dr. Eschelbacher in Bruchsal. Qitjk n Nr. 31 Ihres geschätzten Blattes wurde über die Gutachten berichtet, welche auf eine Anfrage des badischen Oberrathes über die Reform des Gottesdienstes und des Gebetbuches von mehreren Rabbinern des Landes erstattet worden sind, und dabei mit verschiedenen gegensätzlichen Bemerkungen auch die Schlußfolgerungen des von mir erstatteten mitgetheilt, das sich gegen die beabsichtigte Reform ausspricht. Bei der Abstimmung über einen zu fassenden Beschluß kommt es allerdings nur darauf an, ob Jemand für oder gegen ihn stimmt. Solange aber noch berathen wird, sind die Gründe, die den Einzelnen zu seiner Stellungnahme veranlaffen, nicht nur für seine Gesinnungsgenossen, sondern auch für die Gegner seiner Ansicht der Erwägung werth. Daher gestatte ich mir, die Spalten Ihres „unparteiischen Organs für alles jüdische Interesse" für folgende Stellen aus meinem Gutachten in Anspruch zu nehmen: