Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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,,,W,. 41Ö Wir haben dieser drastischen Schilderung nur wenig hinzuzufügen. Aber die Antisemiten könnten aus dieser Betrachtung, wenn sie wollten, sehr viel lernen. Wir glauben freilich nicht, daß sie das thun werden. Hätten die Gegner der Juden aus der Geschichte lernen wollen, so wäre Spanien heute nicht in solchem Verfall. Desto mehr aber erwächst aus solchen Betrachtungen für uns die große und heilige Pflicht, die Lehren der Geschichte wohl zu beachten, um vor ihrem unerbittlichen Weltgericht bestehen zu können. f Berlin, 30. August. ei den „radikalen" Antisemiten, die sich unter der Führung von Hans von Mosch — später trat der aus der Reformpartei ausgetretene antisemitische Professor Dr. Paul Förster hinzu — vereinigt hatten, ist es, wie die „Deutsche Reform" Moschs selbst mittheilt, zu einer Krisis gekommen. Der tausend Mitglieder zählende „Germanische Volksbund", dessen Bundesmeister Hans von Mosch war, ist zur Auflösung gekommen. Die neue Organisation nennt sich „Neuer Germanischer Volksbund", Hans von Mosch und Professor Dr. Förster sind „die Meister" des „Neuen Germanischen Volksbundes". Im Bunde selbst kriselte es anscheinend schon lange; es waren einige Mitglieder mit der Bundesleitung unzufrieden. Während der Wahlperiode übertrug man die Leitung einem Ersatzmann aus der alten antisemitischen Bewegung. Nach Herrn von Mosch war dies ein „verhängnißvoller Fehler". Der Ersatzmann versuchte die alten Anschauungen geltend zu machen, bis sich schließlich ein wirres Durcheinander in der Leitung ergab. Viel zu „spalten" wird es bei dieser Spaltung bald nicht geben. Schließlich werden die Herren Mosch und Förster „unentwegt" allein die Fahne des unverfälschten judenfreien Deutschthums Hochhalten. .Auch sonst scheint es unter den deutschen Antisemiten etwas ungemüthlich zuzugehen, so daß Liebermann von Sonnenberg bei einem bestimmten Anlaß sich zu der Erklärung genöthigt sieht, „daß die Lage unserer Partei gegenwärtig wenig dazu angethan erscheint, Feste zu feiern". fr Die antisemitische Statistik erscheint durch die folgende Meldung der „Antisem. Korr." vom 18. d. in seltsamem Lichte: „Im letzten Prüfungsjahr sind im Deutschen Reiche 1294 Aerzte approbirt, darunter etwa 130 jüdische. Da auf ungefähr achtzig Deutsche erst ein Jude kommt, sind also die Juden im ärztlichen Stande mehr als achtmal über dm Durchschnitt vertreten." Wir wollen uns einmal die gleiche „Logik" aneignen. Dann sagen wir: Im preußischen Heere sind vielleicht etwa 10 000 Offiziere vorhanden. Da auf ungefähr achtzig Christen erst ein Jude kommt, so müßten etwa 125 Juden Offiziere sein. In Wirklichkeit giebt es keine. Die Juden sind also unendlichmal unter dem Durchschnitt vertreten! fr Ein interessantes Gespräch mit dem berühmten ungarischen' Schriftsteller Maurus Jokai über den Antisemitismus in Frankreich theilt die „Frankfurter Zeitung" mit: Auf eine Aeußerung Jokais, die oberste Staatsraison sei die Gerechtigkeit, erwiederte der Besucher: „Sie gebrauchen ein in Frankreich heute boykottirtes Wort, verehrter Meister. Dort konstruirt man einen Gegensatz zwischen Staatsraison und Gerechtigkeit." Der alte Herr machte eine abwehrende Handbewegung. „Es ist entsetzlich und geradezu aberwitzig," sagte er. „Was wollen fie in Frankreich mit dem Antisemitismus, wo auf tausend Einwohner doch kaum ein Jude kommt? Dort muß ja ein Antisemit geradezu eine Reise machen, um einen Juden zu Gesicht zu bekommen, den er prügeln könnte. Wo bleibt da auch nur der Schatten der Berechtigung einer antisemitischen Bewegung?" „Ich glaube," erwiederte ich, „daß der Antisemitismus nur beim Pöbel Selbstzweck ist. Künstlich benutzt aber wird er, um als Quartiermacher der klerikalen Reaktion zu dienen. Drumont hat von den Jesuiten Geld bekommen, um mit feiner „Libre Parole" Frankreich erst antisemitisch und dann klerikal zu machen. Als Panama- und Südbahn-Affäre ihre Wirkung versagten, weil da aus jeden kompromittirten Juden zehn kompromittirte Originalgallier kamen, hat er schließlich mit diabolischem Instinkt die empfindlichste Stelle der Franzosen heraüsgefunden, um ihnen dort die antisemitische Injektion zu appliziren. Er hat, unterstützt von gewissenlosen Offizieren der schon seit zwanzig Jahren ganz klerikalifirten Armee, die Dreyfus- Affäre direkt gemacht, einen Verrath der Armee an Deutschland erfunden, um den revanchesüchtigen Philister aus dem Häuschen zu bringen, und diesen Berrath einem Juden aufgebürdet, wie man im Mittelalter todte Christenkinder den Juden in die Häuser geschmuggelt hat, um dann einen Anlaß zu haben, diese zu plündern. Das alles sieht man klar und begreift man. Daß aber Frankreich nach der lückenlosen Aufdeckung des ganzen infamen Handels an seinem Unrecht festhält und die Vertreter des Rechtes garottirt, begreifen Sie das?" „Ja!" antwortete Jokai ruhig. „Wie?" fragte ich verwundert. „Bon der französischen Nation begreifen Sie solche Niedertracht?" In den Augen des alten Herrn flammte es auf. „Seit dreißig Jahren", sagte er, „giebt es keinen Schlamm, der zu tief wäre, daß die französischen Schriftsteller ihre Leser nicht hineinführten, keine Perversität zu empörend, die ihm nicht als etwas Selbstverständliches und Apartes dargestellt würde. Kann eine solche Nation gesund bleiben? Muß sie nicht, wie alles Schamgefühl, so auch alles Rechtsgefühl verlieren und pervers werden wie ihre Litteratur?" „Meister," warf ich betroffen ein, „aber gerade die Litteraten sind es doch, die sich jetzt den Schändlichkeiten der Machthaber entgegenstellen, Zola, Oktave Mirbeau, Anatole Franc, Barbier, Sareey, und im Gegensatz zu ihnen war gerade einer der „frömmsten" Litteraten, Alphonse Daudet, zugleich einer der stärksten Anhänger der perversen Staatsraison." „Darin haben Sie Recht, aber ich rechne auch nicht Zola, Mirbeau und Anatole Franc zur perversen Litteratur. Sie wissen schon, welche Leute ich meine. Darüber", fuhr Jokai fort, „lasse ich nicht mit mir streiten, daß die Litteratur den Geist eines Volkes so vergiften wie veredeln kann." fr Leider ist der edle Jokai mit seinen Bemerkungen völlig im Rechte. Aber in Einem irrt er sich: Nicht nur im Mittelalter hat man den Juden „Christenmorde" aufgebürdet, sondern noch an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts geschieht dies in seinem eigenen Vaterlande, im freien Ungarn, wie folgender Bericht zeigt, den der „Pesti Hirlap" aus der Stadt Szolnok bringt: „Der Bau der neuen Synagoge wird bald vollendet sein, und die Zeit rückt immer näher heran, da sie ihrer erhabenen Bestimmung übergeben werden soll. Unter der fanatifirten Bauernbevölkerung ist das Schauermärchen verbreitet, daß zur Einweihung der Synagoge viel Christenblut erforderlich ist, und daß zu diesem Behufs Christenkinder aufgegriffen werden, um ihnen das Blut abzuzapfen. Bon diesem albernen Märchen irregeführt, stürzte vor einigen Tagen eine Bäuerin in den Laden eines jüdischen Kaufmanns hinein und forderte von ihm ihr Kind zurück, das sie nach Streichhölzern schickte, das aber nicht nach Hause kam. Der arme Kaufmann verwahrte sich natürlich gegen die Beschuldigung. Das Weib blieb aber beharrlich bei ihrer Anklage und lief davon, um die Unterstützung der Polizei in Anspruch zu nehmen. Unterwegs fand fie aber ihr Kind unter anderen gleichalterigen Gespielen; nichtsdestoweniger wird unter dem Volke kolportirt, daß das