Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1898)
- Date
- 1898-09-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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62. Jahrgang. Nr. 35. Berlin, 2. September 1898 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner D* Ludwig PHUippson-Oonn. SW., Jerusalemer Strahe 48/49 zu richten. Verlags-Vrpeottion: ioerlin, Zlerusalemerstr. 48/49. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin \ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeterrr: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Das Weltgericht. — Die Woche. — Die 30. Jahresversammlung der israelitischen Lehrerkonserenz Hessens. — Zur Gebetbuchfrage. Bon Dr. Eschelbach or. — Wo ist des Juden Vaterland? Von M. S i l b e r - stein. — Die Juden am Fuße des Kapitols. Von Dr. Heinrich Groß. (Schluß.) — Feuilleton: Die Rose von Saron. X. — Vom Nordseestrande. II. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Greifenberg, Wreschen, Hannover, Dransfeld, Frankfurt a. M., Bad Ems, Wien, Basel. — Bon Nah und Fern. Aas Weltgericht. Berlin, 30. August. teilt Volk der Welt hat das Wort des Dichters: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", so an sich selbst erfahren und erprobt wie das jüdische. Auf seinem langen und dornenreichen Märtyrergang durch fast zwei Jahrtausende hat es verschiedene Völker, die es bedrückten und verfolgten, von der höchsten Höhe in die tiefste Tiefe sinken und von der Völkertafel verschwinden gesehen. Der kleine Stamm aber, den jene Völker zu vernichten trachteten, ist geblieben als ein Zeuge geschichtlicher Wahrheit und wird auch bleiben, bis er seine religiöse Mission erfüllt hat in der Menschheit. An keinem Lande hat sich jenes große Weltgericht, das Israel gar oft erlebt, in so sinnfälliger Weise erfüllt als an Spanien, das seine Juden vertrieben, als es im Zenith der Macht stand und im Rath der europäischen Völker fast die hervorragendste Rolle spielte. Es ist von Interesse, zu verfolgen, wie diese Macht Spaniens von jener Zeit ab immer mehr abgenommen, wie der Verfall gerade durch die Faktoren herbeigeführt wurde, die die Vertreibung der Inden bewirkten, und wie endlich das Land, das die Vertriebenen gastlich aufnahm und ihnen eine neue Heimath gab, zu großer Blüthe gelangt und sich nunmehr anschickt, die Kolonialerbschaft Spaniens anzutreten. Auch selbst der parteiischste Beobachter kann sich dieser geschichtlichen Entwickelung nicht verschließen. Aber es ist interessant, wie sich unsere modernen Gegner zu ihr stellen. Ein antisemitisches Blatt, der „Freie Beobachter" ist es, der eine Betrachtung über die Verhältnisse in Spanien anstellt. Es kommt allerdings dabei zunächst zu dem sehr komischen Resultat, daß die spanischen Pfadfinder der neuen Welt nur „den Erwerbsgeist habgieriger Juden" gehabt hätten. Als wenn das nicht fromme arische Christen gewesen wären! „Von den drei Elementen, die die spanischen Kolonien gegründet haben, waren jene aus dem Adel und der Armee hervorgegangenen Männer das bahnbrechende; das zweite war der Klerus mit seinem Bekehrungseifer; das dritte die am Ausgang des feudalen Zeitalters dieFührung nehmende Monarchie, die Krone. Kaufmannschaft, Gewerbe und Ackerbau wirkten zwar ebenfalls mit, kamen aber jenen gegenüber lange nicht zur Geltung. Hierin, war auch der bis heute fortwirkende Grundfehler dieser Kolonisation gegeben." Hier bedauert das Antisemitenblatt, entgegen seinen Gepflogenheiten, daß z. B. Kaufmannschaft und Gewerbe fehlten, unter denen damals die Juden doch die wichtigste Rolle spielten, und hält Adel, Armee, Klerus und Krone für kolonisatorisch ungeeignet! Jetzt folgt eine drastische Schilderung der Thätigkeit der christlichen Spanier: „Grund und Boden nahm der nach Reichthum und Wohlleben strebende Adel in Besitz, der massenhaft nach Spanisch-Amerika auswanderte. Gab es doch allein in der Stadt Lima 45 Grafenfamilien, und war doch jeder dritte Mensch von spanischer Herkunft adelig! Der Klerus überschwemmte die neuen Länder mit religiösen Orden, Klöstern und Bettelmönchen und wußte bald ungeheuren Grundbesitz zu erwerben; daher von Reichthümern strotzende Kirchen, Glaubensverfolgung und Inquisition, Zurückdrängung aller Bildung und Knebelung der Presse ---ganz wie daheim. Die Verwaltung endlich brachte den Geist des Mißtrauens und der amtlichen Einmischung mit; daher Mechiavellistische Regierungsgrundsätze, stete Bevormundung und Abtödten aller Selbstverwaltung und Selbstthätigkeit im Volke. Von Anfang an hegte die spanische Regierung die Besorgniß, die Kolonien möchten eines Tages vom Mutterlande abfallen. Diese Befürchtung veranlaßte eine Menge von Maßregeln, die darauf abzielten, die Kolonien nicht so reich und stark werden zu lassen, daß ihnen Selbständigkeitsgelüste kommen konnten. Beispielsweise suchte man das Wachsthum ihrer Bevölkerung durch^Erschwerung der Auswanderung zu beschränken^ infolgedessen es um die Mitte des 16. Jahrhunderts in der ganzen neuen Welt 15 000 Spanier gab. Diese genügten aber, um viele Millionen der gutmüthigen Indianer zu vertilgen, ganze Völker buchstäblich auszurotten und den „Wilden" einen Begriff von unserer „christlichen Kultur" beizubringen, welcher zahllose Indianer den Selbstmord, den Scheiterhaufen oder das Schaffst vorziehen ließ. Als diese entsetzliche Blutarbeit verrichtet war, führten die Spanier an Stelle der braunen die schwarze Sklaverei ein. Die ungeheuren Kolonien dienten hauptsächlich dazu, eine Menge adeliger spanischer Familien zu bereichern. Sie stahlen, raubten und zogen die Eingeborenen aus. Die Hauptsache war die Ausbeutung der Gold- und Silberminen. Der Hauptfehler in der Verwaltung der Kolonien war, daß man den Ackerbau, die Grundlage alles Wohlstandes, den Indianern überließ. Die spanischen Kolonisten siedelten sich nicht als Ackerbauer in Gehöften an, sondern zogen in der Mehrzahl in die Städte. Die Städte wurden der Sitz von Spekulanten und reichen Nichtsthuern, die ungeheure Einnahmen aus ihren Minen verpraßten und weitgehenden Luxus entfalteten. Wie hinderlich mußte dieser verlockende Reichthum der Minen für die Entwickelung des Ackerbaues sein wie wenig geneigt mochte da der einwandernde Kolonist sein, mühselig den Boden zu bauen. Wer irgend über ein kleines Kapital verfügte, forschte nach Erzadern und war, wenn er eine ergiebige fand, ein gemachter Mann. Dieses Vorherrschen des Bergbaues vor dem ganz vernachlässigten Ackerbau war der eine Hauptfehler der spanischen Kolonisation. Sacra auri fames (der verdammte Goldhunger) und der grausame Blutdurst haben die spanische Kolonialmacht von Anfang an untergraben Diese Nebel rächen sich jetzt am spanischen Volke. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!"