Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 407 -- denn die nie rastende Woge des Lebens auf der Promenade, die Herren in kleidsamen Strandanzügen, die Damen in den feschesten Toiletten? Zieht sie zum „Kulmberge", um von dort aus den Blick ins Meer zu tauchen, oder eilt sie durch die Wälder nach dem einsamen „Präsidentenberg"? Unternimmt sie weite Touren, um nur auf den Beinen zu sein, obwohl der Arzt verlangte, am Strand zu ruhen und dem süßen Gesang der Nixen zu lauschen? Der aufmerksame Badebeobachter findet überall typische Figuren. Eben wackelt wieder jener kleine, kugelige Alte, der auf die harmlosesten Menschen Attentate ausübte, indem er ihnen die neuesten Witze aus Adams Zeiten erzählte (mein Speisegenosie bei Peltesohn), lebhaft vorüber; ich schütze mich vor ihm, indem ich „Astronomie" treibe. Zwei Klagen hörte ich besonders im lieben Bade. Die eine betraf die schlechte Postverbinduug, die dank der Anregung im „Berliner Tageblatt" ja besser geworden sein soll; die andere kam von jenen tanzbeflissenen Herren, die von einzelnen Röunions aus dem wichtigen Grunde zurückgewiesen wurden, weil sie — man denke und zittere! — aus Zufall nicht mit schwarzen Röcken bewaffnet waren. Geschah diese -Zurückweisung vielleicht aus Rücksicht auf die edle Prinzessin, die mit ihrer Anwesenheit die Festlichkeit der Räunions erhöhte? Man sollte bei der Fülle so reizender Damen und entsprechendem Herrenmangel wirklich nicht so streng verfahren. Doch nichts für ungut, man kommt schließlich auch auf „Umwegen" zur Reunion; wie das geschah, wollte mein Gewährsmann nicht verrathen. - Ich möchte indessen auch eine andere wohlthuende Seite von Heringsdorf erwähnen. Es hat wohl seine guten Gründe, daß so viele jüdische Familien sich hier einsinden; denn noch ist das gute Bad von dem bösen Zeitgeist, genannt „Antisemitismus", verschont geblieben; einzelne schüchterne, ungezogene Aeußerungen, die man zuweilen hört, stören den süßen Frieden des Badelebens nicht. Unsere Gegner thun den Juden Unrecht, wenn sie einzelne Bäder als „Judeubäder" bezeichnen. Wer hat denn die Juden, die sich erholen toollen, auf einzelne Bäder verwiesen? War es nicht gerade antisemitische Intoleranz? Jndeffen wollen wir uns unser dolce far niente durch solche trüben Betrachtungen nicht beeinfluffen lassen, und wenn wir bei Peltesohn am Sabbath an der gemüthlichen Tafel sitzen und als besonderen Sabbathgenuß das altväterliche „Schalet" mit Wohlbehagen genießen, ist aller Weltenschmerz, wenn auch nur auf kurze Zeit, vergessen, und drüben deklamirt mein theures vis-a-vis die Heine'schen Verse: „Schalet, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Also klänge Schillers Hochlied, Hätt' er Schalet je gekostet. Schalet ist die Himmelsspeise, Die der liebe Herrgott selber Einst den Moses kochen lehrte Auf dem Berge Sinai!" Es ist merkwürdig, welche Wunder ein Seebad ausübt! Das arme Herz kommt hier gar nicht zur Ruhe. .So mancher kühle Mann, der da glaubte, nicht mehr zu freien, wurde hier eingefangen. Schelm Amor scheint als Schadchen die Wache am Strande zu halten, und ich habe ihn an einem sonnigen Montage bei einer Familiengruppe in voller Thätigkeit gesehen; ob er sein Ziel erreicht?- Drüben aber sang das blaue, tiefe Meer sein ewiges Lied von Menschenlust und Menschenleid. Literarische Mittheilungen. ----- M. Brann. Jüdischer Volks-.und Hauskalender für 1899. Breslau, Wilh. Jaeobsohn & Co. Mil gewohnter Pünktlichkeit stellt sich auch in diesem Jahr der „Jüdische Volks- und Hauskalender" ein. Das Kalendarium ist sorgfältig abgefaßt und enthält alles Wissenswerthe über jüdische Fest- und Erinnerungstage, Beginn der Nacht, Himmelserscheinungen rc. sowie ein Verzeichniß der Messen und sämmtlicher Jahrmärkte. Die dem Kalendarium angefügte übliche Beilage „Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung" weist an erster Stelle den Abdruck eines früher erschienenen, wenig bekannt gewordenen Aufsatzes von Professor Dr. Förster auf: „Wann beginnt das 20. Jahrhundert?" Förster kommt in demselben zu dem Resultat, daß der 1. Januar des Jahres 1901 als Anfangspunkt des 20. Jahrhunderts anzusehen ist. Die werthvollste diesjährige Gabe des Jahrbuchs ist der Aufsatz von Dr. Landsberger „Judentaufen in Breslau 1760—1804". Aus den Akten des Magistrats und unter Heranziehung mehrerer Nachweise aus dem königlichen Staatsarchiv zu Breslau führt der Verfasser circa 100 Personen vor, die in der erwähnten Zeit zur evangelischen Religion übertraten, fragt zunächst nach den Motiven des Uebertritts, behandelt alsdann die Frage der Taufe derjenigen Kinder, die das 14. Lebensjahr (annus discretionis) noch nicht vollendet hatten, die Stellung der christlichen Bevölkerung (insbesondere der geistlichen und weltlichen Behörden) zu den Proselyten, das Verhalten der jüdischen Glaubensgenossen den Abtrünnigen gegenüber, Namen und Bildungsgrad der Täuflinge und schließlich den Geist der Breslauer Taufreden. Dem Verfasser können wir auf Grund seiner Darlegungen völlig beipflichten, wenn er am Schlüsse seiner Darstellung äußert: „Wir sind über diesen Verlust keineswegs untröstlich." Werthvolle Elemente hat das Christenthum durch den Eintritt der (mit Ausnahme der Familie Kuh) zumeist recht fragwürdigen Persönlichkeiten nicht in sich ausgenommen. Eins der „Motive" des Uebertritts ist übrigens auch für unsere Zeit bezeichnend, die völlige Unbekanntschaft mit dem väterlichen Glauben: „Wie sollen sie glauben," sagt der tolerante wie edle Diakonus Fischer in einer seiner Taufreden, „wo sie nichts gehört haben?" — Mit der gleichen Gründlichkeit, die den Verfasser der „Judentaufen" auszeichnet, behandelt Moritz Steinschneider im „Jahrbuch" ein anderes Gebiet — das Leben der Juden, insbesondere die soziale Stellung der gelehrten Juden, unter den Arabern. Der Herausgeber selbst bringt leider nicht die sehnsüchtig erwartete Fortsetzung seiner „Geschichte der Juden in Schlesien", sondern ist im Jahrbuch nur durch zwei kleinere Beiträge, die mehr lokales Interesse haben, betheiligt. Er beschreibt die Explosion des Pulverthurms in Breslau im Jahre 1749, bei der mehr als 100 Juden getödtet oder schwer verletzt wurden, und bringt in einem zweiten Artikel aus dem Nachlaß Zacharias Frankels Mittheilungen über Frankels Bewerbung, Wahl und Amtsantritt als Rabbiner in Teplitz. Für weitere Kreise dürfte namentlich das in acht(!) Sprachen abgefaßte offizielle Bewerbungsschreiben von Interesse sein. — Dem bewährten Hausfreunde wünschen wir auch in diesem Jahre rechten Erfolg! A. ----- Bambus, W.: Palästina, Land und Leute. Berlin 1898. S. Cronbach. Ein Buch über Palästina, eine Publikation, welche uns einen Einblick in die Verhältnisse der Bewohner des heiligen Landes gewährt, die uns Land und Leute in naturgetreuen Farben schildert, darf stets auf eine freundliche Aufnahme bei der jüdischen Leserwelt rechnen. Der Verfasser, der 1895 Palästina bereist hat, giebt in vorliegender Schrift die Eindrücke wieder, die er während seines dortigen Aufenthaltes gewonnen, schildert in schlichter, anmuthiger Form seine Reiseerlebnisse und bietet ein klares Bild besonders von dem Leben und Treiben in den jüdischen Ackerbaukolonien, von denen einzelne durch gelungene Illustrationen unserem Auge näher gerückt werden. Die vom Verfasser hier gebotenen Schilderungen gewinnen umsomehr an Bedeutung, da sie von einem Juden herrühren, dessen Sinnen und Denken im Banne der Liebe zu Zion und Jerusalem stehen. Trotzdem oder vielmehr gerade deswegen befleißigt sich der Autor der größten Objektivität und giebt die Verhältnisse in Palästina so wieder, wie er sie wahrgenommen hat, ohne jegliche Umschreibung und Schönfärberei.