Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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405 UILLETON -w'* » *•••«• Are Mose von Saron. Line Erzählung. IX. ie Fürstin der Sabäer sprach also: „Was ich Dir erzähle, Flüchtling, das hörte ich von meiner Mutter, welche das unglückliche Mädchen von Edom liebte und auch meiner Liebe und meinem Schutze übergab. Zeruha zog mit ihrem Gatten hinauf gegen Israel, doch hatte sie versprochen, wenn nicht ein böses Schicksal über sie komme, die Zelte der Sabäer wieder aufzusuchen. Anfangs liebte sie der Jüngling aus Israel und schien zu vergessen, daß sie vor fremden Göttern bete. Auch zog er damals nicht predigend unter den Kindern Israel umher, denn die Liebe zu dem Mädchen aus Edom erfüllte seine ganze Seele. Da aber die Leidenschaft schwand, glaubte er von Neuem den Ruf seines Gottes zu vernehmen, den Kindern Israel zu predigen und die Geschichten der Zukunft zu deuten. Auch tadelten und verfolgten ihn die Priester Deines Stammes, weil er mit einer Abgöttischen — wie ihr es nennt — sich vermählt. Deswegen ward seine Seele immer düsterer, und endlich wähnte er durch jene Vermählung große Sünde an dem Gesetz Israels begangen zu haben. Denn zu solch seltsamen Gedanken führt das strenge und nachdenkliche Leben die Männer, welche die Zukunft deuten. Es ivarcn kaum zwei Jahre verflossen, seit Zeruha aus den Zelten Sabas geschieden, als ihr Gatte sie verstieß und zugleich ihr Kind raubte und fremden Männern übergab. Zuvor war es ihr aber gelungen, zwischen die Linnen des Säuglings einen Pergamentstreifen zu verstecken, welcher dem einst Herangewachsenen den Aufenthalt der Mutter andeuten sollte." „Da ist der Streif," sagte der Flüchtling mit bewegter Stimme, und reichte das Denkzeichen hin. „Es ist der Streif, von welchem sie mir erzählte," fuhr die Fürstin ebenfalls bewegt fort. „Von ihrem Gatten verstoßen und von den Kindern Israels verhöhnt, floh Zeruha nach den Zelten der Sabäer zurück und ward ausgenommen wie ein verlorenes, wiedergefundenes, liebes Kind. Darauf blieb sie in unseren Zelten lange, lange Jahre. Von ihrem Gatten aber verscholl die Kunde. Einige Jahre später ward ich geboren, und Zeruha ward mir eine zweite Mutter. Aber es kam die Zeit, wo sie nach ihrem Kinde sich sehnte, das man ihr geraubt. Sie beschloß, zurück gegen Israel zu ziehen und nach dem theueren Kinde zu forschen. Früher aber unterrichtete sie mich, daß sie ihren« Kind jenes Pergamentblatt mitgegeben, wovon Du erzähltest. Und dann flehte sie mich an, wenn ihr Sohn, durch jenes Blatt belvogen, unter die Zelte der Sabäer kommen sollte, ihn zurück nach Israel zu seiner Mutter zu senden. Darauf schied sie, und dann starb meine Mutter, und ich ward die Königin der Sabäer. Seitdem sind wohl fünf Jahre verfloffen. Jetzt ziehe ich hinauf gen Jerusalem, die Weisheit Salomos zu verehren und Mutter Zeruha wiederzuseheu." Die Fürstin machte eine Pause. Der Flüchtling hatte das Haupt in die hohle Hand gestützt und blickte kalt und stumm vor sich nieder. Die Lampe, welche zwischen den Blumen hereinstrahlte, beleuchtete Züge voll Empfindungslosigkeit und schwer unterdrückten Verdrusies. „Du erwiederst mir nichts?" fragte die Fürstin endlich mit Erstaune««, Jerobeam stand auf. „Ich tveiß genug!" sagte er kalt. „Meine Mutter lebt also zu Jerusalein, sie ist Edoins Kind und mein Vater ein pilgernder Prophet. Sei gesegnet für Deine Mühe und lebe wohl." „Wie?" rief die Fürstin, „ich habe Dir noch nicht gesagt, wo Deine Mutter weilt!" „Zu Jerusalem — ich merkte mir Deine Rede." Der Flüchtling wandte sich, um zu gehen. „Aber Du findest sie nicht in der großen Stadt, wenn ich Dir nicht Näheres mittheile," rief die Fürstin mit tiefem Erstaunen. „Oder willst Du Deine Mutter nicht aufsuchen?" Der Flüchtling stand eine Weile sinnend da. „Fürstin," sagte er endlich, „es ist nicht die Zeit, nach einer verlorenen, »«ie geliebten Mutter zu suchen. Mein Pfad geht aus Israels Grenzen heraus. Hättest Du mir erzählt, meine Mutter sei eine Fürstin oder «nein Vater ein mächtiger Krieger, so würde ich so ruhmwürdige Eltern eiligst aufsuchen. Aber es ist nicht gut, daß daZ Volk Israel erfahre, weß Stammes die Mutter Jerobeams. Größere Geschicke führen mich von der ärmlichen Schwelle meiner verstoßenen Mutter weg. Ich kann nicht nach Jerusalem ziehn — bis die Zeit konimt, wo Israel einen neuen Kö>«ig wählt." Iva bebte vor Abscheu. „Liebloser Sohn!" rief sie, sich vom Divan erbebend, „Deine Mutter ist arm und pflanzt Oelbäume an den Bergen Jerusalems. Eile und tröste die Alternde. Der Fluch Deines Gottes folgt Deinem unnatürlichen Beginnen." Der Hebräer lächelte düster. „Wärst Du meine Schwester," sagte er mit tiefer Stimme, „o, dann wäre Jerobeain glücklich! Denn meines Schicksals Gebot ist, die Pfade des Volkes zu verkästen, unter welchem ich geboren wurde. So schritt David mit der Krone geziert aus der Hütte Jsai hervor, und so wird Jerobeam die Schmach dunkler Geburt auf dem glänzenden Thron von Zion abwaschen. Ich sagte alles. Lebe wohl." „Schändlicher!" rief die Königin der Wüste hastig und that einen Schritt vor, wie um den« Hebräer zu folgen. Bei dieser Bewegung wandte sich Jerobeain u««d blickte Iva lange an. Eine leidenschaftliche Enipfindung sprühte aus seinen ausdrucksvollen, scharfen Zügen. „Schöne, mächtige Fürstin!" sagte er in flüsternden Tönen. „Ach, ließest Du «nich diesen dichten Schleier heben und Deine zarten Züge schauen! Ließest Du mich Dein Herz um Mitleid und Liebe flehen! Siehe, mein Geist ist stark, und meinem Muth ist kein Hinderniß zu groß. Die Stunde wird kommen, wo die Schrecke«« meines Namens durch die Wüste fliegen, und vor meinem Thron zittern die Fürsten zu Tyrus und zu Damaskus und an den Ufern des Euphrat. Und Du bist schön und mächtig, und noch nennt kein Marin Dich die Seine. Schöne, mächtige Fürstin, laß «nich diesen Schleier heben, besteige an meiner Seite die stolze Zion!" Die Fürstin wich zurück, aber der Abenteurer folgte ihr, «ind sie fühlte seine Hand an ihrem Arm. Sie stieß einen Schrei aus. verließ rasch die Blumenhütte m«d verschwaird. Jerobeam sah sich von mehreren kräftigen Sabäern umgeben, welche ihn stumm, aber mit unwiderstehlicher Gewalt die Stufen hinab bis vor die Pforte des Hauses führten. Hier verschwanden sie hinter der gefallenen Thür, und der Flüchtling stand allein und von tiefer Nacht uingeben auf der einsamen Straße. - Am andere» Tage sammelte sich vor dem Hause der Fürstin von Saba ein großer Troß von beladenen Kameelen, Treibern und