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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-26 · Heft 34 (26.8.1898) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 34 (26.8.1898)
Date
1898-08-26
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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- 403 -—- mochte in der Blüthezeit Roms unter dem Kaiser Augustus 40 OM Seelen betragen haben. Sie wohnten zuerst meistens in Trastevare am linken Ufer des Tiber, das nicht gerade ein Geheimrathsviertel, aber auch von Nichtjuden bewohnt war, später auch zerstreut in anderen Stadttheilen, selbst in der Suburra, dem Centrum des Handels und einem der belebtesten Quartiere des alten Rom. Die Juden genoffen in Rom das Bürgerrecht wie im ganzen römischen Reiche. Sie waren freilich manchen Beschränkungen unterworfen, wurden zu höheren Aemtern nicht zugelaffen, gaben aber in den Komitien, in den Volksversammlungen ihre Stimme als römische Bürger ab. Ihre Lage wechselte trotz ihrer sich immer gleich bleibenden rechtlichen Stellung unter den verschiedenen römischen Machthabern. Cäsar, der Dekrete zu deren Schutz erlaffen hatte, behandelte sie mit besonderer Gunst. Als er ermordet wurdewaren es in Rom die dankbaren Juden allein, welche um ihn trauerten und an seinem Scheiterhaufen die Nächte hindurch in großer Menge die wehmüthigsten Klagelieder anstimmten. Der große Augustus wandte ihnen sein Wohlwollen zu. Tiberius verfolgte sie, so lange er den Einflüsterungen seines Ministers Sejan Gehör geschenkt hatte. Unsägliches Unheil brachte über sie die an Wahnsinn streifende Selbstüberhebung des Kaisers Caligula. Unter Nero hatten sie weniger zu leiden. Hatte doch dessen Gattin, die Kaiserin Poppäa, eine besondere Vorliebe für das Judenthum. Das Schicksal der Juden hing auch später meistens von der Gunst oder Laune der Regenten und ihrer Umgebung ab. So war es in Rom, so ini ganzen Mittelalter auch anderwärts. Das christliche Mittelalter warf schon im alten heidnischen Rom seine Schatten voraus. Die erste Ausweisung der Juden aus Rom hatte ihren Grund in den Streitigkeiten zwischen den ihrem Glauben treu gebliebenen Juden und den Judenchriste», aus denen die rein christliche Gemeinde in Rom, der Grundstock der abendländischen Christenheit, hervorgegangen ist. So feindselig das junge Christenthum gegen die Juden in Rom aufgetreten ist, die ihm den Weg gebahnt hatten, hat sich doch die rechtliche Stellung derselben, so lange das Kapitol der Mittelpunkt der Stadt und des Reiches war nicht wesentlich geändert. Eine Aenderung trat auch nicht mit der Zerstörung des Tempels ein. Die Juden verloren durch die hereingebrochene Katastrophe, durch die völlige Auflösung des jüdischen Staates ihren letzten nationalen Halt, den sie trotz der Abhängigkeit Palästinas von Rom besaßen. Es war freilich nur ein Schimmer nationaler Selbständigkeit, deffen sie sich erfreuten, der aber zu einer Zeit, in der die Nationalität mehr galt als die Menschheit, immerhin von großem Werth war. Das Judenthum ist weder an den Opferkultus noch an die Nationalität gebunden, sondern hat seinen Stützpunkt im Glauben an den einen Gott und in der Rechtfertigung vor ihm durch die Erfüllung des religiösen und sittlichen Gebotes. Es hat deshalb den Verlust seines Vaterlandes wie den Fall Jerusalems überdauert. Die Juden hörten auf, ein Volk zu sein, sie waren nur noch eine Gemeinde, zusammengehalten einzig und allein durch das Band des Glaubens, dem sie unerschütterliche Treue bewahrten. Die römischen Juden hatten sich zu einer solchen Gemeinde auf religionsgesetzlicher Grundlage vereinigt. Der Mittelpunkt des religiösen Lebens war hier wie anderwärts in der Diaspora die Synagoge, deren es in Rom mehrere gab, und in denen die Juden, als in Jerusalem noch der Opferkultus in seinem ganzen Glanze bestand, Gott in schlichter, aber herzinniger Weise verehrten. Neben den Synagogen gab es auch ein Lehrhaus in Rom für die Pflege der jüdischen Wiffenschaft. Setzte doch schon die eigene Jurisdiktion, welche die römischen Juden ausgeübt haben, die Kenntniß, also auch das Studium des jüdischen Rechts voraus. So stand Matatia ben Eheresch, ein bedeutender Gelehrter, der zur Zeit der Hadrianischen Verfolgung aus Palästina ausgewandert war, an der Spitze eines talmudischen Lehrhauses in Rom. Im Anfang des ersten Jahrhunderts v. Chr. lebte in Rom Theodos, ein sehr angesehener jüdischer Gelehrter. Es wird auch ein jüdischer Gelehrter aus Rom, Namens Platon, genannt. Daß die römischen Juden griechische Namen führten, ist wohl erklärlich. Haben sie sich doch in den ersten Jahrhunderten unter einander vorzugsweise der griechischen Sprache bedient, die damals noch eine Weltsprache und in den gebildeten Kreisen Roms vorherrschend im Gebrauch war. Die meisten Grabschriften in den jüdischen Katakomben Roms, die man vor mehreren Jahren aufgefunden hat, sind griechisch, nur wenige lateinisch. Da und dort finden sich nur wenige hebräische Worte. Die Juden hatten sich in Rom in die Lebensweise der Weltstadt vollständig eingebürgert, betheiligten sich an deren Welthandel, scheuten auch das Handwerk nicht und wetteiferten mit deren Dichtern, Sängern, Schauspielern und Künstlern, aber eines haben sie in Rom nicht gelernt, die Sittenverderbniß. In der Stadt der Agrippinen und Meffalinen haben sie diejenige Tugend bewahrt, die dem jüdischen Stamme sprichwörtlich eigen ist, die Reinheit des Familienlebens. In einer Beziehung blieben sie unentwegt Juden, in der Anhänglichkeit an den Glauben und die heilige Sitte der Väter. Diese Anhänglichkeit aber bildete eine Kluft zwischen den Juden und der griechisch-römischen Welt. Die Griechen haben die Juden gehaßt aus Stolz, mit dem sie auf alle Nichtgriechen als auf Barbaren heradblickten, und aus Mißgunst, weil sie in ihnen, namentlich in Alexandrien, die gefährlichsten Rivalen erblickten, welche ihnen in dem lebhaften Handel zwischen dem Morgen- und Abendlande den Wind aus den Segeln jagten. In Alexandrien wurden von den Griechen, ich nenne nur den Grammatiker Apion, alte verschollene Lügen über die Juden wieder ausgegraben und neue ausgeheckt, die von fremden griechischen und römischen Schriftstellern gläubig nachgebetet wurden. Dahin gehört das alberne Märchen des ägyptischgriechischen Priesters Manetho aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., daß die Juden aus Aegypten nicht durch Moses befreit, sondern wegen ihres häßlichen Aussatzes verjagt worden sind. Dahin gehört auch die lächerliche Verleumdung, daß die Juden im Tempel zu Jerusalem einen Eselskopf verehrten und Jahr um Jahr einen Griechen daselbst fütterten, um ihn unter großer Feierlichkeit zu opfern. Josephus Flavius, der berühmte jüdische Geschichtsschreiber, der nach der Zerstörung des Tempels, von Titus reichlich unterstützt, in Rom gelebt hat, widerlegte in einer Schrift die Schmähungen Apions. Die Lügen wurden gleichwohl von den Römern weiter kolportirt. Calumniare audacter, semper aliquid haeret. Das Märchen vom Aussatz der Juden in Aegypten wurde doch von Schiller in seiner „Sendung Mosis" als geschichtliche Thatsache nacherzählt, und die Fabel vom jüdischen Ritualmord, der im Mittelalter Hunderte von Juden zum Opfer fielen, spukt zu unserer Zeit noch fort. Die Römer haßten die Juden nur als Nation, so lange sie ihnen mit den Waffen in der Hand unerwarteten Widerstand leisteten, wie Tacitus sagt, quod Judaei soli restitissent. Gegen die besiegten Juden hegten sie keinen Groll. Die gewaltige Weltstadt Rom, in der sich die verschiedenen Nationalitäten zusammengefunden hatten, war in gewissem Sinne kosmopolitisch. „Der Jude", sagt Mommsen, „war eben darum wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein verschliffenen Nationalität ausgestattet werden sollte." (Schluß folgt.)

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