Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1898)
- Date
- 1898-08-26
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 402 -- hochragender Felsen, mit dem angrenzenden Moria, wo der heilige Tempel stand, und die Propheten in zündender Rede das Heil der Menschheit verkündeten, ist das Symbol des reinsten, lautersten Glaubens an den einig einzigen Gott. Die Geschichte, die sich an jede einzelne der genannten drei Höhen knüpft, ist im Allgemeinen ebenso bekannt wie die Geschichte der Juden in ihren Beziehungen zu den Griechen und Römern. Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, gerade über diese Beziehungen zu sprechen, ist einerseits leicht, da ich an Bekanntes anknüpfen kann, aber andererseits schwer, da ich demselben lediglich durch die Form und Art, in der ich die Gedanken gruppire, eine neue Seite abgewinnen soll, die geeignet ist, das Interesse der Leser zu erwecken. Von meinem Thema gilt mehr wie von irgend einem anderen das Wort des Horaz: Difficile, est proprie conmiuiiia dicere. „Es ist schwer, allgemein Bekanntes in eigener Form zu sagen." Ein talmudisches Sprichwort lautet: „Die Berge begegnen einander nicht, wohl aber die Menschen". Aus dem Kontakt der Juden, Griechen und Römer, des Judenthums und der griechischrömischen Gedankenwelt, aus der Verschmelzung der aus dem Monotheismus entspringenden religiös-sittlichen Ideen mit dem Schönen und Herrlichen der klassischen Geistesprodukte ist dasjenige hervorgegangen, auf dem unsere ganze Kultur beruht. Die echte Kunst und Wisienschaft sind zuerst in ihrer Vollendung in Hellas erblüht. Die Ideen unserer Rechtslehre wurzeln in den Anschauungen des alten Rom. Das jüdische Volk aber hat der Welt nur Eines gegeben, was an Werth die Erzeugnisse des griechischen und römischen Geistes aufwiegt, die Bibel. Von dem Antheil derselben an unserer gesammten Kultur gilt mutatis mutandis, was eine talmudische Sage von der Gründung Roms erzählt. „Die Häuser der neugegründeten Stadt stürzten, kaum erbaut, wieder ein. Da erhob sich ein Greis Namens Abba Bolon und sprach: Wollt ihr den Mauern Halt und Festigkeit geben, so befeuchtet die Bausteine erst mit dem Waffer, das ihr aus dem Strome Euphrat geschöpft. Sein Rath wurde befolgt und bewährte sich." Das Waffer des Euphrat ist nach der Anschauung des babylonischen Autors der Sage ein Sinnbild für die Lehre des Judenthums, die an den Ufern des großen Stromes ihre eigenartige Ausbildung erlangt hat. Die Juden kamen bald, nachdem Alexander der Große siegreich bis zuimEuphrat vorgedrungen war, mit den Griechen in Berührung. Viele Tausende Juden wurden um 320 vor Ehr. unfreiwillig nach Alexandrien verpflanzt, viele Tausende folgten ihnen freiwillig dahin. Diese neugegründete Stadt wurde bald eines der größten Emporien des Welthandels und eine der wichtigsten Pflanzstätten des griechischen Geisteslebens, das hier, nachdem es in Attika selbst in Verfall gerathen war, zu neuem Leben erwachte. Diesem Leben schloffen sich hier die Juden vollständig an itnb gräzisirten sich in Anschauung und Sprache unbeschadet ihres Glaubens. Sie eiferten den griechischen Künstlern, Dichtern und Philosophen nach. Wurde doch der jüdische Denker Philo aus Alexandrien Plato an die Seite gestellt. Hier hüllte sich die Bibel in ein hellenisches Gewand, drang in die griechisch-römische Welt, nöthigte die Geister, eine Gedankenharmonie zwischen Moses und Aristoteles, David und Pindar aufzusuchen, und rief in den geistigen Beziehungen zwischen dem Orient und Occident eine der größten, folgenschwersten Wandlungen hervor. Der semitische Geist, der im Judenthum seinen prägnantesten Ausdruck, und der arische Geist, der im Hellenismus seine höchste Blüthe erreicht hat, durchdrungen einander oder vermählten sich. Die Juden waren übrigens eines der Völker, welche im großen Becken des mittelländischen Meeres wohnend, von der Urzeit her in regen Beziehungen zu einander standen, deren noch nicht genügend erforschte Spuren wir in der Sprache und Kultur derselben antreffen. Als solches besaßen die Juden in ihrer semitisch-arischen Raffenmischung, mit der universellen Auffaffung ihres Gottesbcgriffes mehr als irgend ein anderes Volk die Fähigkeit der ethnischen Angliederung. Der jüdische Stamm vereinigt in sich die Gegensätze der Weichheit des Gemüths und der Härte des Charakters. In der hebräischen Sprache werden die Begriffe von Verstand und Herz durch ein einziges Wort ausgedrückt, als ob sie sich einander deckten und in einander flössen. Das Herz spielt im alten jüdischen Schriftthum überhaupt eine große Rolle. Das Herz mit seiner Milde, Liebe, Versöhnlichkeit und Nachgiebigkeit ist dem jüdischen Stamm sprichwörtlich eigen. Damit verbindet sich gleichwohl harmonisch eine seltene Sprödigkeit des Charakters in Bezug auf seine religiöse Ueberzeugung. Eine talmudische Legende erzählt: Als Moses in Aegypten, nachdem er thätlich für seine Stammesgenoflen eingetreten war, von den Schergen Pharaos ergriffen wurde, welche das Schwert über sein Haupt schwangen, um es zu zerschmettern, da wurde sein Nacken plötzlich in Marmor verwandelt, an dem das Schwert der Verfolger zersplittert ward. Das ist eine Legende, aber dieselbe hat sich an dem Stamm, der sich zur Lehre Mosis bekennt, Jahrtausende hindurch wiederholt und wurde eine der merkwürdigsten geschichtlichen Erscheinungen. Die Juden waren so weich wie Wachs, wo es galt, die Eindrücke der verschiedenen Kulturen aufzunehmen, mit denen sie in Kontakt geriethen, und doch dabei so hart und unbeugsain wie Stein inmitten aller auf sie einwirkenden geistigen Einflüsse, wo es sich um ihren Glauben gehandelt hat. Diese Fähigkeit der ethnischen Angliederung, der Assimilation, diese Empfänglichkeit für jede höhere geistige Kultur, die sich ihnen erschlossen hat, diese Beharrlichkeit in Sachen der Religion ermöglichten ihren Fortbestand unter den verschiedenen Völkern, mit denen sie in ihrer Diaspora vermengt waren. Diese Diaspora hat lange vor der Zerstörung des zweiten Tempels begonnen. Von Babylonien und den angrenzenden Ländern gar nicht zu reden, wo die Juden seit dem ersten Exil zahlreich ansässig waren, finden wir sie in der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Ehr. in beträchtlicher Zahl in Kleinasien, Aegypten, in verschiedenen griechischen Städten auf dem Festlande wie auf den Inseln des mitteländischen Meeres. Nach Strabo, der um die Zeit Christi gelebt hat, „gab es nicht leicht einen Ort auf Erden, wo nicht Juden anzutreffen gewesen wären". Das erste Auftreten der Juden in Rom fällt in das Jahr 139 vor Chr., in dem auf Betreiben der Gesandtschaft des Hasmonäerfürsten Simon der römische Senat im Tempel der Konkordia ein Schutz- und Trutzbündniß zwischen Rom und Judäa geschloffen hat. Die Juden waren von nun an Schützlinge der Römer, in deren Hauptstadt sie leben durften und sicherlich auch daselbst, wie in die verschiedenen Provinzen des römischen Reiches, namentlich in Gallien, Jberien und wohl auch Germanien, vor der Zerstörung des zweiten Tempels als Geschäftsleute aus griechischen Orten eingewandert sind. Time« Danaos et dona ferentes. Genau 76 Jahre nachdem jenes Bündniß feierlichst geschlossen worden war, wurden von Pompejus nach der Eroberung Jerusalems viele Juden, darunter der Hasmonäerkönig Aristobul sammt seiner Familie, als Gefangene nach Rom gebracht. Diese Kriegsgefangenen wurden theils von den Eroberern freigelassen, theils von den Juden in Rom losgekauft, theils von den Römern, die sie als Sklaven gekauft hatten, wieder freigelaffen, weil sie ihnen wegen ihrer strengen Beobachtung der Ceremonialgesetze lästig geworden waren. Die Einen wie die Anderen brachten der schon früher bestandenen jüdischen Gemeinde von. Rom einen sehr beträchtlichen Zuwachs. Ihre Zahl nahm stetig zu und