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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-26 · Heft 34 (26.8.1898) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 34 (26.8.1898)
Date
1898-08-26
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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398 rabbinischen Standpunkt aus eingehend erörtert, und wir können uns damit begnügen, die Schlußfolgerungen anzuführen, zu denen der gelehrte Forscher am Ende seiner geschichtlichen Betrachtung gelangte: „Fassen wir dm Eid, wie er, gegründet auf das mosaische Gesetz, durch Mischna und Talmud ausgebildet und in dem jüdischen Rechtswesen abgeleistet wurde, ins Auge, so ist die Annahme, daß diese Ableistung am Sabbath oder Fest gemäß der religiösen Ruhegesetze nicht stattfinden dürfe, in keiner Weise berechtigt. Nichts haftet an dem Eide, das jene Gesetze berührt; nichts Aeußerliches geht vor, das die innere Sammlung des Gemüthes stört; vielmehr ist der Eid eine neue Anregung zu heiliger Erhebung, ein Akt der Gottesverehrung. Auch der tiefste religiöse Skrupel vermag nichts aufzufinden, was die Eidesleistung an den religiösen Ruhetagen verhindern und sie nicht vielmehr als eine religiöse Heiligung des Schwörenden darstellen müßte." Wir haben es für nützlich gehalten, unsere Bedenken gegen jene Vorkommnisse, die wohl aus Gewissensskrupeln hervorgehen mögen, im Religionsgesetz selbst aber keinerlei Begründung haben, unumwunden auszusprechen. Man sollte sich doch hüten, um derartiger kleinlicher Dinge willen den lauernden Gegnern eine willkommene Handhabe zu neuen Angriffen und zu Forderungen zu geben, denen man von gewisser Seite nicht ungern entgegenkommen würde; denn derartige Vorfälle führen von selbst zu der von konservativ-antisemitischer Seite in neuerer Zeit wiederholt aufgestellten Forderung konfessioneller Richter und eines besonderen konfessionellen Eides. Um solcher allzu ängstlicher Gewissensbedenken willen dürfen unsere schwer und blutig errungenen bürgerlichen Rechte, die ohnedies in dieser trüben Zeit oft genug gefährdet erscheinen, nicht angegriffen oder gar in Frage gestellt werden. Are Woche. Berlin, 23. August. in recht drastisches, aber Wort für Wort zutreffendes Urtheil über die antisemitische Partei in Deutschland hat einer ihrer früheren Gönner, Herr v. Gerlach, jüngst in der Wiener Wochenschrift: „Die Zeit" gefällt. Es verdient aufbewahrt zu werden. „Die Antisemiten sind von 16 Mandaten auf 10 hinabgeglitten. Für eine junge Partei ist ein solcher Verlust zwar nicht der Tod, aber eine unheilbare Wunde. Sie haben sie redlich verdient. Was diese Partei an Verhetzung, Unwahrhaftigkeit, wirthschaftlicher Rückständigkeit und politischer Unreife geleistet hat, darin kann keine andere mit ihr konkurriren. Im Reichstag nimmt man sie schon lange nicht mehr ernst. Auch im Lande, wo sie bisher vielfach vom Bolksinstinkt getragen wurde, wird die Wahlniederlage lähmend für sie wirken. Daran kann das nichts ändern, daß sie einen sehr tüchtigen Mann hereinbekommen hat, den Porzellanmaler Raab aus Hamburg. Das ist ein Mann voll wirklichen Verständnisses für die Arbeiterfrage. Aber gerade weil er das ist, birgt sein Eintritt in die antisemitische Fraktion den Keim zu den schwersten Zerwürfnissen in sich. Daß Raab sich den Liebermann v. Sonnenberg und Dr. Bielhaben, diesen Nichts als Mittelstandspolitikern und Rückschrittlern, fügen sollte, ist nach seiner Vergangenheit nicht anzunehmen. Lebhafte Auseinandersetzungen find unausbleiblich. Die bisherigen Führer der Antisemiten konnten bei der Kunde von Raabs Erfolg ausrufen: O weh! wir haben gesiegt!" Nun, wir fürchten uns auch vor dem Porzellanmaler Raab aus Hamburg nicht. Wir wissen ja, daß in jedem Winter ein neuer Retter und Heros der Antisemiten ausgerufen wird. Aber nach wenigen Wochen wird eS dann gewöhnlich sehr still von dem Manne, und man schweigt sich über die neue Enttäuschung in sehr beredter Weise aus. $ Recht traurig ist die Nachricht, daß die Ausweisung von mehr als hundert jüdischen Familien aus Frankfurt a. M. auf Denunziation von jüdischer Seite hin erfolgt sei. Die Leute stammten aus Galizien und Russisch-Polen und erwarben sich ihren Lebensunterhalt durch Hausiren in der Provinz Oberheffen. Dem Judenthum werden sie ja, das muß leider eingeräumt werden, dort wahrscheinlich gerade nicht zur Zierde gereicht haben. Das berechtigte aber keineswegs zu einer so empörenden Handlungsweise, die nicht scharf genug gerügt werden kann. Nur in den trübsten Zeiten unserer Geschichte hat das Denunziantenwesen aufkommen können. Es ist bekannt, in welcher Weise sich unsere mittelalterlichen Gesetzeslehrer darüber ausgesprochen haben. Nun ist es schon einige Male in neuerer Zeit vorgekommen, daß Juden ihre Glaubensgenossen den Behörden denunzirt haben. Wir bekennen offen, daß diese Erscheinung eine der traurigsten Folgen der antisemitischen Verhetzungsperiode ist. * Fürst Bismarck hat von den Zionisten nicht gerade sehr viel gehalten. Ebenso wenig wie von den Polen — und das will viel sagen. In einem Gespräch über russische Politik sprach er über die „unruhige polnische Nachbarschaft, welche sich so wenig zu einem selbständigen staatlichen Organismus eignet wie die heutige Judenschaft zu einem neuen Reiche Judäa". Aber wenn sich die Zionisten schließlich darüber trösten werden, daß der verstorbene Reichskanzler nicht viel von ihren politischen Plänen gehalten, so wird es ihnen sicher viel unangenehmer sein, wenn man jetzt aus dem eben publizirten Testament des Rabbi Sa mu e l Mohilever erfährt, daß auch dieser wahrhaft fromme und bedeutende Mann eigentlich nur für die Kolonisation Palästinas schwärmte, die die politischen Zionisten geradezu verhindern wollen» und daß er das Festhalten am Judenthum und seiner Lehre für die erste und oberste Pflicht des Zionismus erklärte. Es heißt darüber in dein merkwürdigen Schriftstück: „Die Kolonisation Palästinas mit Einwilligung der türkischen Regierung muß einen Hanptbestandtheil unserer Arbeit bilden, unsere Pflicht muß es sein, ihre Grenzen zu erweitern, soweit dies im Bereich der Möglichkeit liegt. Daher wäre die Bank verpflichtet, eine beträchtliche Summe, einen großen Theil ihrer Mittel dem Werke der Kolonisation mit Einwilligung der türkischen Regierung zu widmen. Unter allen zu Gunsten der Judenheit getroffenen Unternehmungen muß die Kolonisationsthätigkeit den ersten Platz einnehmen. Die Grundlage der Liebe zu Zion ist unsere heilige Lehre, wie ich dies in meinem ersten Briefe an den Kongreß zu Basel auseinandergesetzt habe. Ohne unsere Thora, die Quelle unseres Lebens, ist alle unsere Mühe eitel. Daher mögen sich die Anführer der Zionisten hüten, in ihrer nationalen Arbeit Anlaß zu Ausstreuungen zu geben, daß der Zionismus mit der Religion in Widerspruch steht, wie dies in letzter Zeit der Fall war. Freilich, wenn Einer kommt, um sich an der Arbeit für unsere Sache zu betheiligen, so werden wir ihn nicht erst darüber zur Rede stellen, wie er es im Privatleben mit dem Judenthum halte. Wir sind alle Brüder im Leiden und sollen Brüder sein in der Arbeit der Wiederbelebung. Aber der Boden, auf dem wir arbeiten, muß unsere heilige Lehre sein." Ob die Zionisten diese Lehren des greisen Rabbi, den sie immer mit wahrem Triumph gegen die deutschen Protestrabbiner auszuspielen versuchten, nnn auch wirklich beherzigen werden? * In Frankreich wird „unentwegt" fortgehetzt. Jetzt geht es gegen die Protestanten — und das ist am Ende der natürliche Laus der Dinge, den jeder Einsichtige Vorhersagen konnte. Blos die deutschen Antisemiten haben das nicht eingesehen. Nur in einem antisemitischen Frankreich durfte ein Drumont es wagen, die Wiederkehr der Bartholomäusnacht, in welcher die Protestanten niedergemetzelt

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