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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-19 · Heft 33 (19.8.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 33 (19.8.1898)
Date
1898-08-19
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Reichstagsstichwahl in ihr eine sehr große Zahl Stimmen für den Antisemiten Dr. Böckel abgegeben worden ist. Am 13. v. M. war in Kirchhain, das bisher mit die bedeutendsten Viehmärkte in unserer Provinz aufzuweisen hatte, wieder Viehmarkt, aber statt der üblichen # 600—1000 Stück Vieh waren nur etwa 100 aufgetrieben, denn die meisten israelitischen Händler waren dem Kirchhainer Markt ferngeblieben und hatten, wie der „K. Zig." gemeldet wird, statt dessen den Viehmarkt in Gießen besucht." Wie sich doch die Zeiten ändern! Als Dr. Böckel die antisemitische Bewegung in Hessen entfachte, wurden auf seine Anregung hin sogenannte „jndenreine Viehmärkte" eingerichtet, die nach wenigen Jahren natürlich elend verkrachten. Heute möchte man den Juden einen Strick daraus drehen, wenn ste ihrerseits das gleiche Verfahren einschlagen. Den Antisemiten, die beständig das Wort im Munde führen: „Kauft nicht bei Juden", steht die tugendhafte Entrüstung besonders wohl an. Karlsruhe, 11. August. Die letzte Nummer (VI) des Verordnungsblattes des Großherzoglichen Oberraths der Israeliten in Baden enthält den Bericht über die Einnahmen und Ausgaben der israelitischen Centralkasse für das Jahr 1897. Die Einnahmen, bei denen die Kirchensteuer natürlich den größten Posten ausmacht, beliefen sich auf 37 445 M. 17 Pf., die Ausgaben dagegen auf 25 070 Mark 50 Pf. Der Gesammtbetrag des Vermögens besteht aus 72 897 Mark 42 Pf. Auch die Einnahmen und Ausgaben sowie den Vermögensstand des Israelitischen Landesstifts für das Jahr 1897 theilt das Verordnungsblatt mit. Die Einnahmen desselben beliefen sich im Berichtsjahre auf 5651 M. 10 Pf., die Ausgaben dagegen auf 5065 M. 73 Pf. Das Aktivvermögen beträgt gegenwärtig 34 125 M. 98 Pf. Der Stand des Wittwen- und Waisenfonds der israelitischen Religionsschullehrer und Vorsänger war im Jahre 1897 folgender. Die Einnahmen betrugen 2771 M. 9 Pf., die Ausgaben 2400 Mark. Der Fonds hat unterstützt 36 Mitglieder, 17 Wittwen und 3 Kinder. Der Bermögensstand ist 2619M. 95 Pf., hat sich also seit dem vorigen Jahre um 1297 M. 47 Pf. vermindert. — Das Verordnungsblatt enthält auch die Ergebnisse der Wahlen zur Synode. Die Namen der weltlichen Abgeordneten habe ich Ihnen bereits mitgetheilt. Als geistliche Abgeordnete sind gewählt: Dr. Josef Eschelbachs r, Bezirksrabbiner in Bruchsal, mit 10 Stimmen, Dr. Meier Rawicz, Bezirksrabbiner in Offenburg, mit 9 Stimmen, Dr. Julius Fürst, Rabbiner in Mannheim, mit 9 Stimmen, Dr. Adolf Lewin, Bezirksrabbiner in Freiburg, mit 8 Stimmen, Dr. Leopold Löwenstein, Bezirksrabbiner in Mosbach, mit 6 Stimmen, also zwei Freisinnige, zwei Vermittelungstheologen und ein Orthodoxer. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 15. August. Die abgelaufene Woche ist an Lokalereignissen so arm, daß ich Ihnen nur von einigen unbestrittenen Ariern erzählen kann, die dem Stillleben der Gerichtshöfe in etwas abgeholfen haben, wie der Missionar und Afrikareisende Georg Carl W eninger, der Wäsche und Pfandscheine gestohlen hatte und nun wegen Schändung und Betruges eine lOmonatliche fchwereKerkerstrafezu verbüßen hat. — Auch in Brünn kursirten in der letzten Zeit allerlei Gerüchte, betreffend die Person des Religionslehrers P. Franz Klötzl, einer stadtbekannten Persönlichkeit, dem ein Siltlichkeitsverbrechen zur Last gelegt wurde. Die Staatsanwaltschaft ließ deshalb beim Landesgericht strafgerichtliche Vorkehrungen einleiten. Da angenommen wurde, daß P. Klötzl sich in das Ausland begeben habe, sollte gegen ihn ein Steckbrief erlassen werden. Er hat sich aber vor Publizirung desselben dem Gerichte selbst gestellt und wurde in Berwahrungshaft genommen. — Wir haben hier ein neues jüdisches Blatt: die von Dr. S. R. Landau herausgegebene Monatsschrift „Der jüdische Arbeiter", deren erste Nummer am 1. d. Mts. erschienen ist. Das Blatt ist das Organ der hier und in der Provinz entstehenden jüdisch-nationalen Arbeiterorganisation und wird den Lebensverhältnissen, Lohnkämpfen und Organisationen der jüdischen Arbeiter in allen Ländern besondere Aufmerksamkeit schenken. — Anläßlich des 50jährigen Priesterjubiläums des arm. katholischen Erzbischofs Jsakovics in Lemberg, der sich ob seines echt priesterlichen, vom Geiste wahrer Nächstenliebe und Toleranz erfüllten Wesens in den weitesten Schichten der Bevölkerung die herzlichsten Sympathien erworben, erschien bei demselben unter vielen anderen X Gratulanten eine Deputation der jüdischen Kultusgemeinde, bestehend | aus dem Landtagsabgeordneten Dr. Goldmann und den Kultusräthen j Dr. Landesberger und Beiser. Der Führer derselben, Landtags-! abgeordneter Dr. Goldmann, hielt an den Jubilar eine erhebende An- J spräche, die Letzterer in sehr herzlicher Weise beantwortete. Der Kirchen-? fürst sagte unter anderem, daß es stets sein Bestreben war und auch;.ö fernerhin sein wird, Frieden und Menschenliebe zu verbreiten, und der beste Beweis hierfür sei eben das Erscheinen der jüdischen Deputation. Er glaubte so im Namen Gottes zu. handeln, denn das Wesen der Gottheit personifizire den Begriff der Liebe. Er bitte die Deputation, der gesummten Repräsentanz seinen tiefgefühltesten Dank für diese ihn so ehrende Huldigung zu verdolmetschen. — Auch die höhere katholische Geistlichkeit beginnt in Galizien einzulenken. Das beweist die kürzlich erfolgte Versetzung des Kooperators Szponder von Wieliczka nach Chocholowa bei Zakopane. Szponder, der Reichsrathsabgeordneter und Leibadjutant Stojalowskis ist, war bei den letzten Exzessen stark betheiligt. Er war ihr Anstifter in Wieliczka, er hat in Kalwarya agitirt und einen unheilvollen Einfluß auf die bäuerlichen Gemüther ausgeübt. In der Umgebung von Zakopane wird Szponder kaum mehr gefährlich sein. — Bei der in Krakau durchgeführten Strafverhandlung gegen zwölf Bauern und drei Bäuerinnen, welche in Bedziszyna und Pechkin einige jüdische Wirthshäuser und Privatwohnungen überfielen und plünderten, wurde ein Bauer zu fünf, einer zu vier Monaten, zwei zu je drei Monaten, drei zu je zwei Monaten, zwei Bäuerinnen und drei Bauern zu je einem Monat schweren Kerkers verurtheilt. Ebenso wurden neuerdings in Rzeszow und Neu-Sandec mehrere wegen der antisemitischen Unruhen Angeklagte verurtheilt. — In Wolanka bei Boryslaw drangen zwölf Boryslawer Arbeiter in das Wirthshaus ein und verlangten, umsonst zu essen und zu trinken. Nachdem diesem Wunsche willfahrt war, und sich Alle sattgegessen hatten, demolirten die Arbeiter die Einrichtung des Wirthshauses, bis die Gendarmerie erschien und sämmtliche Thäter verhaftete. — Sehr merkwürdig ist die Auslegung der Staatsgrundgesetze seitens der k. k. Bezirkshauptmannfchaft in Teschen, die an die Gemeindeämter die Verfügung gerichtet hat. die dort infolge der letzten Exzesse zahlreicher eingewanderten galizischen Juden einfach auszuweisen. Die Frage: Mit welchem Recht? erweckt in dem heutigen Oesterreich nur noch ein mitleidiges Lächeln. — Der Kaiser hat dem Präsidenten der Handelskammer zu Reichenberg, Alois Neumann, den Orden der eisernen Krone III. Klasse verliehen. 6. Budapest, 12. August. Von einer „Invasion" polnischer Juden faseln einige hauptstädtische Blätter und fordern von der Regierung strenge Maßnahmen gegen die galizischen „Eindringlinge", die aus kulturellen und wirthschaftlichen Gründen vom Lande ferngehalten werden müssen. Von diesen Schreiern irregeführt, haben auch die Behörden einiger Grenzkomitate die Grenze streng überwachen lassen und Nachforschungen angeordnet, ob sich auf ihrem Gebiete die armen galizischen Juden seßhaft gemacht haben, und wie dies in der Folge zu verhüten wäre. Die Berichte der mit den Nachforschungen betrauten Organe beweisen aber zur Genüge, daß von einer „Invasion" nicht die Rede sein könne. Die Flüchtlinge, die während der Unruhen auf ungarischem Boden Schutz suchten, sind mit sehr wenigen Ausnahmen in ihre Heimath zurückgekehrt; die Schnorrer, die zu einem neuen titulus schnorrendi gekommen, die Bachurim, die irgend eine Jeschiwoh beziehen, waren die so sehr gefürchteten „Eindringlinge", gegen die man strenge Maßnahmen verlangt. Die Zahl der Juden wächst wohl stetig, aber nur durch innere Vermehrung und nicht durch Zuzug, wie dies im 1896er Jahrbuch der jüdisch-litterarischen Gesellschaft nachgewiesen wurde. Die traurigen Ereignisse in Galizien find ebenso wenig wie die traurigen Lebens- und Erwerbsverhältnisse der dortigen Juden dazu angethan, ihrer Einwanderung nach Ungarn Vorschub.zu leisten. — Den Central-Kanzleien der Kultusgemeinden beider Schattirungen wurden vom Kultusministerium 12 200 Kronen mit der Bestimmung zur Verfügung gestellt, diese Summe unter den Rabbinern, deren Einkommen durch die kirchenpolitischen Gesetze stark beeinträchtigt wurde, zu vertheilen. — Die Wiener Akademie der bildenden Künste hat ihren Hörern Wilhelm Kraus-Neuträ und Rudolf Zelenka Speziat- Schulpreise zuerkannt. — Der Schriftsteller Dr. Ludwig Wohl in Berlin wurde durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josef- Ordens ausgezeichnet. Ü

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