Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Holland. u. Amsterdam, 12. August. Am 1. d. Mts. fand eine seltene Feier in unserer Gemeinde statt. Im Spanisch-Portugiesischen Waisenhause beging die Gesellschaft Abij Jetomin ihr 250jähriges Jubiläum. Diese Gesellschaft wurde 1648 von 42 Baale Batim der Sephardischen Gemeinde gegründet, um jüdische Waisen in Privat- HLusern zu versorgen. 1757 kaufte die Gesellschaft ein Haus, das als Waisenhaus eingerichtet wurde, und am 30. November 1817 wurde das noch jetzt bestehende Waisenhaus eingeweiht. Frankreich. 3S5 Paris, 13. August. Das Comitö de Bienfaisance hat seinen alljährlichen Rechenschaftsbericht herausgegeben, und wir entnehmen demselben die interessantesten Daten darüber, was die große Pariser Gemeinde in ihrer Gesammtheit während des Jahres auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit geleistet hat. Da ist es denn zunächst als eine traurige Thatsache zu verzeichnen, daß das Komitee in der Gemeinde von 50 000 Juden nur 900 Mitglieder hat. Infolgedessen leidet die Institution an einem chronischen Defizit, und man kann sagen, daß dasselbe regelmäßig nur durch das Eingreifen eines generösen Wohl- Lhäters einigermaßen vermindert wird. Im Jahre 1897 hat die Verwaltung übernommen 19 948 Personen, welche die wöchentlichen Unterstützungen empfangen haben, 315 Rekonvalescenten, 167 bettlägerige Frauen, 2840 Personen, welche Medikamente verlangten, 618 Personen, welche in ihre Heimath zurückkehren wollten. In den wöchentlichen Sitzungen wurden Unterstützungen verliehen an 2482 Personen in außerordentlichen Fällen, an 1848 Personen zu Miethsunterstützungen, an 6 Blinde, an 50 Arbeitslose, um ihnen zur Arbeit zu verhelfen. Regelmäßige Hilfeleistung gewährte das Komitee 472 eingeschriebenen Armen, 157 unterstützungsbedürftigen Familien und 56 verlassenen Kindern. Man kann in diese Zahl wohl auch noch die 2628 Familien oder Personen zählen, welche alljährlich Mazzoth erhalten, die 2400 Kinder unserer Schulen, welchen das Komitee Kleidungsstücke giebt und während des Winters warmes Essen, ferner die vielen Studenten, Arbeiter, Handwerker aller Konfesstonen, an welche in den beiden VolksküchW mehr als 500 000" Portionen verabreicht wurden, so erhält man ungefähr ein Bild von der Thätigkeit des Komitees, von dem Umfang seiner Aufgaben und Ausgaben. Die Hilfeleistung für die eingeschriebenen Armen erforderte 45 690 Frcs. in diesem Jahre, die Pflege der Waisen und verlassenen Kinder 68 768 Frcs., die Miethsunterstützungen 24 984 Frcs., die außerordentlichen Ausgaben 44 645 Frcs., die Ausgaben für Medikamente u. f. w. 15133 Frcs., die Unterstützung von entlassenen Strafgefangenen 10671 Frcs. Im Ganzen betrugen die Ausgaben für 1897 491 171 Frcs. gegen 475 249 Frcs. Einnahme. Dch: Ausfall wäre ein noch empfindlicherer ohne das Geschenk von 15000 Frcs;, welche ein anonymer Wohlthäter gespendet hat. Mit Recht weist der Artikel im „Archives Israelite“, dem wir diese Daten entnehmen, auf da? Budget der Berliner Gemeinden hin, in dem das Kapitel WohlthätiHkeit ganz andere Zahlen aufzuweisen hat. Nußland. s. St. Petersburg, im August. Der Unterrichtsminister hat ein neues Gesetz ausgearbeitet, nach dem die Zulassung von Jüdinnen iy die Mädchengymnasien in derselben Weise auf einen Prozentsatz beschränkt werden soll, wie dies bei den jüdischen Schülern höheres: Lehranstalten schon jetzt der Fall ist. Die Direktoren der Distrikte find zu Gutachten über diesen Gesetzesvorfchlag aufgefordert worden. dieser neuen geplanten Beschränkung stimmt die Verfügung des Unterrichtsministers, in der der „Gesellschaft für Verbreitung von Bildung unter den Juden" die Erlaubniß zur Errichtung von neuen Schulen verweigert wird. — In den hiesigen Zeitungen werden einige Ziffern über jüdische Landarbeiter veröffentlicht, die von allgemeinem Interesse sind. In dem Städtchen Schadowo, Gouvernement Kowno, beschäftigt sich fast die ganze jüdische Bevölkerung (2605 Seelen) mit Garten- und Gemüsebau. Da die Leute kein eigenes Land besitzen, so pachten sie solches von russischen Besitzern und expediren ihre Bodenerzeugnisse nach Petersburg und Riga. Ebenso wird in dem Dorfe Bartaschen im Kaukasus, dessen Tabak sich großen Ruf erobert hat, der Anbau von Tabak fast ausschließlich von Juden betrieben, die das nöthige Land von den Bauern pachten. Von Nah und Fern. ----- Der Geheime Sanitätsrath Dr. Abraham hat den Rothen Adlerorden 4. Klasse erhalten. —Am 13. d. M. ist hier der Sanitätsrath Dr. S. Oppenheim im 65. Lebensjahre gestorben. — Am 14. d. Mts. ist hier der Kommerzrenrath Moritz Milch aus Posen" nach schwerem Leiden gestorben. — Im Eisenbahnkupee gestorben ist auf der Reise nach Kisstngen der Rentier Ed. Eding er. Bei der Ankunft des Schnellzuges in Grimmenthal fand man den alten Herrn im Kupee als Leiche vor. Der Tod war infolge eines Schlaganfalles eingetreten. Ein Sohn des so jäh aus dem Leben Geschiedenen ist Professor an der Universität zu Freiburg im Breisgau. — Herrn I. Gumpertz, Inhaber des Kronenordens mit dem Johanniterkreuz und der Kriegsdenkmünze für Nichtkombattanten von 1870/71, ist vom Kaiser die Centenar-MedaiÜe verliehen worden. — In Charlottenburg ist am 10. d. Mts. der Mufiklehrer und Komponist Max Alexander nach kurzen schweren Leiden im 32. Lebensjahre gestorben. — Der Privatdozent für Heilmittellehre und praktische Arzt Dr. med. Rudolf Cohn in Königsberg erhielt das Prädikat „Professor".— In Anbetracht des Umstandes, daß Siegen Stöcker in den Reichstag schickt, ist es doppelt interessant, daß bei dem diesjährigen patriotischen Schulfeste, an welchem die 3500 Schulkinder sämmtlicher Konfesstonen theilnahmen, Lehrer Grünwald hier als einer der Festordner und Festredner sungirte. Bemerkt sei, daß Herr Grünwald unter den circa 75 Volksschullehrern der einzige jüdische und seine Schule die kleinste der Stadt ist. — Aus Frankfurt a. M. ist eine Anzahl auswärtiger jüdischer Familien, hauptsächlich aus Galizien, durch das Polizeipräsidium ausgewiesen worden. Die Leute erwarben sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Haustren in der Provinz Oberhessen. — In Frankfurt a. M. ist der Kapellmeister der Oper, Josef Großmann, ein begabter Musiker, im Alter von 32 Jahren am 2. d. Mts. gestorben. — Der „Deutsche Bolksbote" in Mannheim, eines der ältesten antisemitischen Blättchen, ist eingegangen bezw. mit der in Offenbach erscheinenden „Deutschen Volkswacht" verschmolzen worden. — In Krakau wurden 17 Bauern, welche in Rajbrot, trotz der Abwehr der Bürgerwache, die ganze Nacht hindurch die Häuser der Juden plünderten, abgeurtheilt. Zwölf Bauern wurden zu einem bis vier Monaten schweren Kerkers verurtheilt, vier freigefprochen. — Der erste jüdische Offizier in der griechischen Armee heißt Marco Naxon. Die Regierung will ihn jetzt als Lehrer an der Talmud-Thora-Schule in Corfu anstellen, die auch von vielen christlichen Kindern besucht wird. — Der zweite Zionistenkongreß wird am 28. d. Mts. in Basel beginnen und 3 bis 4 Tage dauern. Im vorigen Jahre waren 204 Mitglieder anwesend. Diesmal wird noch auf eine größere Zahl von Theilnehmern aus allen Weltgegenden gerechnet. Die zionistischen Blätter veröffentlichen bereits das ausführliche Programm der Verhandlungen. Von besonderem Interesse istdarin der Punkt, der die Gründung einer Kolonialbank betrifft, für die bereits die nöthigen Fonds durch Shares a 20 Mark gezeichnet sein sollen. — Antisemitische Blätter halten wiederholt die Nachricht gebracht, Oberst Picquart in Paris sei ein Jude. Obwohl die Nachricht von sachkundiger Seite dementirt wurde, tauchte sie neuerdings in antisemitischen Blättern mit der Bemerkung doch wieder auf: „Diese Auskunft ist unwahr. Thatsächlich ist Picquart Jude." Dem gegenüber wird nochmals auf das Bestimmteste erklärt, daß Oberst Picquart kein Jude ist, ja daß derselbe früher sogar Antisemit gewesen sei. Was nun? — Der Rest der dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe in Rußland gehörenden Güter soll jetzt verkauft werden. Als Käufer trat ein russischer Aristokrat, Graf Kapnist, auf. Da derselbe aber den Kaufpreis von seinem Schwiegervater, dem Bankier Trabotti in Odessa vorgeschoffen erhält, so daß dieser der thatsächliche Besitzer der Güter wäre, Trabotti aber nicht nur italienischer, sondern auch jüdischer Herkunft ist, so war dies Grund genug für die russische Regierung, gegen den Verkauf ihr Veto einzulegen. — Zu den antisemitischen Exzessen in Baku berichtet der „Kaspi": Die angestellte Untersuchung hat ergeben, daß der Raub eines Knaben in böswilliger Absicht fingirt worden war. Die Mystifikation ist von einem Tataren ausgegangen, der den Kubaschen Ragimilow zu der Rolle beredet hatte, die dieser in der Affäre spielte. — Als Generalpostmeister der Bereinigten Staaten ist Herr Louis Kempner aus New-Aork gewählt worden, der bereits seit 12 Jahren im Postdienst dieser Stadt sich befindet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.