Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228291--54830-3291000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
62. Lchrgang. Nr. 33. Lerün, 19. August 1898. Weikage zur: „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHunrs". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 15. August. Unsere Gemeindebehörden könnten — wenn fie sonst wollten — im Herbst dieses Jahres ein hübsches Jubiläum feiern: die erste Instruktion und Bestätigung von jüdischen Gemeinde-Aeltesten datirt vom 24. September 1698. Es sind also gerade 260 Jahre her, daß die jüdische Gemeinde' zu Berlin eine von der Regierung anerkannte Behörde hat. Was vorher gewesen, ist wenig bekannt. Aelteste hat es wohl immer gegeben, die das Mandat hatten, die Abgaben der Judenschaft auf die Einzelnen nach deren Vermögen zu vertheilen. Eine gesetzliche Regelung erfolgte aber, wie gesagt, erst im Herbst 1698, und zwar aus folgender Veranlassung: Zu Anfang des Jahres wurde ein gewisser Wolf Perlheffter, nachdem er sich erboten, dafür 100 Thaler jährlich an die kurfürstliche Kaffe abzuliefern, zum Oberältesten ernannt. Der gute Mann kam aber seiner Verpflichtung nicht nach und mußte wiederholt daran erinnert werden. Dieses willkürliche Einsetzen eines Oberältesten hatte wahrscheinlich eine Spaltung in der Judenfchaft zur Folge, so daß der Hausvogt sich genöthigt sah, den Antrag zu stellen, die Regierung wöge eine Aeltestenwahl gebieten. Dies geschah auch am 29. April, und die infolgedessen Gewählten erhielten am 24. September 1698 ihre kurfürstliche Bestätigung und Instruktion. Die Namen dieser ersten jüdischen Gemeindevorsteher in Berlin waren: Wolf Perlheffter, Anschel Jacob Schuelhoff, Wolf Salomon und Aaron Jsaac. Die Instruktion bestand darin, daß sie dieses Amt „ohnweigerlich" übernehmen mußten, daß sie die Aufgabe hatten, „der ganzen Gemeinde, wie solches anderweitig, wo Juden wohnen, gebräuchlich ist, vorzustehen". Alle drei Jahre sollte eine neue Wahl vorgenommen werden. Das wichtigste Mandat der neuen Gemeindeältesten aber war die Aufsicht über und die Fortschaffung der sogenannten unvergleiteten Juden. Jedes Zuwiderhandeln gegen dieses Mandat wurde mit 100 Dukaten fiskalischer Strafe geahndet. Man kann sich denken, welche Unannehmlichkeiten aus dieser Instruktion für die Gemeindeältesten erwuchsen. Und in der That wurden ihnen auf ihren eigenen Antrag die Amtsbefugnisse bald eingeschränkt und das Odium der Fortschaffung der unvergleiteten Juden den kurfürstlichen Rüthen aufgebürdet. Daß schon damals unter den Aeltesten selbst und zwischen den Nettesten und der Gemeinde kein Friede herrschte, ist ein Trost für die Gegenwart, der aus dieser geschichtlichen Betrachtung erwächst. Und noch ein größerer Trost ist der, daß es heute nicht mehr Vorkommen kann, daß ein Vorsteher den anderen oder die Gemeinde ihre Vorsteher bei der Regierung verklagt, wie dies damals recht oft geschah. „Sprich nicht, daß die früheren Zeiten besser waren." 6. Berttn, 16. August. Charakteristisch für den Eifer, den die Juden jetzt für körperliche Hebungen an den Tag legen, ist die folgende Thatsache, die wir den Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus entnehmen. Bei dem großen Hamburger Turnfest im vorigen Monat war der erste Preisträger Adolf Flatow aus Berlin, ein Jude. Auch sein Bruder hatte einen Preis errungen,, und was besonders interessant ist, unter den Turnern aus Oesterreich, die Erfolge errungen haben, befand sich auch ein Jude, Sonnenschein aus Wien. Die antisemitischen Turnvereine aus Oesterreich, die den „Turngau Ostmark" bilden, mußten dagegen ohne Erfolg abziehen, sie haben freilich für das echt deutsche Turnen keine Zeit mehr übrig, sie müssen ja immerfort „Juden 'raus" schreien. SS Berlin, 14. August. Die antisemitischen Blätter beschäftigen sich in der sommerlichen Muße viel mit dem sozialistischen Privatdozenten Dr. Leo Arons. Es dauert ihnen zu lange, ehe der Kultusminister von dem neuen Privatdozentengesetze gegen den Juden Arons Gebrauch macht. Ein Blatt hatte, wie wir bereits mitgetheilt, zuerst auf Grund einer ihm „aus Univerfltätskreisen zugegangenen Mittheilung" als einen thatsächlichen Erfolg des Kultusministeriums erwähnt, daß Dr. Arons seine für das Wintersemester bereits angemeldeten Vorlesungen an der hiesigen Universität wieder zurückgezogen habe. Es sollte dies auf einen Wink seiner Fakultät, beziehungsweise des Direktors der physikalischen Abtheilung geschehen sein, indem ihm anderenfalls wegen seiner sozialdemokratischen Agitation ein Disziplinarverfahren in Aussicht gestellt worden wäre. Jetzt theilt nun Dr. Arons dem „Vorwärts" mit, daß er seine Vorlesungen so, wie stets, an der Universität angezeigt habe, und daß die Mittheilung des Antisemitenblattes erfunden sei. Dieses fordert nun, falls seine Mittheilung sich nicht bestätige, und Dr. Arons seine Vorlesungen nicht freiwillig aufgebe, das Kultusministerium auf, das „Uebrige zu thun". SS Berlin, 17. August. In jüdischen Kreisen dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, daß der rühmlichst bekannte Herr S. I. Leszynsky, hier, Bayreutherstraße 24, am 10. September im Kreise seiner Familie das Fest seiner silbernen Hochzeit begehen wird. Nicht nur als langjähriger Subdirektor der Victoria hat sich Leszynsky einen wohlklingenden Namen gemacht, sondern auch, weil er für die Lehrerstiftung des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes Großes geleistet hat; sein hoher Wohlthätigkeitsstnn ist bekannt, und als Vorstandsmitglied der Synagoge an der Potsdamer Brücke ist der Jubilar seit einer Reihe von Jahren mit großem Eifer thätig. Lp. Aus der Provinz Posen, im August. Der Rechtsanwalt Nürnberg in Lissa ist zum Notar ernannt worden. — Die Gemeindevertretung in Ostr owo hat beschlossen, die Besetzung der dort seit zwei Jahren erledigten ersten Kantorstelle bis zum Frühjahr 1899 zu vertagen und behufs Besetzung der dortselbst vakanten Rabbinerstelle noch weitere Probekandidaten, darunter die Herren Dr. Kraus-Schönlanke, Dr. Lewin- Pinne und Dr. Bamberger-Schildberg zu berufen. — Ein aus New- Uork in Nakel zu Besuch weilender Herr Samuel hat dortigen Armen und Vereinen mehrere Hundert Mark als Geschenk überwiesen. — Die Synagogengemeinde in Pleß wird an Stelle des alten baufälligen Schulhauses ein neues nebst Badeeinrichtungen errichten. — Rabbinatskandidat Cahn aus Frankfurt a. M. ist zur Probepredigt nach Myslow itz berufen worden. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde daselbst hat beschlossen, die alte Synagoge und das dazugehörige Haus nebst Bauplatz zu verkaufen. — Dem emeritirten ersten Lehrer an der jüdischen Volksschule zu Schrimm, Neufeld, ist der Adler der Inhaber des Hohenzollernschen Hausordens verliehen worden. — Zum Kantor der jüdischen Gemeinde in T irsch tiegel ist zum 1. September er. der Kantor Bernhard Cassel aus Posen berufen worden. — Rabbiner Dr. Zolinski in Colmar i. P., der in der israelitischen Gemeinde daselbst seit dem 1. Juni 1897 amtirt, hat seine Stellung aufgegeben, nachdem er sein Bertrags-Verhältuiß mit der Gemeinde gütlich gelöst hatte. M. Hamburg, 14. August. Der Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder in Hamburg (Ferien- Kolonien) konnte auch in diesem Sommer 75 Kindern (50 Mädchen und 25 Knaben) den Genuß und die Erholung eines Landaufenthaltes während der Schulferien bereiten. Die erholungsbedürftigen Kinder waren in früheren Jahren stets in Oldesloe (Holstein) untergebracht, in diesem Jahre stellte der Besitzer des Hotel Marienthal in Wandsbeck sein freistehendes Haus der Verwaltung unentgeltlich zur Verfügung. Der geräumige Park des herrlich gelegenen Hotels und das naheliegende Wandsbecker Gehölz gewährte den Kindern bei schönem Wetter einen die Gesundheit fördernden Aufenthalt, das geräumige Haus mit seinen hohen, luftigen Zimmern, mit großer Veranda und prachtvollen Balkons versehen, eignete sich besonders zum Erholungsort für die Kinder. Die Aufsicht führten zwei Lehrerinnen, zwei Lehrer sowie eine geprüfte Schwester, die Verpflegung geschah nach genauer ärztlicher Vorschrift, jedoch. in streng ritueller Weise. Das Resultat des diesjährigen Aufenthaltes war ein besonders günstiges, die schöne Waldluft übte einen