Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Auerbach, mit dem ich einmal hier zusammen war, Jeden, der ihn am Morgen, während des Bechertrinkens am Marktbrunn, ansprechen wollte, abgewiesen hat, indein er den Finger an den Mund legte und sagte: „Pst! nicht mafsik sein!" Er hielt eben das Trinken auch für eine Andachtsübung, und es wäre zu wünschen, daß Viele ihm darin folgten. Das Plaudern am Morgen ist aber nur ein sanftes Vorspiel gegen das Treiben am Mittag. Das jüdische Leben spielt sich ja nun einmal zwischen dem Restaurant und der Synagoge ab, und man bekommt in der That eine bessere Meinung von der Rechtgläubigkeit der modernen ^uden, wenn man eine solche Völkerwanderung zwischen 12—1 Uhr in dem Restaurant von Glattauer mit erlebt hat. Schon längst hatte ich vor, eine ausführliche Biographie dieses für die Geschichte des Judenthums so wichtigen Mannes zu liefern, aber es fehlt mir leider noch das historische Material in gebührender Vollständigkeit. Ich muß mich deshalb nur auf einige Züge aus diesem theuren Leben beschränken. Viele behaupten, er sei grob. Ich kann es nicht finden. Man wird zwar, wenn man bei ihm einkehrt, oft als ein kecker Eindringling angesehen, dann aber mehr durch verächtliche Geberden als durch harte Scheltworte bestraft. Ich finde vielmehr, daß er Jeden nach seinem Verdienst behandelt, und daß er unschuldig ist, wenn etwa deshalb nur wenige unserer verehrten Speisekollegen vor Schlägen sicher sein sollten. Man erzählt, daß er einem Gast, der zu lange bei Tische saß, während Andere auf einen Platz warteten, ein Messer, welches die Initialen seines verehrten Namens (8. 6.) trug, vor die Augen gehalten habe mit den Worten: „Eß! Geh!" Aber das ist nur eine Legende. Ich habe sogar erst gestern gehört, wie er einen Gast am 28.Juli noch mit „Herr Cohn" ansprach, ein für die vorgerückte Jahreszeit gewiß seltenes Beispiel von Wirthshöflichkeit. Im Uebrigen hat Herr Glattauer alles Recht, auch diesmal recht stolz zu sein, denn wenn sein Kollege Baruch in Marienbad laut von sich rühmt, daß der Prinz von Orleans allsabbathlich bei ihm Schalet esse, so darf Herr Glattauer mit dem Stolz, der die Mannesbrust eines jüdischen Restaurateurs so schön ziert, kühn darauf antworten, daß bei ihm der Bruder des Khedive von Aegypten sogar alltäglich speise und das Treiben am Mittag mit stiller Verwunderung betrachte. Etwas ruhiger geht es ja in der Synagoge zu, aber auch hier drängen sich die Schaaren, und es ist eine Freude, zu sehen, wie selbst die fanatischsten Orthodoxen, die Derartiges zu Hause streng verpönen würden, sich hier an der Orgel und an dem modernen Gottesdienst erbauen. Nicht wenig tragen hierzu auch die wirklich geistvollen Predigten des Herrn Rabbiners Dr. Ziegler bei, der als Kanzelredner mit Recht sich eines guten Rufes erfreut, und der in seinen Reden fast immer wichtige Tagesfragen vom Standplinkt des Judenthums freimüthig, klar und zutreffend bespricht. Ob es in dem orthodoxen Restaurant von Beermann und Pisk ruhiger zugeht, weiß ich nicht, aber ich möchte es fast bezweifeln. In der vergangenen Woche mag es allerdings dort sehr still gewesen sein, denn die Palästinenser Weine waren völlig ausgegangen, und der Wirth konnte seinen Gästen keine Hoffnung machen, daß vor 14 Tagen eine neue Sendung ankommen würde. Im Uebrigen ist es mit der Karlsbader Orthodoxie auch nicht weit her, und ein komischer Kauz, der seinen Wirth fragte, ob er am Tischebeaw nicht wenigstens milchding, z. B. Forellen in Butter, genießen könnte, erhielt die Antwort, daß das nicht möglich sei, da so ziemlich alle Gäste auch am Nationalfasttage Fleischspeisen verlangten! Zwischen Synagoge und Restaurant, in der Parkstraße, die böse Menschen das Ghetto von Karlsbad nennen, habe auch ich diesmal mein Heim aufgeschlagen. Von jeher habe ich immer darauf gehalten, das „betoch ämi anochi joschew“, so gut es geht, zu erfüllen. Hier wird das freilich nicht immer leicht, da die Wohnungen gerade in dieser Prachtstraße immer theurer werden. Ich zahle für mein kleines Zimmer einen Preis pro Woche, für den ich einen Platz in der Neuen Synagoge für das ganze Jahr schon haben könnte. Wenn ich mir am Abend, mit Respekt zu sagen, die Stiefel ausziehen will, muß ich der Vorsicht wegen erst die Thür öffnen. Mein Zimmer ist so klein, daß ich kürzlich am Morgen, als ich noch recht verschlafen aufwachte, meinte, es sei völlig verschwunden. Zu meiner Beruhigung fand ich es aber am selben Tage mit 20 Gulden auf der Wochenrechnung wieder. Aber freilich, wozu braucht man in Karlsbad ein Zimmer, wo die Natur uns an schönen Tagen in ihrem Prachtsaal empfängt, wo es duftiger und angenehmer ist als in den glänzendsten Salons. Gerade heute ist ein solcher wundervoller Tag, ein so schöner, friedlicher und windstiller Tag, daß meine verehrten Berliner Glaubensgenossen, die jetzt so einträchtig im Kaiserpark sitzen und „Skat klopfen", gleichviel, ob sie konservativ oder liberal sind, wenn sie nun plötzlich zu einer Wahl einberufen werden sollten, sicher mit voller Einstimmigkeit die alten Repräsentanten wiederwählen würden. Und das will viel sagen! Ein „unvernünftiger Sonnenstrahl" will auch mein kleines Zimmer nicht verlassen. Ich schließe deshalb diesen Brief und eile ins Freie. Der Erste, der mir auf der Straße begegnet, ist mein Freund, der Synagogenvorsteher aus Ostpreußen, der jedesmal, so oft ich die Freude habe, ihm zu begegnen, mir in seiner biedern Weise die beruhigende Mittheilung macht, wie viele Pfund oder Kilo er wieder abgenommen. „Zweihundert Gramm!" ruft er mir triumphirend entgegen. „Nu reis' ich aber ab!" Als wir uns zum Abschied die Hand reichten, mußte ich mir, wenn auch schmerzlich, gestehen, daß es mir schon lange nicht auferlegt war, eine so schwere Last getragen zu haben. Aber ich mußte noch oft darüber Nachdenken, warum er mich immer mit „Herr Kollege!" angesprochen hatte. Sollte er mich nur verhöhnen wollen? Nein, wahrhaftig, ich habe nie danach gestrebt, Synagogenvorsteher in Ostpreußen zu werden. Nicht in meinen kühnsten Träumen habe ich solches zu hoffen gewagt. Es wird aber doch wohl nur die religiöse Kollegialität oder die balneologische gewesen sein, die der wohlbeleibte Freund meinte. Ich erinnere mich dabei einer der jetzt so hoch im Kurs stehenden Bismarck-Anekdoten. Man erzählt, daß der große Kanzler in seinen guten Tagen einmal Eduard Lasker mit „Guten Morgen, Herr Kollege!" angesprochen habe, worauf dieser schlagfertig erwiederte - „Durchlaucht wollen doch nicht etwa Rechtsanwalt werden?" Nein, nach der Würde eines Synagogenvorflehers — ich wiederhole es hier feierlich — hat mein bescheidener Sinn nie getrachtet. Doch darum keine Feindschaft. Möge der würdige Mann im Schatten seiner 90 Kilo die kommenden Tage fröhlich verbringen! 6. K. Briefkasten der Redaktion. L. K. in S. Da nach den Ministerialerlassen vom 13. Juli 1860, 28. März 1862, 16. Juli 1864 Dienstwohnungen „zur ordnungsmäßigen Ausstattung der Glementarschulstelle" gehören, sind Sie verpflichtet, in eine Lehrerdienstwohnung zu ziehen. § 7 des Regulativs über Dienstwohnungen vom 24. November 1880 spricht diese Verpflichtung noch des Näheren aus. Eine anderweitige Bermiethung der Räumlichkeiten kann nach dem Regulativ nur mit Genehmigung der Gemeinde refp. der Schulaufsichtsbehörde erfolgen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.