Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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393 Hochwürd'ger Vater! auserwähltes Rüstzeug Der Kirche, deren Glanz und Ruhm Du mehrst, Wir danken Dir, daß Du erschienen bist, An dieser Stelle mit dem Schwert des Heilands Zu richten Alle dort, die wir gerichtet. Fernando: Selig find die von Ungerechtigkeit Verfolgten! ihrer ist das Himmelreich, So spricht der Herr. In seinem Namen sprech' ich Hier selig, selig, alle die Verfolgten, Die Ihr gerichtet habt! Die Spanier sind entsetzt. Fernando bezeugt, daß er Alonzo getauft habe, und erwiedert auf Graf Benarentos Worte: Wir strafen fie, Die Gier nach Christenblut. Die Juden, tausendfach vergossen fie's Nach ihrem Teufelsbrauch zu ihren Ostern — das Folgende: Dies Höllenmärchen, seit Jahrhunderten Ein Freibrief für den Raub und Mord an Juden — Ich straf' es Lügen hier im Antlitz Gottes! Bei dem Gekreuzigten! ich straf' es Lügen! Mit höchstem Eidschwur, den ein Christ geschworen, Betheur' ich Euch: nie war es Judenbrauch! Der Juden ganzes Thun, ihr Müh'n und Sinnen Wuthvolles Meiden und klagwerthes Irren, Der Juden Sitt' und Brauch, Gesetz und Wahn — Ich kenn' es aus der eignen Jugend Jahren: Gebor'ner Jude, Hab' ich's selbst erfahren! Die Granden sind entsetzt. Fernando umfaßt das Kruzifix: Hier meinen Gott umarmend, will ich sterben: Die Ihr in Mordlust angelog'nem Frevel Blutzeugen sucht — Blutzeuge will ich sein: Daß Ihr die Wahrheit wie die Liebe schändet! Und Du, der beides ist — Du ew'ge Liebe, Du ew'ge Wahrheit, werde offenbar! Laß meinen Tod für Dich den Irren sagen. Daß Du gekommen bist in diese Welt, Vom Haß sie zu erlösen, von der Lüge! Gebt mir! (bie Fackel ergreifend) So trag' ich meine Todesflamme Vorleuchtend, Brüder, durch die Nacht der Pein! So leuchte fie in Aller Herz hinein. Die Euch geopfert fremder Missethat, Wer um fie weiß, wer ihrer theilhaft ist. Mag ewig, ewig, diese Flamme sehen: Und berg' er in den tiefsten Abgrund sich. Sie scheuch' ihn auf am Tage des Gerichts — So werd' ich einst vor ihm als Kläger steh'n! Unter dem Eindruck dieser Rede gesteht Thomas, der Diener des Don Pedro, daß sein Herr den Alcaldensohn erstochen und er auf Don Luis' Befehl die Leiche in Isaaks Haus geschafft habe. Die Gefangenen werden befreit — Rebecca ruft Fernando zu: Mann Gottes! Reiche mir die Bruderhand! , Nennt mich Dein Herz Dir nicht? Dich nennt das meine: Mein Bruder! Eleazar! Eleazar! Erkennst Du mich — Du Reiner! Unvergeßner! Denk' an Dein Weib! Ihr Geist blickt auf uns nieder. Und ruft herab: verzeih' ihr, denn fie büßte! . . . Ich bin erlöst, wenn Du vergeben kannst. O segne mich und segne den Gemahl mir. Den Sohn, den Du befreit, sein Weib — die Christin! Ihr Gatte Salomon spricht: » Was Du gethan für unser Volk, macht Dich Zum Schild Jehovahs auch als Kreuzesdiener. Mißkannt' ich sein Gesetz, Dein Beispiel mahnt mich: Jehovah spricht: „Ihr sollt den Fremden lieben. Denn selber war't Ihr Fremde in Aegypten." So liebst Du uns. Wir find, was Du einst warst, Der Andersgläub'ge ist der Glaubensfremde; Duldung und Lieb' ist das Gesetz Jehovahs, Duldung und Liebe will fortan ich lehren. Fernando: Lebt wohl! Mein alter Groll war längst begraben. Und ob Ihr einst die Seele mir gekreuzigt. Mit meines Mittlers Worten könnt' ich beten: Vergieb! Sie wußten nicht, was fie gethan! In Frieden lebt! Gott helf' Euch aus dem Elend Ich segn' Euch alle. — Ihr alle Die Ihr in Nacht umherirrt auf der Erde, Dem Licht vertraut! Das Auge Gottes wacht — Und Eurer Drangsal Nacht wird Osternacht. Noch heute, nach so vielen Jahrzehnten schwebt mir Dawisons ergreifende Darstellung des Franz Fernando vor Augen. Man greift heutzutage vielfach und mit Erfolg — enttäuscht von modernen und modernsten Schauerstücken — zurück in die Theaterlitteratur der verflossenen Jahrzehnte; auch Wolfsohns Drama verdient die Wiederaufführung. Nach schwerer Krankheit starb Wilhelm Wolfsohn zu Dresden am 13. August 1865. An seinem Grab erklang es: Stumm ist der Mund, dem süß und klar Der Rede Perlenstrom entflossen. Still steht das Herz, das treu und wahr Den Freunden sich allzeit erschlossen. Starr ist der Augen helles Paar, Draus sich der Liebe Strahl ergossen. — Vom Dichter, von dem Menschen sonder Fehle. Da blieb uns, ach, zu früh — „nur eine Seele". Welch eine Seele! Rein und echt. Geweiht dem idealsten Streben, In Mannesstolz erglüht fürs Recht, In Kindesunschuld gottergeben. Ein preisgekrönter Sieger im Gefecht Des Menschenadels mit gemeinem Leben — So, wie in Deinen Schriften es zu lesen. So, Edler, bist im Leben Du gewesen. Du dachtest frei, Dein Geist war kühn und groß. Doch hat ein frommes Herz in Dir geschlagen. „Ihr Theuren, Ihr, aus deren Schooß „Das Schicksal mich so weit davongetragen — „Eh' sag' ich mich vom eignen Leben los, „Als von dem Eueren mich loszusagen." Dem Wort aus Deiner „Osternacht", — Bewährung Gab ihm ein Leben, reich drum an Entbehrung. Wolfsohns Grab auf dem alten jüdischen Friedhof zu Dresden deckt ein Stein mit der Inschrift: „Dem edlen Dichter und Priester der Humanität errichtet vom Mendelssohn-Verein zu Dresden." Berthold Auerbach schrieb über Wolfsohn bei der Nachricht von seinem Tode*) seinem Vetter: „Unser Freund war eine so weiche Natur, daß ihm die eigentlich strenge Arbeit schwer wurde; er lebte sich in jeder Lebensbegegnung voll aus, er hielt Jeden für werth, seinen ganzen Lebensinhalt ihm konventionell darzubieten, und alles an ihm war voll unbestellbaren Seelenadels." Wer das Glück hatte, Wolfsohn im Leben näher zu treten, der wird das Bild des edlen, liebenswürdigen Menschen dauernd und verehrungsvoll im Herzen hegen. *) Berthold Auerbach, Brief an seinen Freund Jakob Auerbach. Band I. August 1863.