Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1898)
- Date
- 1898-08-19
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Proben dürften es rechtfertigen, wenn ich von befremdlichen Unterstellungen redete und nun die Erwartung ausspreche, daß alle ehrenhaften Redaktionen wie von dem irrthümlichen Berichte, so nun auch von dieser Berichtigung Kenntniß nehmen werden. Hochachtungsvoll Halle, den 23. Juli 1898. Prof. E. Kautzsch." * Die österreichischen Antisemiten wollen ein Jubelfest feiern, eine Gedenkfeier der Entstehung der antisemitischen Bewegung im Kaiserstaate. Eigentlich haben sie keine Veranlassung dazu, denkt man an die Enthüllungen und Korruptionsprozefse, an die Gasgeschichte und ähnliche schöne Dinge. Aber es scheint, daß sie die Bewegung, welche bereits einzuschlafen beginnt, durch solche künstliche Mittel wieder aufzufrischen beabsichtigen. Das Köstlichste bei der ganzen Geschichte ist aber nicht etwa der bombastische Aufruf des Festausschusies, sondern das Begleitwort der deutschen Antisemitenbrüder zu diesem Aufrufe, das wir wörtlich hierhersetzen müssen: „Die Gedenkfeier der Entstehung der antisemitischen Bewegung in Oesterreich ist auch eine Siegesfeier. Nach fünfzehnjährigem Ringen hat die antisemitische Partei in Oesterreich eine Macht gewonnen, mit der die Regierung rechnen muß, und der gegenüber das Judenthum nicht mehr aufzukommen vermag. Graf Badeni fiel erst, nachdem die christlichsoziale Partei offen gegen ihn auftrat, und Lueger sich zum Kaiser Franz Josef in die Hofburg begab. Die Gemeindeverwaltung Wiens ruht in antisemitischen Händen, und die Bevölkerung ist darüber glücklich. Die antisemitische Presse hat die jüdische nahezu vollständig verdrängt und beeinflußt das öffentliche Leben in einer vor fünf Jahren noch nicht für möglich gehaltenen Weise. Hand in Hand mit dieser Zunahme der antisemitischen Bewegung macht stch ein Wiedererwachen des christlich-nationalen Geistes und eine Gesundung des Wirthschaftslebens bemerkbar. Der kleine Mann leidet nicht mehr in dem Maße .wie früher unter der jüdischen Ausbeutung, er kommt wieder in bessere, gesundere Verhältnisse, Christenthum, Sitte, Liebe zum Vaterlande und zum Monarchen kommen wieder zu Ehren. Das alles find Erfolge des Antisemitismus. Wie im Wirthschaftsleben, so übt der österreichische Antisemitismus auch im politischen Leben einen entscheidenden Einfluß aus. Er ist auch berufen, dermaleinst die deutsche Frage zu lösen. Die Zeit ist nicht fern, in der der Kaiser seine Rathgeber aus de» Reihen der antisemitischen Partei wählt, und dann wird für das Deutschthum in Oesterreich die Zeit der Bedrückung aufhören. Neidlos überreichm wir den Führern der antisemitischen Bewegung Wiens die Palme des Sieges. Aber wir wollen die Siegesfeier nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Wir wollen den Gründen nachforschen, die den Wiener Antisemitismus von Sieg zu Sieg geführt haben, und wir wollen auch nicht vergessen zu prüfen, welche Ursachen den Rückgang des Antisemitismus in Deutschland verschuldet haben. In der klaren Erkenntniß dieser Gründe liegt der Anfang zum Besseren. Möge das Jubelfest in Wien auch ein Markstein für die Geschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland werden!" Wir haben uns damit begnügt, die markantesten Stellen im Druck zu sperren. Eines Kommentars bedarf dieses Begleitwort sicher nicht für unsere Leser, die die einschlägigen Verhältnisse aus den Briefen und Korrespondenzen unserer österreichischen Mitarbeiter zur Genüge kennen. * Die französischen Antisemiten sind bekanntlich mit der Ernennung des neuen Generalgouvernetirs von Algier, Lafferiere, gar nicht einverstanden. Sie haben daher am 7. d. Mts. eine Versammlung, abgehalten, um sich über die Haltung schlüssig zu werden, die sie dem neuen Generalgouverneur gegenüber behaupten wollen. Man hat sich geeinigt, nach wie vor die Vertreibung der Juden zu fordern und, sollte sie verweigert werden, denselben das Leben in Algier so schwer zu machen, daß sie freiwillig auswandern. In Ausführung dieser Beschlüsse kommen nun täglich neue Demonstrationen vor, die meist zu Zusammenstößen führen, da viele der Juden sich bewaffnet haben und im Fall eines Angriffes mit dem Revolver in der Hand sich ihrer Haut wehren. Am schlimmsten ist es am 12. d. Mts. gewesen. Eine Bande von 200 jungen Burschen zog unter Führung eines 16 jährigen Buchdruckergesellen durch die Straßen mit dem Rufe: „A bas les juifs!“ In der Straße Bab Azoun wurden die Fensterscheiben mehrerer Geschäfte eingeschlagen und ein Jude Namens Cohen durch Steinwürfe schwer verletzt. Die Polizei zerstreute die Bande, dieselbe sammelte sich aber in der Bab el Qued wieder und setzte ihr Zerstörungswerk fort. Ein Polizist, der den Rädelsführer verhaften wollte, wurde thätlich angegriffen und mußte in die nahe Präfektur flüchten, von wo aus dann Zuaven der Szene ein Ende machten. Man ist aber genöthigt gewesen, wieder, wie im Januar, die Gendarmerie vom Lande nach der Stadt Algier zu ziehen, da die Polizei gänzlich unfähig ist, die Unruhen niederzuhalten. ♦ Die großen Zeitungen in Mexiko erneuern den Aufruf an alle Juden, nach Mexiko zu kommen und sich in diesem freien Lande niederzulassen. Doch scheint es unbefangenen Beurtheilern, als wenn bei diesen Einladungen ein arger Haken wäre. Man stellt sich eben dort, wie in vielen anderen Ländern, die Juden als sehr reich vor und möchte ihre Kapitalien ausnützen für die Entwickelung des Landes. Arme Juden will man natürlich auch dort nicht haben, und wenn diese kommen würden, wäre die Enttäuschung eine sehr große. Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. 8 ist wohl eine allgemein bekannte Thatsache, daß der selige Sir Moses Montefiore ein großer Philanthrop und ein eifriger Verfechter der menschlichen Rechte seiner oft rechtlos behandelten Glaubensgenossen gewesen, weniger dürfte es jedoch bekannt sein, daß derselbe auch im gewissen Sinne die Interessen der jüdischen Litteratur gefördert hat. Davon giebt in erster Reihe die hiesige, vor mehreren Jahren von Sir Moses gegründete hebräische Bibliothek ein beredtes Zeugniß. Dieselbe enthält nämlich außer den hebräischen Werken, die er direkt angeschafft, auch eine ansehnliche Anzahl von meistens hebräischen Büchern, die speziell ihm zu Ehren verfaßt und ihm zugleich auch gewidmet worden sind. Jüdische Autoren, die in verschiedenen Weltgegenden gelebt und in allen möglichen alten und modernen Sprachen ihre Gedanken ausdrücken konnten, erachteten es für eine heilige Pflicht, dem Manne ihre Geisteskinder zuzuschicken, der stets in echt jüdischem Geiste lebte und handelte. Dem zufolge ist die moderne jüdische Litteratur mit mehreren interessanten Werkelt bereichert worden, die in Ermangelung deS besagten Motivs vielleicht niemals verfaßt und veröffentlicht worden wären. Daß aber auch Sir Moses solche Aufmerksamkeiten im