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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-19 · Heft 33 (19.8.1898) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 33 (19.8.1898)
Date
1898-08-19
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 Nie Woche. Berlin, 16. August. s stand zu erwarten, daß nach dem Tode des Fürsten Bismarck eine Hochfluth von Erinnerungen auftaüchrn werde, die bei Lebzeiten des eisernen Kanzlers nicht gut publizirt werden konnten. Dem zünftigen Historiker wird es einmal sehr schwer werden, hier die Spreu vom Weizen zu sondern. Am wenigsten aber haben wir daran gezweifelt, daß auch unsere Gegner auf diesem Gebiet thätig sein werden. Rascher als wir geglaubt, ist dies geschehen. Herr Anton Memminger, der sich bis jetzt hauptsächlich mit den Erinnerungen an den guten Tyras beschäftigt hat, veröffentlicht nunmehr auch in der „Neuen Baier. Landesztg." folgende Aussprüche des Fürsten Bismarck: , „Sie dürfen mir glauben, es war mir manchmal unangenehm, wenn gegnerische Zeitungen mich mit Bleichröder in intime Beziehungen versetzten, aber ich als vornehmer Mann konnte ihn nicht abschütteln und ihm den Tritt geben. Denn er hat mir im Jahre 1866 das zum Kriege nöthige Geld zur Verfügung gestellt. Das war ein Unternehmen, welches mich unter den damaligen Umständen, wo ich beinahe dem Galgen ebenso nahe stand wie dem Königsthron, zu Dank verpflichtete. Ich weiß alles, was Bleichröder als Mensch war und trieb, allerlei Dinge und Passtonen, wie ste eben derartige Leute mit minderer Bildung, ohne starkes flttliches Fundament und im üppigen Genuß unermeßlichen Reichthums zu treiben pflegen. Aber ich konnte und durfte ihm nicht übel begegnen, das widersprach meinen anerzogenen Anschauungen von verpflichtender Noblesse. Auch konnte ich ihm deswegen die Verwaltung meines mobilen Vermögens nicht nehmen; denn ich hatte keine Zeit, mich noch eingehend um solche Privatsachen zu kümmern und das Kursblatt täglich auswendig zu lernen. Bleichröder besorgte meine Vermögensverwaltung mit großer Sorgfalt, ohne dabei auf meine Gefälligkeit rechnen zu können; denn es ist die größte Gemeinheit, mir nachzureden, daß ich ihm irgendwelche Staatsgeheimnisse oder Weisungen zur Ausschlachtung kommender Ereignisse mitgetheilt habe. Daß Bleichröder diesen Wunsch hatte und vielleicht auch Dritten gegenüber als „Bismarck-Bankier" sich wichtig machte, gebe ich zu. das liegt ja in der Rasse und Branche (Geschäft). Das hätte ich auch beim Wechsel des Bankhauses nicht ändern können. Aus den jüdischen Männern kann man den' Raffenteufel weder mit Beelzebub noch mit Sammethandschuhen austreiben. Diese Meinung hatte der alte Kaiser, ohne daß er ste ausdrücklich bekannte. Aber als ich Max Kayser zum Vortragenden Rath befördern ließ, war er etwas ungehalten und wollte ihn niemals bei sich sehen. Er war ihm unsympathisch, und ich muß sagen, daß der alte Herr, wie manches Mal, so auch hier, eine bessere Nase hatte als ich selber. Wenn der Jude in eine hohe Stelle hinaufpousstrt ist, dann erwacht bei ihm der bisher mit Roth zurückgehaltene Hochmuth, jenes hochfahrende Bewußtsein und jener widrige Strebergeist, den schon Jesus und lange vor ihm die Propheten so gegeißelt haben. Um seine Ehrsucht zu befriedigen, entsagt er aller Rücksicht, und das hat auch dieser Kayser gethan; er ist mit allen Vieren in den neuen Kurs hineingesprungen und hat den alten Kurs für treife (unrein) erklärt. Das Seitenstück zu diesem Max soll der Moritz sein. Ich meine den Simson! Auch er soll eine Aeußerung beim Kaiser gegen mich gemacht haben, die ich gerade von diesem ernstm Mann nicht erwartet hätte. Aber ich kann es kaum für möglich halten, daß auch dieser sonst vornehme und ehrliche Mann, den ich schon im Jahre 1848 kennen gelernt, den ich hochgeschäht und ausgezeichnet, den ich zum Präsidenten des Reichsgerichts vorgeschlagen habe, ebenso wie die Anderen das Wort verdient: Etiam tu Brüte!" Diese Mittheilungen sind ohne Zweifel intereffant. Aber sie enthalten so viele thatsächliche Unrichtigkeiten, daß der Zweifel an der Authentizität des Ganzen mehr als begründet ist. Zunächst ist es absolut unrichtig, daß Bleichröder. 1866 das zum Kriege nöthige Geld zur Verfügung gestellt habe. Das kann Fürst Bismarck nicht gesagt haben. Daß Herr Memminger Dr. Paul Kayser mit dem Sozialisten Max Kaiser verwechselt, mag noch hingehen, daß er aber zum Schluffe den greisen Eduard Simson noch in die Affäre hineinzieht, ist um so verwunderlicher, als Fürst Bismarck notorisch noch in den letzten Monaten mit der größten Hochachtung von dem verdienstvollen Manne gesprochen hat. Im Ganzen dürfte die Frage wohl berechtigt sein, warum diese Erinnerungen erst jetzt auftauchen, während doch von jener Seite auch bei Lebzeiten des Fürsten Bismarck die Herren Bleichröder und Kayser nicht nur nicht geschont, sondern mit allen erdenklichen Bosheiten und Angriffen förmlich verfolgt wurden? Vor dem Grabe pflegen sonst politische Differenzen zu schweigen, vor dem Grabe Bismarcks haben wir Juden, wie rühmend anerkannt tverden muß,. Vaterlandsliebe und Takt genug besessen, die Verbitterung über die antisemitische Hetze, die wir seiner Konnivenz danken, zum Schweigen zu bringen. Nicht so die Antisemiten. Eines ihrer ältesten und radikalsten Organe, der „Freie Beobachter" in Nürnberg, findet den Muth zu der Beschuldigung gegen den großen deutschen Staatsmann, die wir niedriger hängen wollen, nämlich daß Bismarck den Krieg gegen Frankreich vom Zaun gebrochen habe, um „Dotationen für sich zu holen". Wir hätten den Lärm nicht hören mögen, den die antisemitische Preßmeute gemacht hätte, wenn ein „Judenblatt" etwas Derartiges geschrieben hätte. Den Parteigcnoffen laffen sie diese Frechheit natürlich durchgehen. Ja Antisemit! das ist ganz was Anderes. Die „Nationalliberale Korrespondenz" macht jetzt Stimmung für eine Gesetzvorlage über Erschwerung der Naturalisation in Deutschland. Sie meint, man müffe dabei allerdings anders Vorgehen als beim letzten Male, um auch die freisinnigen Stimmen für einen solchen Antrag zu bekommen. Nur die Verkoppelung mit antisemitischen Tendenzen habe den Antrag auf ein Verbot oder Beschränkung der Einwanderung fremder Juden zu Falle gebracht. Das heißt also: Man müffe diesmal vorsichtiger Vorgehen und dem Antrag ein nationales Mäntelchen umhängen. Aber vielleicht möchte die „Nationalliberale Korrespondenz" die sommerliche Muße dazu benutzen, um auf dem beliebten Wege der statistischen Ermittelungen herauszubringen, wie viele ausländische Juden im Deutschen Reiche überhaupt in den letzten zehn Jahren naturalisirt wurden? Wir behaupten, daß die Zahl eine so minimale ist, daß selbst die „Nationalliberale Korrespondenz" dann kaum noch den Muth hätte, einen dahingehenden Antrag zu befürworten. * Seit Wochen gehen die Antisemiten mit einer Rektoratsrede des Herrn Profeffors Dr. E. Kautzsch in Halle hausiren, in der der gelehrte Orientalist über den Zusammenhang des Raffencharakters der semitischen Volksstämme mit ihrer Stellung zur Kunst, zur Wissenschaft, zur staatlichen Organisation und zur Religion gesprochen, und in der er gegen die „Semiten" die schärfsten Angriffe gerichtet haben sollte. Sie hätten kein Organ für bildende Künste und für streng wiffenschaftliche Forschung auf dem Gebiete der Metaphysik und der Geschichte, der Staat wäre ihnen ein Geschäft und dergleichen schöne Dinge mehr. Mit aufrichtiger Gcnugthuung bringen wir deshalb die folgende Erklärung des Herrn Professor Kautzsch, den wir stets als einen ebenso großen wie humanen Gelehrten geschätzt haben, zum Abdruck: „Ueder die am 12. Juli von mir gehaltene Rektoratsrede sind in der vergangenen Woche in verschiedenen Blättern Berichte und Bemerkungen erschienen, di« den Sachverhalt in der befremdlichsten Weise entstellen. Ich vermag mir das nur so zu erklären, daß man zuerst von gewisser Seite begierig die Gelegenheit ergriff, mich Dinge sagen zu lassen, die man selbst zu sagen wünschte, und daß dann Andere diese

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