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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-19 · Heft 33 (19.8.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 33 (19.8.1898)
Date
1898-08-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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rvv..' 62. Jahrgang. Kr. 33. Berlin. 19. August 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteirrr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Phtlippson-Bonn. Verlags-Expedition: Berlin, Äervfalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. ÄtllsKÜ. Leitartikel r Wer setzt den jüdischen Lehrer auf den Aussterbeetat? —Die Woche. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. — Zacharias Frankel in Berlin. V. Von Dr. S. Bernfeld. — Wilhelm Wolssohn. II. Von Emil Lehmann. — Feuilleton: Die Rose von Saron. VIII. — Reisebriefe. Von G. K. - Briefkasten -er Redaktion. Der Gemeinde-ote. Korrespondenzen und Rachrichten r Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg. Hannover, Köln, Friedberg, Kirchhain, Karlsruhe, Wien, Budapest, Amsterdam, Paris, St. Petersburg. — Bon Rah nnd Fern. — Miseellen. Mer setzt den indischen Lehrer auf den Aussterbeetat? Berlin, 16. August. chon vielfach ist sowohl in der „Allgem. Zeitung des Judenthums" als auch in Versammlungen jüdischer Lehrer darauf hingewiesen worden, daß jährlich eine Anzahl jüdischer Lehrerstellen eingeht, daß die aus dem Seminar tretenden Abiturienten infolgedessen nur sehr schwer, ja oft gar keine Stellen erhalten und gezwungen sind, etwas anderes zu ergreifen, um ihr Dasein zu fristen. An christlichen Schulen werden jüdische Lehrer nicht angestellt, aus Simultanschulen sucht man sie zu verdrängen, ja, große Städte, wie Bromberg, Breslau, Königsberg, Danzig rc., haben an ihren Kommunalschulen auch nicht einen einzigen jüdischen Lehrer aufzuweisen. Schon seit Jahren, seit Beginn der antisemitischen Bewegung, sehen wir, wie die jüdischen Lehrer aus dem Kommunaldienst größerer Städte verdrängt werden, leider sehen wir aber auch, wie einzelne jüdische Gemeinden selbst alles Mögliche thun, um die Lehrer ihres Glaubens los zu werden, um ihre Kinder in die christlichen Schulen schicken zu können. Es ist traurig, dies sagen zu müssen, aber es wäre noch verhängnißvoller, es zu verschweigen oder gar zu vertuschen. Steht der jüdische Lehrer vielleicht seinem christlichen Kollegen in geistiger und gesellschaftlicher Beziehung nach, daß man ihn verdrängt und mißachtet? Lernt ein Kind bei einem nichtjüdischen Lehrer mehr als bei einem jüdischen, daß man dieses mit Vorliebe zu Ersterem in die Schule schickt? Wir glauben nicht, daß Jemand den Muth haben wird, solches behaupten zu können! In den letzten Tagen ging durch die Tagesblätter die Notiz, daß in Kolmar i. Posen eine Lehrerstelle an der jüdischen Schule eingehe, und die bis dahin zweiklasstge Schule vom 1. Oktober ab eine einklassige sein wird, trotzdem dieselbe von 65 Kindern besucht wird und der Staat nur die gesetzliche Beihilfe gegeben hat. Es wird unsere Leser interessiren, die Geschichte dieser „Verwandlung" kennen zu lernen, wie sie in einem Schreiben von dort mitgetheilt wird: „Als im Februar d. I. dem früheren ersten Lehrer zu Kolmar i. P., Lewin, die Mittheilung zuging, daß er vom 1. April nach Schneidemühl versetzt fei, entstand in den Köpfen einiger Gemeindemitglieder, die fich nie für die jüdische Schule interesstrt haben, der Gedanke, bei der lönigl. Regierung zu Bromberg zu petitioniren, die Schule zu einer einklasfigen zu machen. Die Herren glaubten, alsdann nicht nur Geld zn sparen, sondern womöglich noch etwas herauszubekommen. Di« Petition wnrde abgeschickt, und wer waren die Petenten? Schulvorsteher und die meisten Repräsentanten der jüdischen Gemeinde, Leute, die gewählt wurden, die Interessen der Mitglieder wahrzunehmen. Unter den Petenten befanden sich Personen, die auch zugleich Stadtverordnete sind — selbstredend fehlte nicht der Stadtverordneten-Borsteher —, und Männer, die durch ihre Bildung und Stellung berufen wären, geistige Führer der Gemeinde zu sein, die sich aber um dieselbe herzlich wenig kümmern. Mit knapper Roth brachten die Herren ca. 20 Unterschriften zusammen, diejenigen mit eingerechnet, die Kinder in Abwesenheit ihrer Bäter ohne Wissen und Willen derselben unter die Petition setzten. (Was alles im 19. Jahrhundert gemacht wird!!) Eine Gegenpetition mit ca. 50 Unterschriften fand keine Berücksichtigung, da in diesen Tagen die Nachricht einlief, daß die jüdische Schule in Kolmar i. P. vom 1. Oktober ab in eine einklasstge, verwandelt wird. Bemerkt sei aber, daß die Schule am 1. April kommunalisirt worden ist und auf den städtischen Etat übergeht. Ein jüdischer Lehrer wird abgeschafft, dafür werden am 1. Oktober zwei evangelische und ein katholischer Lehrer angestellt werden." Wie wohlüberlegt die Handlungsweise jener Herren war, die tzie kleine Gemeinde um ihre trefflich geleitete Schule brachten, illustrirt der Umstand, daß sie etwa vierzehn Tage später in der Stadtverordnetensitzung der Umwandlung der Gemeindein eine Kommunalschule allerdings schweren Herzens zustimmten, so daß die jüdische Bevölkerung der Stadt, welcher zwei Lehrer zuviel waren, nun gar zu den Gehaltsbezügen von 8 evangelischen und 5 katholischen Lehrern beisteuern muß. Ein Kommentar zu diesen Thatsachen ist wohl unnöthig. Es liegt uns nun fern, behaupten zu wollen, daß. alle Gemeinden in ähnlicher Weise mit ihren Schulen und den Lehrern umgehen; ja, wir können sofort ein Beispiel vom Gegentheil geben. In Deutsch- Krone in Westpreußen existirt eine zweiklasstge jüdische Kommunalschule, die kaum 50 Kinder zählt. Bor zwei Jahren beschlossen die Stadtverordneten, dieselbe in eine einklassige zu verwandeln. Der Beschluß wurde mit Genehmigung der Regierung ausgeführt. Die Geüreindemitglieder petitionirten ein Jahr hindurch um Wiederherstellung der zweiklassigen Schule, aber vergeblich. Was that der Vorstand der jüdischen Gemeinde? Er beschloß, der Stadt aus der Korporationskaffe eine jährliche Beihilfe von 360 Mark zu geben, und Deutsch-Krone hat wiederum eine zweiklasstge Schule. Es ist aber dringend nothwendig, von maßgebender Stelle die kleinen jüdischen Gemeinden, namentlich in Posen und Westpreußen, zu ersuchen, so lange wie möglich ihre jüdischen Schulen zu halten, sonst wird der jüdische Lehrer in der That von der jüdischen Gemeinde selbst auf den Aussterbeetat gesetzt.

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