Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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«2. Jahrgang. 4tc. 32. Weikage Dvv Gemeind zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenIHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. k. Berlin, 5. August. Unter sehr großer Betheiligung, besonders seitens des Aerztestandes, wurde gestern der Assistenzarzt im Kaiser Friedrich-Kinderkrankenhause prakt. Arzt Dr. med. Alfred Hulisch auf dem Friedhose in Weißensee zur ewigen Ruhe gebettet. Durch ein scharlachkrankes Kind infizirt, wurde er als Opfer seines Berufes im blühenden Alter von 28 Jahren durch den grausamen Tod jäh niedergestreckt. Der Frühvollendete war mit den herrlichsten Vorzügen des Geistes und des Gemüthes ausgeftattet. Alle, die ihn kannten, liebten ' und schätzten ihn, und sie alle betrauern mit der schwer heimgesuchten Familie des Entschlafenen den Verlust eines guten und edlen Menschen. Das fand bei der Bestattung den beredtesten Ausdruck. Aus weiten Kreisen wurden prachtvolle Kränze als letzter Liebesgruß niedergelegt. Das Kuratorium, die Direktoren, die Anstaltsärzte, die Krankenschwestern des Kinderkrankenhauses ehrten den Hingeschiedenen durch Kranzspenden. Herr Geh. Medizinalrath Prof. Gluck widmete dem Verblichenen einen warmherzigen Nachruf, in welchem er ihn als Märtyrer feierte. Die Trauerrede hielt der Vater des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Hulisch aus Herford. Der seelisch kämpfende, seinen Schmerz überwindende Mann, der einen berechtigten Stolz und eine schöne Hoffnung zu Grabe trug, riß durch seine Worte die Trauerversammlung zu Thränen hin. Des Allmächtigen Hand, der die leidbetroffene Familie so hart getroffen, wolle fie aufrichten und das Schwere ihres Mißgeschickes überwinden helfen. Dem srühvollendeten treuen Freunde rufen wir zu: „Ruhe in Frieden!" S^S Berlin, 8. August. Auch bei der diesmaligen Preisvertheilung an der Universität sind jüdische Studenten wie fast in jedem Jahre zu ehrender Anerkennung gelangt. Den städtischen Preis, der von der medizinischen Fakultät gestellt wurde, hat der Kand. med. Arthur Fränkel aus Neustadt i. Schl., den historischen Preis der philosophischen Fakultät Bruno Rappaport aus Nordhausen erhalten. Die theologischen Preise wurden diesmal überhaupt nicht vertheilt. §£5 Berlin, 9. August. Politische Blätter melden, daß der sozialistische Privatdozent an der hiesigen Universität, Dr. Leo Arons, nachdem die Privatdozentenvorlage Gesetz geworden ist, seine für das Wintersemester bereits angemeldeten „Vorlesungen" an der Friedrich- Wilhelm-Universität wieder zurückgezogen habe. Wie es heißt, ist dies auf einen Wink seiner Fakultät, beziehungsweise des Direktors der physikalischen Abtheilung, geschehen, indem ihm anderenfalls wegen seiner sozialdemokratischen Agitation ein Disziplinarverfahren in Aussicht gestellt worden sein soll. Eine Bestätigung dieser Nachricht bleibt abzuwarten. L2 Berlin, 10. August. Am Polytechnikum zu Charlottenburg studiren bekanntlich viele jüdische junge Leute aus Rußland, Polen und Rumänien. Sie find fleißig, begabt, und ruhig gehen sie ihres Weges, ohne aufzufallen oder Jemand zu stören. Und doch richtete sich hauptsächlich gegen sie die zu Beginn dieses Jahres erlassene und mit „der Ueberfüllung" der Anstalt motivirte Verfügung, daß Ausländern der Besuch der Abtheilung für Maschineningenieurwesen verboten wurde. Dieser damals mit einiger Verwunderung aufgenommene Erlaß kommt nun erfreulicherweise wenigstens „bis auf Weiteres" wieder zur Aufhebung, nachdem einige bauliche Veränderungen in der Hochschule vorgenommen sind. Die Aufhebungsverfügung des Kultusministers an den Rektor des Polytechnikums erfolgt allerdings nur mit der ausdrücklichen Erklärung, daß eine Gewähr für die Zuweisung von Plätzen in den überfüllten Uebungskollegien, insbesondere für die Uebungen in „Maschinenlehre", „Maschinenelemente" und „Dampfmafchinenbau", nicht geboten wird. *** Aus Westpreußen, im August. Wie im vorigen, so wird auch in diesem Jahre die Synagogengemeinde Dirschau für die hohen Feiertage zur Aushilfe sowie Verschönerung und Hebung der Andacht durch Predigten einen Rabbinatskandidaten vom BerlinerRabbiner-Seminar engagiren; diese Einrichtung bewährte sich gut, indem der Rabbinatskandidat Vorzügliches leistete. Diese Art Engagement für die heiligen Feste steht in unserer Provinz nicht vereinzelt da und findet immer mehr Nachahmung. — Die neue Synagoge in Marienburg, die ein stattliches, herrliches Aussehen hat und die Zahl der interessanten Baulichkeiten dort vermehren und der Stadt zur Zierde gereichen wird, ist nun fertiggestellt worden, und wird am 16. d. Mts. die Einweihung stattfinden. Der neu gewählte Kultusbeamte dortselbst ist nicht, wie aus Posen irrthümlich berichtet wurde, Rabbiner, sondern Kantor und Lehrer und hält auch, wie viele andere Kollegen, Predigten. — Herr Löwenstein in Elbing ist am29. o. Mts. von der Stadtverordnetenversammlung zum unbesoldeten Magistratsmitglied gewählt worden. In dieser Stadt beschäftigt unser Glaubensgenosse Herr Kommerzienrath Löser, in Firma Löser und Wolfs, Cigarrenfabrik, 2708 Personen: 2290 in Elbing, 238 in Braunsberg, in Berlin und Bremen 180, und unterhält in Berlin 54 Verkaufsstellen. — Kürzlich starb der langjährige treue Lehrer der jüdischen Gemeinde in Schneidemühl, Elementar - lehrer Josef, im Badeorte Kolberg und wurde auf Wunsch der Familie des Dahingeschiedenen und infolge telegraphischer Bewilligung der Beerdigungskosten seitens des Synagogenvorstandes in Schneidemühl in Kolberg zur ewigen Ruhe bestattet. tz. Nordhausen, 6. August. Am 4. d. Mts. fand die Neuwahl der durch Wahlturnus ausscheidenden kleineren Hälfte des Repräsentanten-Kollegiums der hiesigen Synagogen - Gemeinde statt. Es wurden die Herren W. Oppenheimer, Emil Hirsch, Hermann Collin wieder und an Stelle des durch Tod ausgefchiedenen Herrn Selmar Plaut Herr Horst Pinthus neu gewählt, so daß das Kollegium jetzt außer diesen Herren aus den Herren Jos. Marburg, Herm. Pintus, Stadtrath Julius Bach. Kaufmann Heilbrun, Ed. Lichtenstein besteht. Stellvertreter derselben sind Herr Selmar Strauß und Herr Theodor Wolfs. Zum Gemeindevorstand gehören die Herren Jul. Herrmann, Vorsitzender, Jacob Ballin, H. Z. Oppenheimer sowie die Herren Ad. Eisner und Dr. C. Stern als Stellvertreter. z. Gelsenkirchen, 4. August. Am 30. v. Mts. ist hier im Alter von 58 Jahren einer unserer besten und beliebtesten Männer, der erste Vorsteher unserer Gemeinde, Heinrich Spiegel, nach zweijährigem qualvollen Leiden uns durch den Tod entrissen worden. Nicht nur seine Familie hat ihn verloren, sondern auch eine große Gemeinde beklagt den Verlust eines treu bewährten Führers, der mehr als 20 Jahre an der Spitze der Gemeindevertretung gestanden hat und durch seine liebenswürdige Persönlichkeit und fein friedliches Wesen manchen Gegensatz auszugleichen vermochte. Der Verstorbene hat Liebe gesät und darum auch nur Liebe geerntet. Davon legte der Leichenzug Zeugniß ab, der sich Dienstag Nachmittag zum Friedhof bewegte. Der Leichenwagen war mit kostbaren Kranzspenden ganz bedeckt. Der Schalker Kriegerverein, dessen Vorstand der Dahingegangene 25 Jahre lang angehörte, hatte einen prächtigen Kranz gespendet und schritt hinter der Oberklasse der israelitischen Volksschule vor dem Leichenwagen her. Auf dem Friedhof hielt der Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr Kaufmann, die Grabrede, die einen tiefen Eindruck zurückließ, weil sie aus ergriffenem Herzen gesprochen war und so recht das tiefe Gefühl der Liebe, Verehrung und Dankbarkeit jedes Einzelnen wie der ganzen Gemeinde zum beredten Ausdruck brachte. Im Namen des Vorstandes und der Repräsentanten rief Herr Dr. Wallerstein dem Verstorbenen den Dank der Gemeinde nach für die Opferwilligkeit und Pflichttreue, mit welcher er sein Amt verwaltet. Sein Verdienst sei es gewesen, daß das Ansehen der jungen, rasch aufgeblühten großen Gemeinde nach innen und außen gestiegen ist. Kein Auge blieb thränenleer, als dann zum