Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-12 · Heft 32 (12.8.1898) · p. Seite 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228290--54812-3290981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

384 Sabbath vor dem 9. Ab (SchcibboS Chason) in der Synagoge in gebührender Weise gefeiert. Trotzdem die Synagoge im Jahre 1890 wesentlich vergrößert worden ist, erweist sie sich mit der zunehmenden Anzahl der jüdischen Badegäste wiederum als zu klein, und es wäre ein verdienstliches Werk, Wohlthäter dafür zu interessiren, die durch erhebliche Spenden das Kuratorium — eine Gemeinde flieht es hier selbstverständlich nicht — in den Stand setzten, die Synagoge abermals zu erweitern und den Gottesdienst würdiger zu gestalten. Soweit über die Förderung des Seelenheiles unserer Glaubensgenossen. Ueber die nicht unwesentliche Leib- und Magenfrage möchte ich im nächsten Briefe des Näheren mich auslaffen. A. L. Littrrarifche MittheUungen. ----- Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde hat bereits in diesen Tagen das zweite Heft ihrer interessanten Sammlungen über Sitten, Gebräuche, Sagen und alle sonstigen volksthümlichen Erscheinungen aus der Vergangenheit und Gegenwart Israels herausgegeben. Die jüdische Volkskunde ist eben ein anderer Zweig der Kulturgeschichte des Judenthums. Sie ist gewissermaßen das Spiegelbild des jüdischen Lebens und Treibens im Ghetto! Der Jude der Vorzeit hatte seinen eigenen Jdeenkreis. Abgesondert von allen andersgläubigen Nachbarn, sollte er eigentlich im Sinne seiner Unterjocher geistig verkommen, um dann als moralisch und geistig verkrüppeltes Schreckbild von seinen Widersachern desto besser und erfolgreicher ausgebeutet zu werden. Aber je mehr der Jude unterdrückt und separirt wurde, desto besser entwickelte sich sein Talent. Die Noth machte die Juden erfinderisch und erzeugte in den jüdischen Familien den sogenannten Galgenhumor, der zu witzigen Bemerkungen und erheiternden Handlungen förmlich anspornte, die eben Materialien zu Sagen, Erzählungen und Dichtungen lieferten, die das eigentliche Gebiet der Folkloristik sind. Das Ghetto hat für Langeweile keine eigentliche Benennung; denn thatsächlich war „die Welt, in der man sich langweilt" in den Ghettomauern ganz und gar unbekannt. Der Familienvater und die Söhne waren in der freien Zeit Frequentanten des Bet-Hamidrasch, wenn sie nicht selbst in den weiten Hallen der jüdischen Wissenschaft forschen und eifrig „lernen" konnten. Die Töchter hatten im Hause mitzuhelfen, um dereinst die Führung des Haushaltes auf Grund praktischer Erfahrungen übernehmen zu können. Es gab auch gebildete Töchter im Ghetto, aber diese wurden in erster Reihe dazu angehalten, persönlich an allen Arbeiten des Haushalts theilzunehmen, und erst in der freien Zeit konnte ein solches lernbegieriges Mädchen sich mit litterarischer Lektüre befassen. Die jüdische Tochter war daher wohlerzogen und eine treue Gefährtin ihres zukünftigen Gatten. Sie wurde seine Beratherin in allen Lagen des Lebens. Scheidungen waren rar und gehörten zu den Seltenheiten. Sie wurden auch erschwert, und dies mag auch die Ursache gewesen sein, daß sich eine so große Litteratur über Ehescheidungen entwickeln konnte. Denn jeder Scheidungsfall wurde ins Unendliche aufgebauscht; zum abschreckenden Beispiele der Nachbarn sollte er dienen, und diese Methode hatte einen ziemlich guten Erfolg! Ganze Bücher könnte man über die Vortheile dieses vielgerühmten jüdischen Familienlebens schreiben. Aus diesem innigen Familienleben entwickelte sich der Kehilaverband, eine Sozietät, die auf gegenseitiger Hilfe und Nothwehr beruhte und allen Anstürmen von feindlicher, äußerer Seite wacker und kampfgerüstet widerstehen konnte. Daß man aus solchen Zeiten und von solchen Menschen wie aus einem unerschöpflichen Born Charakteristiken und Eigenthümlichkeiten, Sagen, Erzählungen und Gebräuche gewinnen kann, das bedarf wohl ' keiner näheren Erklärung. Die jüdische Volkskunde hat daher ein großes Feld für ihre Thätigkeit zur Verfügung. Es handelt sich nur in erster Reihe darum, recht viele Mitarbeiter für die Sammlung und Aufzeichnung volkSthümlicher Erscheinungen im Judenthum zu finden, und das ist doch nicht schwer! P In jeder jüdischen Gemeinde sollte ein Freund der Wissenschaft des Judenthums sich dieser kleinen Mühe unterziehen; denn jede jüdische Sage, jedes jüdische Bonmot ist ja nichts anderes als die humoristische oder ernste Kundgebung des jüdischen Charakters über die Vorgänge im Gemeinde- und Familienleben des Judenthums. Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg hat mit der Begründung und Förderung jüdischer Folkloristik insbesondere der Kulturgeschichte des Judenthums einen sehr schätzenSwerthen Dienst erwiesen; denn diese gelehrte Vereinigung ist die einzige Korporation in der ganzen Gelehrtenwelt, welche ausschließlich nur jüdische Folkloristik berücksichtigt, während die anderen Folkloristen international in dieser Richtung vorgehen und nur zeitweilig, und dabei in gedrängter Kürze, jüdisch-volkskundliche Produkte veröffentlichen. Mögen alle Freunde und Förderer der jüdischen Wissenschaft der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg durch Beiträge ihre Sympathie bezeugen! Die wackeren Herren jüdischen Folkloristen in Hamburg verdienen die weitgehendste Förderung ihrer Bestrebungen. — „Die Herrlichkeit Karmels und Sarons" ist der Titel einer Sammlung religiöser Lieder, die Provinzial-Rabbiner Dr. Hirschfeld in Gießen im Verlag von Emil Roth daselbst veröffentlicht. Die Gedichte, die nach innerer und äußerer Anlage recht mannigfaltig sind, zeichnen sich durch eine edle, dichterisch abgeklärte Sprache wie durch einen warmherzigen und gemüthvollen Ton recht vortheilhaft vor ähnlichen Versuchen aus. Das hübsch ausgestattete Bändchen enthält zumeist treffliche Bearbeitungen jüdischer Sagen und Legenden ernsten und heiteren Inhalts nach Talmud und Midrasch in den verschiedensten Reimformen und Versmaßen, aber auch selbständige lyrische Gedichte voll zarten religiösen Empfindens werden uns mitgetheilt. Zum Schluß hat der Verfasser eine Anzahl von Psalmen aus dem Hebräischen in deutsche Reimverse übersetzt. Diese Uebertragung ist ihm so gut gelungen, daß man einerseits nie die Empfindung hat, nur eine Uebersetzung zu lesen, andererseits die Genauigkeit bewundern muß, mit der der Uebersetzer seinem Original gefolgt ist. Das Büchlein ist daher allen Freunden religiöser Dichtung wie zum Gebrauche beim Religionsunterricht aufs Wärmste zu empfehlen. Rabbiner Dr. M. Beermann. Kprechsaai. <M m 22. d. Mts. wurde in der hiesigen Central-Armenkommission ein Atz scheinbar sehr anständiger, aber gleichzeitig sehr kranker junger Mann überaus ausreichend unterstützt, und zwar nach Vorlegung eines freilich sehr inkorrekt stilisirten Schreibens, da er als Franzose nicht deutsch spricht und ebenso wenig versteht. In Luxemburg ansässig, ist er nach diesem Schreiben in seiner Funktion als Elektrotechniker stark verunglückt und soll zur Herstellung nach Königsberg, woselbst momentan seine Eltern weilen, in klinische Behandlung. Entgegen unserer Weisung zur sofortigen Weiterreise über Stargard, wohin wir ihn sehr warm empfahlen, hat er zunächst noch hier weitere Kassen geprellt unter Vorlage von Anschriften mit Namensunterzeichnung einzelner hiesiger Herren, und reiste demnächst nach Prenzlau. Dem dortigen Vorsteher erschienen die von dem Mosai Meyer resp. Freier, wie er im obenerwähnten Schreiben benannt war, vorgelegten, angeblich hier erhaltenen Empfehlungen verdächtig, was wir auf dessen telephonische Anfrage auch sofort bestätigten. Die betreffenden Schreiben mit gefälschten Namensunterschriften sind bereits in unserem Besitz. Besagter Mosai Meyer (Freier) ist demnach ein gefährlicher Hochstapler. Hochachtend M. Hohenstein, Stettin, 27. Juli. derzeitiger funktionirender Kommissar des Centralbüreaus. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.