Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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383 Der Edomiter stand noch lange am Ufer des Meeres. Aber seine Gedanken weilten weder bei dem Schelm noch in der Wohnung Ibas, wohin Jerobeam eingedrungen-sie schweiften zagend hinüber nach den fernen Küsten des Pyramidenlandes. (Forts, folgt.) ««ML*- Vom Nordseestrande. Norderney, 24. Juli. ndlich — endlich haben wir den Staub der Großstadt von uns abgeschüttelt, endlich athmen wir Luft, wirkliche, veritable Luft, frei von dem Kohlenstaub, den so zahlreiche Essen in die Atmosphäre Berlins aushauchen, wirkliche unverfälschte Luft, wie Gott sie schuf, vermischt mit dem heilsamen Salzgehalt des Meeres. Endlich können wir die Worte der Horaz'schen Ode: beatns Ule, qui procul negotiis, auch auf uns beziehen. Weit hinter uns liegen die Kleinigkeiten des Lebens, hinweggescheucht sind die Alltagssorgen, die Quälereien, die wir ja meist uns selbst bereiten. Hier, im Anblick des unendlichen Meeres, fühlen wir auch dem Unendlichen uns näher; das Großartige der Schöpfung läßt auch des Schöpfers uns gedenken, wir verspüren den Hauch seines Mundes, den Lebensodem, der von ihm uns entgegenweht. Auf dem festen Grunde am Rande der vielbeweglichen Fluth verspüren wir ganz besonders seinen allgewaltigen Schutz. Ob auch die Wogen noch so hoch gehen, ob auch das Meer immer weiter vorzurücken scheint und in seiner unersättlichen Gier das Land zu verschlingen droht — „Du setztest Grenzen, die es nimmer überschreite, daß es nicht wiederkehre, die Erde zu bedecken"?) Ebbe und Fluth, Fluth und Ebbe — welch ein Bild des menschlichen Lebens! Aber auch welch ein Trost für den Beschauer! Wie sehr auch die „Fluthen der mächtigen Gewässer" uns immer mehr rückwärts drängen, „sie erreichen uns nicht".2) Gerade wenn die Fluth am höchsten, beginnt die Ebbe, das Wasser geht allmälig zurück, und wo vor Stunden mächtige Schiffe über die Wogen dahinglitten, ist jetzt eine trockene Ebene, in welcher Kinder kunstgerechte Sandbauten aufführen, die wiederum nach Stunden von der Fluth hinweggespült werden. Das Wasser rückt vor und geht zurück nach einem ewig feststehenden Naturgesetz, dessen Walten sich auf die Minute im Voraus berechnen läßt. Auf Fluth folgt Ebbe, auf Ebbe Fluth"— nur nicht in unserer Reisekasse — leider! Da schreitet die Ebbe unaufhaltsam fort, bis ihr tiefster Stand uns zwingen wird, zu den heimischen Penaten zurückzukehren. Doch hinweg mit den Zukunftssorgen! Lasset uns der frohen Gegenwart leben! Da stehe ich noch immer am Ufer des Meeres, sehe der Brandung zu und dem ewig wechselnden Spiele der Wellen, höre das Tosen derselben, das mächtig und immer mächtiger anschwillt und im Stande wäre, mit Schrecken uns zu erfüllen, wenn wir nicht wüßten, daß „mächtiger als die Stimmen mächtiger und zahlreicher Gewässer, der Brandungen des Meeres, in den Höhen der Herr schaltete",«) wenn wir nicht das Vertrauen hätten, daß er, „der das Meer aufwühlte, die hochgehenden Wogen wieder besänftigt", daß, „vor seinem Donnerworte die Gewässer zurücktreten, vor seinem Machtgebote sie fliehen".«) Immer wieder kommen die Psalmenworte uns in den Sinn, und auch die herrlichen Meeresschilderungen der Psalmendichter zeigen uns, wie sehr unsere Altvordern alle Vorgänge in der Natur zu beobachten verstanden, wie sie besonders sich zum Meere hingezogen fühlten. Und die Sehnsucht der an den Strömen Babels Trauernden, in den weiten Ebenen Sinears Verbannten nach dem „heiligen Lande", die ja in diesen ersten Tagen des Monats Ab uns so nahe berührt, wird nicht zum Mindesten auch dem Gestade des „äußersten Meeres, gen Sonnenuntergang" gegolten haben. Wie unsere Vorfahren rufen auch wir beim Anblick des unendlichen Meeres aus: „Wie viel find Deiner Werke, o Herr, sie alle hast Du mit Weisheit gemacht, voll ist die Erde Deiner Güter — dort das Meer, groß uird weit!"«) Wiederum ist es das Meer, welches eine so besondere Anziehungskraft auf den naturfreudigen Psalmendichter ausübt. Auch uns zieht es immer wieder an den Meeresstrand, auch wir wollen dort die Weisheit des Schöpfers bewundern und seine Güte, die Herrlichkeit und Vollkommenheit seiner Schöpfung. Doch — Die Welt ist vollkommen überall. Wo nicht der Mensch hinkommt mit seiner Qnal. Dieses Dichterwort gilt auch vom Strande der Nordsee. Da ist längs der ostfriesischen Küste ein Kranz von Inseln mit erfrischender, herrlicher Seeluft, prachtvollem Strande, kräftigem Wellenschläge, einladend zum Besuche, zum Tauchen in die heilkräftigen Fluthen — wenn nicht auf einige derselben jene häßliche Krankheit verschleppt wäre, die uns den Aufenthalt unerträglich machte, jene Krankheit, die hier „Dem Pfeile, der am Tage flieget, gleicht. Dort der Pest, die im Verborgenen schleicht"«) — ich meine den Antisemitismus, von dem eine Anzahl der deutschen Nordseebäder heimgesucht ist. Welch schöne und rühmliche Ausnahme macht da das herrliche Norderney oder, wie es amtlich heißt: „Das königliche Nordseebad Norderney". Dieses Bad verdient die Bezeichnung „königlich" in doppeltem Sinne. Hier sind alle Gäste gleich willkommen, keine Spur jener verletzenden und zugleich unsinnigen Ausschließungen, die auf den benachbarten Inseln den Aufenthalt uns unmöglich machen. Die königliche Verwaltung würde so etwas nicht aufkommen lassen, und die Einwohner nehmen das Geld ebenso gern von Juden wie von Christen, wenn's sein muß, auch von Muhamedanern, Norderney ist auch die einzige ostfriesische Insel, welche eine, wenn auch kleine, einheimische jüdische Bevölkerung hat. Das ist ja das besonders Merkwürdige am Antisemitismus, daß er gerade da am heftigsten auftritt, wo es keine Juden giebt, wie z. B. in Sachsen, und daß bei zunehmender jüdischer Bevölkerung die antisemitischen Vorurtheile schwinden. Wenn an diesem Vorurtheil etwas Wahres wäre, müßte ja gerade das Umgekehrte der Fall sein. Nun, Gottlob, daß hier von dieser Krankheit nichts zu spüren ist. Deswegen ist auch die Zahl der jüdischen Kurgäste eine verhältnißmäßig große, und für die Annehmlichkeiten ihres Aufenthalts ist in jeder Weise gesorgt. Die Synagoge, in welcher während der Badezeit täglich Gottesdienst stattfindet, verdankt ihr Entstehen dem seligen Dr. David Rosin, welcher ein ständiger Besucher des hiesigen Bades war. Mit rastlosem Eifer betrieb er dieses Werk, und mit Hilfe hochherziger wohlhabender Glaubensgenoffen brachte er es zu Wege. Und so erhebt sich seit länger als 20 Jahren das jüdische Gotteshaus in würdiger Weise inmitten der Insel, und seine geöffneten Pforten laden den Badegast zum Besuche des Gottesdienstes, der daheim weder Zeit noch Muße hierzu findet. Ehre darum dem Andenken des hochherzigen Begründers und Derer, die ihm bei diesem heiligen Werke geholfen haben. Dieses Andenken wird auch alljährlich am Psalm 104, 9. 2) Psalm 32, 6. ») Pf. 93, 4. «) Pf. 104, 7. °) Ps. 104, 24 und 25. «) Ps. 91, 5 und 6.