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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-12 · Heft 32 (12.8.1898) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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382 der Mund, die Backenknochen aber waren hoch hervorstehend und die Wangen dürr und an den Mundwinkeln gefaltet. „Sethron!" sagte der Edomiter nach einer Pause. Woher des Weges, Aegypter?" „Gruß und Heil aus Aegypten!" wiederholte der Spion bedeutungsvoll. „Mich sandte Pharao Sisak an Dich." Der Edomiter trat befremdet näher. „Dich sandte Pharao? Dich? Bei der großen Isis! Von den unentdeckten Quellen des Nils bis an den Ausfluß des Stromes giebt's keinen gewissenloseren Schurken in Aegypten!" Der Andere lachte bitter und verdrehte die weißen, glänzenden Augäpfel. „Du zweifelst an meiner Sendung?" sagte er gleichmüthig. „Der Pharao hätte einen ehrlicheren Boten wählen können!" „Ich gehöre unter die vertrautesten Diener des Pharao," sagte der Aegypter so gleichmüthig wie vorhin. Und damit streifte er den weiten Aermel des Rockes an seinem rechten Arm hinauf, und es ward hart an der Handwurzel ein breites, silbernes Band sichtbar, welches um den Arm geschmiedet war und nur durch Zerbrechen geöffiret werden konnte. „Sieh!" sagte der Aegypter, indem er ruhig auf das Abzeichen einer schmachvollen Sklaverei hinwies, „der heilige Vogel Ibis ist in das glänzende Metall geprägt und geheimnißvolle Buchstaben der Priester. Das ist das Abzeichen der Diener des Pharao." „Ich sehe, daß Pharao Sisak auch Schurken und Mörder zu benutzen versteht!" Der Andere lachte wieder in eigenthümlichen, spöttischen Tönen und sagte: „Du deutest auf jene Jahre meines Lebens, wo ich um die Berge Horeb und Sinai mit einer Schaar vortrefflicher Bogenschützen hauste und die Kameele einfältiger Handelsleute mir zueignete sammt den schönen Weibern und sonstigen Waaren, die aus den Rücken der Thiere geladen waren. Was kann ich dafür, daß meine wilden Schützen jene Narren, die sich wehrten, im Sand der Wüste begruben? Solche Thaten werden täglich verübt von Syrien abwärts bis Saba in den öden Wüsten." Reson machte eine Geberde des Abscheus und fragte dann kurz.- „Was hast Du mir zu melden?" „Es steht alles ausgeschrieben in dem Pergament da!" Der Aegypter zog eine Rolle hervor, die mit seidenen Fäden umwunden und mit farbigem Wachse versiegelt war. Er reichte sie Reson hin, welcher das Siegel aufmerksam besah. Der Aegypter betrachtete ruhig diese Prüfung seiner Botenehrlichkeit. Endlich öffnete Reson die Rolle und trat an ein Gebäude hin, von dessen Dach eine Lampe niederstrahlte. Sethron folgte ihm dahin, und sein lauerndes Auge haftete unablässig auf den Zügen des Lesenden. Nach einer Pause ließ Reson die erhobene Hand sammt dem Briefe sinken. Seine Züge drückten Verdruß und Wuth aus. „Ruhig bleiben!" murmelte er. „Nichts unternehmen — die Zeit nicht günstig — abwarten — verflucht sei dies dunkle, sinnlose Geschwätz!" Der Aegypter horchte mit zweideutigem Lächeln der Rede. Dann steckte Reson rasch das Pergament ein und entfernte sich mit eiligen Schritten. Der Aegypter, obgleich etwas erstaunt über den stummen und plötzlichen Abschied, beeilte sich dennoch, dem Edomiter zu folgen, und hielt sich mit Anstrengung an der Seite desselben. So näherten sie sich schnell dem Hafen, wobei der Pfad sie an dem Hause der Königin von Saba vorüberführen mußte. „Bei meines Vaters Beinen!" sagte der Aegypter endlich, etwas außer Athem. „Die Eile Deiner Schritte ist mir unbegreiflich!" Der Edomiter mäßigte plötzlich seinen Lauf und wandte sich an seinen Begleiter. „Du gehst nach Thebais zurück?" rief er hastig. „Bald," versetzte Sethron, indem er seine Waden zärtlich befühlte. „Wie bist Du grausam, tapferer Reson, einen Mann, der noch einmal so viel Jahre zählt wie Du selbst, zu so angestrengtem Laufe zu zwingen!" „Du gehst zum Pharao zurück?" erwiederte Reson mit Verdruß. „Bald!" versetzte Sethron so trocken wie vorhin. Melde dem Pharao, daß ich seine Worte nicht vergessen werde!" „Ich habe keinen Auftrag, eine Antwort heimzubringen," sagte der Spion gleichgiltig. „Wie?" Pharao Sisak sagte zu mir: „Wenn Du den Brief übergeben hast, so ist es gut. Dein Auftrag hat sodann ein Ende!" Der Edomiter schritt schweigend vorwärts. Die trockene Redeweise des Schelms^ der neben ihm herging, reizte ihn und weckte dunkle Besorgnisse in ihm, während der empfangene Brief theure Hoffnungen niederschlug. Plötzlich hielt ihn Sethron am Oberrock zurück. „Zögre!" flüsterte der Spion. „Wer schleicht dort die Straße herauf?" Der Edomiter blickte um sich. Sethron hatte ihn hinter den Vorsprung eines Hauses gezogen, wo Schatten und Nacht war. Die Straße herauf kam mit leisen Tritten ein hoher, bewaffneter Mann, der sich sorgfältig umsah und dann einem Hause näherte, welches von drei Seiten mit Gärten umgeben war. Reson erkannte das Gebäude. Dort wohnte Iva, die Fürstin der Sabäer. „Was ist das?" murmelte der Edomiter überrascht, als der Herankommende an die niedrige Pforte des Hauses leise klopfte. Der Aegypter legte den Finger auf die Lippen, wie um Schweigen zu gebieten. Ein Diener öffnete drüben die Pforte und trat halb heraus, wobei er Denjenigen, welcher geklopft hatte, mit scharfem Blicke musterte. „Der Flüchtling aus Israel," sagte eine tiefe, halb unterdrückte Stimme, worauf der Diener rasch zurücktrat, und gleich darauf die Pforte hinter Diener und Flüchtling geschlossen wurde. Reson und der Aegypter traten nun auf die Straße hinaus und gingen zum Hafen hinab. „Wer war das?" fragte der Aegypter mit einem lauernden Blick auf Reson. „Du hörtest ja: der Flüchtling aus Israel." „Ein sonderbarer Name! Ich meine, er führt nebenbei den Namen seines Vaters." „Du bist ein Narr!" sagte der Edomiter mit Verdruß. „Doch, da sind wir am Hafen. Wo hinaus geht Dein Weg?" „Heimwärts — sobald es mir gefällt," versetzte der Aegypter, der eine dunkle Kürze zu lieben schien. „Höre, Du Schurke!" rief Reson etwas gereizt. „Laß' Dir's belieben, mir bestimmte Antworten zu geben. Ehedem Sklaye, warst Du demüthiger." „Mein Pfad geht nach Thebais," sagte der Andere trotzig. „Und somit lebe wohl!" „Möge Dein Pfad in die Tiefen des Meeres gehen! Nie harrten die Fische der Tiefe einer leckerem Beute!" Der Aegypter fand den Wunsch scherzhaft und lachte. Dann war er verschwunden.

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