Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
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380 Drama, wie Winter und Wünsche, Die jüdische Litteratur III 886, mit Recht, leider nur unter Verwechslung seines Titels („Nur eine Seele" statt „Osternacht") hervorhebt: „für die Ehre und das Recht seiner Glaubensgenossen und seines Glaubens mannhaft ein". Die Osternacht giebt ein Bild aus der Leidensgeschichte der Juden in Spanien aus der Zeit, da „Torquemadas Scheiterhaufen" loderten. Rebecca, die Frau des Rabbi Salomon, flagt: Wohl eine unheilvolle Kraft Hat Gott in meinen Blick gelegt. Auf alles. Was ich geliebt, sah ich mit bösen Blicken — Und machte alles böse. Weh! so böse. Daß nichts mehr, nichts mehr gut zu machen ist! — Auch ich. Mein süßes Kind, hatt' einen Bruder, der Von uns geschieden; doch ich kann nicht fragen Wie Du: was Hab' ich ihm zu Leid gethan? Sara, eine Verwandte, fällt ein: Er war nicht Euer Bruder mehr, er war Von seinen Eltern und von Euch — Rebecca fällt ein: Verstoßen! Weil er zu frei gedacht, traf unser Haß ihn. Sein Herz war weich, sein Herz bedurfte Liebe; Die Christin gab sie ihm. Sara: Er opfert' ihr den Glauben. Rebecca: Doch die Treue nicht für uns. O, welch ein Bruder war's! Am selben Tag, An welchem ich vermählt ward, hatt' auch er sein christlich ' Weib heimgeführt. Vom eignen Feste kam er Zu mir, auf die Gefahr hin, fast gesteinigt Zu werden, rief er mich, mir Glück zu wünschen. Ich wies mit Schimpf ihn ab. Ein ganzes Jahr Darauf, obgleich von Liebe hoch beseeligt. In stiller Wehmuth schlich er oft mir nach. Um einen schwesterlichen Blick mich flehend. Auflauern sah ich oft ihn unserm Diener, Zu fragen, ob ich auch gesund und glücklich. — Da, einst in einer Nacht ... es war ein Sturm, Wetteifernd mit dem Meer; die Dämme brachen; Hilfsglocken läuteten, Erbarmen rief Die allgemeine Noth ... Ich stand mit Beben Von meinem Lager auf und trat hinaus. Da plötzlich stürzt mein Bruder vor mir nieder. Gespenstig, grausenhaft: „Mein Weib ist todt!" Aufschrie er, daß der Schrei den Sturm betäubte — „Mein Kind ist todt!" Sie hatt' in jener Nacht Geboren, war in jener Nacht gestorben Mit seinem Kind. Ich aber ließ ihn liegen. Und ging . . . und immer wieder sah ich ihn — Mein Wahn, mein Jrrthum war nicht zu entwurzeln. Ich hatte kein Erbarmen mit dem Bruder! — Ein Wort! Nichts als ein Wort! Ein einzig Wort, Das ihn vielleicht zurück im Leben hielt ... Ich aber sprach es nicht und ließ ihn sterben! Sara: Wer sagt Euch, daß er todt ist? Rebecca: Todt, entschwunden. Nie kam von seinem Leben eine Kunde. Sara - O, darum, darum lebt er d o ch vielleicht, Und lebt er, glaubt's, hat er Euch längst verzieh'n. Rebecca: Verzieh'n? . . . Und hätt' er's; Gott hat nicht vergeben! Wie bald nach jener Nacht gebar ich selbst In TodeSweh — doch starb ich nicht, auch nicht Mein Sohn; ich sollte lebend ihn verlieren! Ms schon im Kind des Bruders freier Geist, Nur stolzer, festren Sinns, fich offenbarte. Und mein Gemahl der heil'gen Lehre nachsprach: „Die Söhne arten nach der Mutter Brüdern" — Wie betet' ich zu Gott, die Hände ringend: Straf' mich im Sohne nicht, laß wie Du willst Mich büßen, nur an meinem Sohne nicht! Er wuchs heran und ging den Weg des Forschers, Trotz bietend Allen, die ihn meistern wollten. Im Streite bald mit uns — nein, nicht mit mir; Todtmüde war ich längst des Streites und schwieg — Im Kampfe mit dem eifervollen Vater. So kam, was nicht zu meiden: der Rabbiner Bannstrahl und die freiwillige Verbannung. Sara: O harter Vater, der's verhüten konnte Und jetzt bereut. Wie zög' er sonst ihm nach? Rebecca: Doch wann? Drei Jahre stnd's — und jetzt erst! Jetzt! Da er mich steht vergeh'n . . . Auch hofft er noch Vom Abfall ihn zu retten; nicht als Christ .... Christ oder nicht — wenn ich den Sohn nur finde. Dieser Sohn Alonzo de Florez, „ein fremder Kavalier", ist erster Rath des Alcaiden (Gouverneurs) von Segovia geworden, nachdem er einen Aufruhr gegen ihn entdeckt und „wie ein Löwe" gekämpft, denselben auch niedergeschlagen. Die Liebe führt ihn ins Kloster Paulao, zum Prior Franz Fernando. Hier mein Geheimniß: „Ich bin . . . ich war ... ein Jude! — Wenn die Gemeinschaft nur des Geistes ist. Bin ich's nicht mehr, war's nur als Kind. Denn seit Ich aufgehört, ein überliefert Leben Zu führen, wie's die Kindheit ja nur lebt. Warf ich die tausendjährige Ueberlieserung Des Judengottes auch von mir. — In Spanien leb' ich geschätzt, gesucht Durch manche Kunst, die ich mir angeeignet. Und bin dem Namen wie dem Rufe nach Ein Edelmann: ich nenne mich de Florez; So Biel find dieses NamenS, Keiner frug Nach der Verwandtschaft. Doch ich habe Feinde, Die schon im Dunkel meiner Abkunft forschen. Der Haß erfindet ja geheime Juden, Wie leicht entdeckt er fie! Nicht lange darf mir Ein Zeugniß fehlen, daß ich Christ geworden. Der Prior mahnt ihn ab: Ihr wollt Euch bergen bei den neuen Christen? Ihr ahnt nicht, was Ihr wollt. Ich will Euch führen In eine dunkle Zelle dieses Klosters: Dort liegt, wenn fie nicht schon hinaus ihn trugen. Ein Jüngling Eurer Jahre, Eures Namens, Ein fremdes Bubenstück jagt ihn ins Elend; Durch schauderhaften Zwang, fern von der Heimath Getauft, kehrt' er zurück ins Vaterhaus. Warum zum Vater nicht? Warum nicht essen Am Tisch des Vaters? Das war sein Verbrechen In Torquemadas Augen. Unter Foltern Halb sterbend, mußt' er noch zu Christo schwören. Kaum, daß ich ihn erlangt als Büßenden, Ein Lager ihm zu geben, darauf er ende. Geht hin, seht ihn Euch an! Seht feine Glieder, Zerstückt vom Martereisen — und glaubt Ihr Noch dann, es geb' ein zeitlich Gut für Euch, Werth, es mit diestr stündlichen Gefahr Euch zu erringen ...