Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
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377 letzten Briefe von dem Greuel der Verwüstung sprachen, welcher über unsere Brüder in Galizien hereingebrochen, da wurde schon jene Verordnung erlassen, die bestimmt war, Ruhe 311 schaffen. Und so ist nun auch in ganz Galizien „alles ruhig". Die entmenschten Bauern überfallen nicht mehr wehrlose Juden, denn wer bei Raub, Plünderung, Mord gefangen wird, ist dem Galgen preisgegeben. Die blaffe Furcht ist's, der graue Schrecken, welche Richter und Gendarmen in der Wahrung der Gesetze unterstützen. Diejenigen aber, welche all dieses tausendfache Leid heraufbeschworen über unschuldige Menschen, sie mögen jetzt in ruhigen Stunden darüber Nachdenken, wem sie eigentlich damit genützt haben. Oesterreich steht wieder einmal bloßgestellt da vor den Augen des ganzen gebildeten Europa. An der schlesisch-galizischen Grenze beginnt nicht Halb-, sondern Ganz-Asien. Die atavistische Wildheit eines verthierten Volkes hat sich in ihrer ganzen Schrecklichkeit gezeigt. Der „Wilde" Seumes ist wirklich ein besserer Mensch. Die polnische Schlacht« aber und die in ihren Diensten stehende reiche Judenschaft Galiziens, sie haben bewiesen, daß alle die Schmähungen, welche ihnen zu Theil werden, mehr als verdient sind. Die geknechtete jüdische Volksseele bäumt sich auf gegen die herzlosen Unterdrücker, welche, wie die echten Sklavenhalter, die Armen in Abhängigkeit und Unterthänigkeit zu erhalten suchen, welche kein Gefühl haben für das Elend und den Jammer des jüdischen Arbeiters, des geknechteten jüdischen Proletariers. Ach, es ist ein in Finsterniß und Aberglauben taumelndes Volk. Wer doch in dieses Dunkel Licht brächte! Und nun. nachdem der verthierte galizische Bauer gegen diese Armen gehetzt und furchtbares Leid unter ihnen verbreitet worden, und es nun gilt, diesen tausendfältigen Schmerz zu lindern, was thun die herzlosen jüdischen Magnaten? Sie erlaffen Aufrufe, in welchen Juden aufgefordert werden, die armen Geplünderten zu unterstützen, aber auch die schuldlosen Familien der armen Plünderer, der „irregeführten Exzedenten". Wer es noch nicht weiß, daß die niedrigste Selbstsucht der einzige Leitstern dieser „Großen" ist, wer es noch nicht erkannt hat, daß das jüdische Volk, die große Maffe der Belasteten und Enterbten, von diesen jüdischen Schlachzizen nichts zu erwarten hat, daß man den armen Blinden von dieser Seite das Licht der Freiheit und Aufklärung verdunkelt, der mag es jetzt erfahren, wenn er hört, wie liebedienerisch der jüdische Reiche, der von dem armen Volk gewählte Abgeordnete, welcher dazu berufen ist, die Rechte seiner Wähler zu vertreten, vor den polnischen Mächtigen im Staube sich windet. Man kann, nach den Berichten von Augenzeugen, sagen, die jüdischen Abgeordneten sind die Knechte der antisemitischen Beamten in Galizien; und um das geplünderte Volk vor diesen Mächten zu schützen, sah sich eine hohe Regierung genöthigt, das Standrecht und den Ausnahmezustand zu erlaffen. Die antisemitischen Beamten! Ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Gegenwart. Die, welche Hüter der Gerechtigkeit hätten sein sollen, sie haben es zugelaffen, daß die rohesten Instinkte einer verwilderten Menge losbrachen gegen ein von allen Seiten verlassenes Volk, daß die ganze Barbarei des Mittelalters in erschreckender Weise furchtbare Verwüstungen anrichtete unter Menschen, welche mit der Roth des Daseins in verzweifelter Weise ringen müffen. Die ganze Entrüstung, welche der Prophet der Wahrheit und Gerechtigkeit, Jesaias, in seine weithinschmetternden Worte legt, die sich gegen Lüge und Gewaltthat und Unterdrückung richten, diese Entrüstung, sie bemächtigt sich unser, wenn wir von Augenzeugen hören, wie elend die Zustände unserer armen jüdischen Brüder in Galizien sind. Um 20 oder 25 Kreuzer im Tage zu verdienen, arbeiten 12 oder 13 jährige Knaben mit blauen Lippen und blutlosen Gesichtern 14 Stunden in den Zündhölzchenfabriken von Kolomea. Und wie froh sind die Armen, wenn sie nur diese Arbeit erhalten Dieser Schutzlosen nimmt sich nun Niemand an. Sie sind elender wie die Negersklaven. Wahrlich ein Abolitionisten-, ein Antisklavereikongceß wäre nothwendig, um über die furchtbare Lage dieser Enterbten der Menschheit zu berathen, um dafür einzutreten, daß am Ende dieses Jahrhunderts endlich Freiheit und Licht gebracht werde einer Bevölkerungsmaffe, welche in den Feffeln schmachvollen Druckes seufzt und stöhnt. Wir glauben, es würde nach dem Gesagten nicht schwer halten, die Gründe und Ursachen zu finden, welche zu den traurigen, unser Jahrhundert, das sich so gern das der Humanität nennt, entehrenden Ausschreitungen geführt haben. Da müssen wir vor allem auf die allerdings höchst betrübenden Zustände Hinweisen, welche im jüdischen Kreise selbst herrschen. Wir brauchen darüber nicht erst von den Herren Sozialdemokraten aufgeklärt zu werden. Wir kennen am besten die Krankheiten, unter welchen wir leiden. Daß das mittelalterliche Chederwesen, wie es Schriftsteller von der Wuchtigkeit eines Feldmann, z. B. in der erschütternden Novelle „Zeichen und Wunder", schildern, zur geistigen und körperlichen Degeneration der jüdischpolnischen Bevölkerung beigetragen hat, wer wird es zu leugnen wagen? Führen wir endlich das arme, bethörte Volk aus dieser geistigen Knechtschaft, erlösen wir es endlich aus dem Hause dieser Barbarei und Sklaverei. Schule und Arbeit müssen Licht bringen in diese Finsterniß, welche dichter ist, als die weiland alt-ägyptische. Moderner Volksschulunterricht und gewiffenhafte, ehrliche, aber auch menschenwürdige Arbeit, tüchtiges Handwerk und nervenstählender Ackerbau, sie sollen aus dem durch talmudische Pilpulistik verkrüppelten polnischen Juden redliche, tüchtige Menschen machen. Das wäre die erste Pflicht der gewiffenhaften jüdischen Volksvertreter, das Volk dazu anzuleiten, im ehrlichen Erwerbe, in redlicher Arbeit seine einzige Stütze, seine Zukunft zu erblicken. Die Lehrer des Volkes mögen es dazu anleiten, sich davor zu hüten, durch Fuselfabrikation und Wucher sich zu bereichern. Ihr jüdischen Magnaten, die ihr Ehren und Titel und Orden und Adelsprädikate einheimset, die ihr Reichthümer und Schätze aufspeichert, die ihr willige Diener gewissenloser Herren seid, habt ihr diese eure Pflicht euerem Volke gegenüber gethan? Ihr, die ihr euch Seelsorger nennet, die ihr mit euerer Gelehrsamkeit protzet, habt ihr wirklich für das Wohl des Volkes Sorge getragen? Habt ihr im Geiste jener erhabenen Gesetze und Worte gehandelt, welche vor Jahrtausenden ertönten, und die zum Schutze der Unterdrückten und Geknechteten gegeben wurden, zu ihrem Heile dem Munde unserer großen Propheten entströmten? An der Regierung aber ist es, darüber zu wachen, daß in diesem allzu lange vernachlässigten Lande endlich die Stimme der Gerechtigkeit und Wahrheit gehört werde. Der tyrannische Schlachzize, der antisemitische Beamte, der verthierte Bauer, Spiel und Trunkenheit, Faulheit und finsterer Aberglaube, es sind furchtbare Krankheiten, an denen dieses Land leidet. Und wir haben noch nicht alle aufgezählt. Wer sich über diese näher unterrichten will, er lese das 1. Kapitel des Buches Jesaias: „Der Kopf ist krank, und das Herze siech". — Wir wollen unparteiisch sein. Wir wollen nicht alle Schuld von den Juden abwälzen; besonders die Einflußreichen unter ihnen haben schwer gesündigt. Aber gewiß ist, daß man dem Juden nicht die ganze Last der Schuld aufladen darf. Man hat während der diesmaligen Ausschreitungen traurige Erfahrungen gemacht über das, was man Gerechtigkeit in Regierung und Verwaltung nennt. Wo keine Wahrheit ist, wo keine Gerechtigkeit, wo keine Liebe — da ist Untergang. Wenn man also die Juden beschuldigt, dann klopfe man auch an die eigene Brust und rnfe aus: „Wir haben alle gesündigt". Iwri.