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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-12 · Heft 32 (12.8.1898) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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* -'tTVr'fir- -> 376 anlafsung gegeben, sich ihnen feindlich gegenüber zu stellen. Bald nach einem Kriege, währenddem nicht allein die in Griechenland wohnenden Juden, sondern noch viele andere, die im Ausland wohnen, gekommen find, ihr Blut für unser Vaterland zu vergießen, wäre jedes unnachweisliche Gerücht, jede Anklage, die auf erfundene Thatsachen begründet ist, ein Verbrechen und muß von einem Volke zurückgewiesen werden, das die Ideen der Duldsamkeit zum Dogma erhoben hat. Was den vorliegenden Fall betrifft, so ist es ein Glück, daß die Behörden von Calama energische Maßregeln getroffen und den wahren Entführer entdeckt haben; fie haben auf diese Weise einen Unschuldigen und eine ganze Raffe von einer entsetzlichen Verleumdung befreien können, die neuerdings die beklagenswerthesten Folgen hätte haben können. Wie dem auch sei, wenn der Beweis einer Unschuldserklärung auch auf sich warten läßt, wäre es ganz ungerecht, wollte fich der Fanatismus vergangener Jahrhunderte breit machen, ein Fanatismus, der bei jedem anderen civilisirten Volke unverzeihlich wäre, namentlich aber in Griechenland, wo Gewissensfreiheit und religiöse Üeberzeugung stets geachtet wurden." Man freut sich der energischen Haltung des griechischen Blattes. Denn leider ist das Vorurtheil des rituellen Mordes noch so sehr an der Tagesordnung in Griechenland und der gesammten griechischen Welt, daß nur der Einfluß der geistlichen Behörden im Stande wäre, dasselbe allmälig zu entwurzeln. Der dritte Fall spielt in der Türkei. Die Zeitung „Constantinopolis" vom 25. Mai brachte folgenden Artikel: „Gestern hörte die Patrouille, welche Tiksour-Sarai pasfirte, ein Stöhnen, das aus einem Hause hervordrang. Als fie hineindrang, fand sie im Keller ein 13 jähriges Mädchen mit gebundenen Händen. Die Polizei rettete das Kind und nahm alle Hausbewohner fest, die keine Glaubensgenossen des Mädchens waren. Die Polizei setzt die Untersuchung fort." Diese Zeilen wurden auch später von dem „Jkdam" gebracht; wie ersichtlich, gestattet sich der „Constantinopolis" nicht zu sagen, daß das Kind in einem jüdischen Hause gefunden wurde, doch gab er dies genügend zu verstehen einer Bevölkerung gegenüber, die das Vorurtheil des rituellen Mordes noch nicht abgestreift hat. Einer der Korrespondenten der Alliance in Konstantinopel veranstaltete eine eilige Untersuchung des Falles lind konnte Folgendes in Erfahrung bringen. „Am Dienstag den 24. Mai gegen Abend erschien ein junger 13—14 jähriger Grieche, der mit Blutegeln handelt, bei dem Polizei- Kommissar von Castanaga und erzählte dort, daß er in ein jüdisches Haus gerufen worden sei, wo man ihm seine Maaren abkaufen wollte, dort habe man ihn an Händen und Füßen gefesselt in einen Kellerraum des Hauses gebracht. Als man den Knaben veranlaßte, das betreffende Haus zu bezeichnen, wies er auf dasjenige eines gewissen Barnet Lazare hin. Der Polizeichef ließ denselben rufen; Lazare antwortete, daß er am nächsten Tage erscheinen werde. Die Polizei verweigerte diese Frist, ließ ihn gleich abholen und nach dem Gefängniß von Bab-Taptie abliefern. Es ist wohl unnöthig, hinzuzufügen, daß der Knabe weder mit Herrn Lazare noch mit einem anderen Juden zu thun gehabt hatte." Dank den eifrigen Bemühungen des Ober-Rabbiners von Konstantinopel bei dem Minister, wurde Herr Lazare einige Tage später in Freiheit gesetzt. Allein die Fälle sind traurig charakteristisch für die Thatsache, daß der Wahn uiib Aberglaube des Pöbels von sogenannten Gebildeten, von Geistlichen und Journalisten, in so nichtswürdiger Weise gegen die Juden ausgenützt wird. Die Centralkonferenz der amerikanischen Rabbiner hat vom 5.-8. Juli in Atlantic City unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Seniors der jüdisch - amerikanischen Theologie, des Rev. Jsaac M. Wise, stattgefunden. Der Verlauf der Verhandlungen war auch diesmal ein ersprießlicher und nach jeder Richtung hin zufriedenstellender. Ein ausführlicher Bericht unseres sehr verehrten Mitarbeiters, Profeffors Dr. G. Deutsch, wird Näheres darüber unseren Lesern mittheilen. Heute begnügen wir uns damit, aus der wahrhaft glänzenden Eröffnungsrede des greisen Präsidenten den folgenden Passus, der die Resultate und Erfolge der Centralkonferenz zusammenfaßt, herauszuheben: „Die Konferenz erlangte einige gute Resultate in den zehn Versammlungen während ihrer neun Probejahre. Sie vereinigte die Lehrer und Verkünder des Judenthums in einen Bund des Friedens, nach Jahren von unerquicklichen Streitigkeiten. Sie brachte Gleichförmigkeit in die amerikanische Synagoge im ganzen Lande durch ihre liturgischen Werke, amerikanifirte den Gottesdienst und machte denselben dem Volke zugänglich, indem fie das Englische hauptsächlich als Gebetssprache anerkannte, und brachte den Gottesdienst in Uebereinstimmung mit den vorherrschenden volksthümlichen Ansichten. In den in den verschiedenen Jahrgängen ihres „Jahrbuches" veröffentlichten Beschlüssen, Aufsätzen und Vorlesungen legte fie klare und bestimmte Definitionen der Kennzeichen nieder, welche den amerikanischen Standpunkt von dem Standpunkte der alten Schule unterscheiden; besonders durch die Erklärungen, daß Gesetzthum nicht Judenthum und daß der Talmud nicht die endgiltige Autorität für uns in religiösen Angelegenheiten ist; sodann durch die Abschaffung der Beschneidung für erwachsene Personen; das Weglassen aller Gebete für die Rückkehr der Israeliten nach Palästina, für die Ankunft des Messias und die leibliche Wiederauferstehung sowie alles Klage- und Weheschrei über Haß und Verfolgung, unter welchen Israel litt, seufzte und stöhnte. Sie betonte mit Nachdruck die Mission Israels unter den Völkern in seiner Eigenschaft als Bundesvolk, als besonderer Bote des Vaters an alle seine Kinder, und verkündete den auf urkundliche Beweise gestützten, rein geschichtlichen rationellen Standtpunkt des amerikanischen Judenthunls, daß die jüdische Religion aus jenen von selbst einleuchtenden Wahrheiten besteht, die in allen Ländern und in allen geschichtlichen Perioden als wahr anerkannt wurden. Sie vertrat das Judenthum mit Ehren und in solcher Weise, daß sie in allen Städten, wo fie tagte, Achtung vor demselben einflößte, ganz besonders in dem Kongreß der Religionen in Chicago im Jahre 1893 und letztes Jahr in der Stadt Montreal, wie dies durch das Protokoll im Jahrbuch und durch ein Schreiben von der Königin von England an die Centralkonferenz amerikanischer Rabbiner bezeugt ist. Sie hat fich auch den einzelnen Mitgliedern von großem Nutzen erwiesen. Sie stärkte die Autorität eines Jeden durch die Würde der ganzen Körperschaft. Jeder lernte von Allen, und Alle lernten. Jeden zu achten als einen Mitarbeiter an der großen Aufgabe der Religion, der Humanität, der Erziehung und der Aufklärung. Dieses ganze Werk gereicht auch zu reichem Segen unseren Gemeinden, unseren hiestgen und auswärtigen Glaubensgenossen und unserem geliebten Vaterlande, mit dem diese Konferenz den Geist des Fortschritts, die demokratische Freiheit und die Verbrüderung des menschlichen Geschlechtes gemein hat." Brief aus Oesterreich. Ende Juli. llgemein bekannt ist jenes Bild des großen russischen Malers Wereschtschagin, betitelt „Am Schipkapaß alles ruhig". Eine öde Schneelandschaft, welche die Ruhe des Todes versinnlichen soll. Eisige Ruhe, aber es ist die Stille, die Ruhe des Friedhofs. — Auf die Schreckensszenen, die wir in Galizien in ihrer ganzen gräulichen Wirklichkeit vor unseren Augen sich entrollen sahen, ist nun auch Stille gefolgt, Stille, bewirkt durch das Standrecht und den Ausnahmezustand. Der Gewalt wurde wieder Gewalt entgegengesetzt, und rohe Mächte wurden durch die eiserne Faust, durch Furcht und Schrecken niedergestreckt. Als wir in unserem

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