Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-08-12 · Heft 32 (12.8.1898) · p. Seite 375

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 32 (12.8.1898)
Date
1898-08-12
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228290--54803-3290972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

375 Vir Woche. Berlin, 10. August. n einer Betrachtung über gewisse Krisengerüchte, die ja immer um diese Zeit wiederkehren, macht das führende Antisemitenblatt einige Bemerkungen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Zunächst konstruirt es einen Gegensatz zwischen dem angeblich amtsmüden Kultusminister Dr. Bosse und den Juden, der bekanntlich nicht existirt. Ferner wird behauptet, daß „das Liebeswetben des Judenliberalismus" bei dem Staatssekretär von Bülow bisher vergeblich gewesen sei. Dieses „Liebeswerben" existirt wohl nur in der antisemitischen Phantasie. Aber es kann sachlich erwiesen werden, daß die Antisemiten ein solches Liebeswerben bei dem Staatssekretär der Auswärtigen Angelegenheiten thatsächlich versucht haben, und daß ihnen dieses gründlich mißlungen ist. Der Kultusminister Bosse ist den Juden gegenüber nicht besser und nicht schlechter als seine Vorgänger in diesem Amte. Man kann eher behaupten, daß er von einem großen Wohlwollen gegen die Juden erfüllt ist. Wie er aber über die Antisemiten denkt und spricht, das ist männiglich bekannt. Vielleicht rühren am Ende gar die Krisengerüchte aus dieser Gegend her. * Die Frage der Eidesablegung am Sab bath, die orthodoxen Juden nicht genehm ist, hat durch den Beschluß eines preußischen Gerichts eine zufriedenstellende Beantwortung erfahren. Vor dem Gerichtshof zu B. gelangte an einem Sonnabend die Klage eines israelitischen Bürgers gegen einen Bettler, der den Kläger auf der Straße thätlich angegriffen hatte, zur Verhandlung. Der Kläger, aufgefordert, den vorgeschriebenen Eid zu leisten, verweigerte dies mit Berufung darauf, daß es den Juden verboten sei, am Sabbath zu schwören. Da demgegenüber der Staatsanwalt auf seinem Verlangen, daß der Eid geleistet werden solle, verharrte, zog sich der Gerichtshof zu kurzer Berathung zurück und erkannte ungefähr folgendermaßen: Religiöse Bedenken seien allerdings generell nicht als ausreichendes Motiv für das Gesuch um Dispensation vom Eid anzu erkennen; trotzdem habe der Gerichtshof beschlossen, da dem gesetzlich nichts im Wege steht, den Termin zu vertagen. So tolerant diese Entscheidung an sich ist, legt sie doch auch Zeugniß ab von dem eigenthümlichen Dilemma, in welches selbst gewiegte Juristen durch die gesetzlichen Vorschriften einerseits und die namentlich bei Ablegung eines Eides zu respektirende Verletzung des religiösen Gefühls der Betroffenen andererseits gar oft versetzt werden. Eine gesetzliche Regelung dieser Angelegenheit wäre darum sehr zu wünschen. * Der Tod des berühmten Forschers und Dichters Georg Ebers erweckt auch in uns mancherlei wehmüthige Reminiscenzen. Georg Moritz Ebers stammte aus einer frommen altberlinischen Familie, aus der des Münzjudcn Ephraim. Er verlor früh seinen Vater, und die Mutter, eine Holländerin, scheint ihn der Taufe zugeführt zu haben. Karl Gutzkow behauptete allerdings, daß er Ebers noch als „jüdischen Studenten" gekannt habe. Der Letztere hat es aber bestritten und behauptet, schon als Christ geboren zu sein. In seiner Lebensgeschichte hat er die jüdische Abstammung gar nicht erwähnt. Das ist ein dunkler Punkt in seinem sonst so reinen Charakterbilde. Aber es soll nicht verschwiegen werden, daß diese Schwäche ihn keineswegs zur Abneigung oder gar zum Haß gegen das Judenthum führte. Er trat im Gegentheil immer mit Wärme und Sympathie für Juden und Judenthum ein. In verschiedenen Romanen hat er jüdische, Typen mit Sachkenntniß und unverkennbarer Theilnahme geschildert. Ein großer Theil seiner wissenschaftlichen Thätigkeit war der Erforschung des biblischen Schriftthums gewidmet, und der antisemitischen Bewegung ist er mit großer Schärfe entgegengetreten. Unsere Leser erinnern sich, daß Ebers im Jahr 1895 für unser Blatt einen größeren Essay über die Quellen seines Romans „Josua" schrieb. Dem Redakteur dieses Blattes bewahrte er eine innige Freundschaft, und wir werden gelegentlich aus seinen Briefen verschiedene hier zum Abdruck bringen, die interessante Schlaglichter auf die Ansichten und Sympathien des Mannes zu werfen geeignet sind, dem wir ein pietätvolles Andenken bewahren werden. * Das neueste Bulletin der Alliance Israelite Universelle hat leider auch diesmal wieder von drei falschen Blutanklagen zu berichten. Die erste wurde in Jerusalem erhoben. Das „Echo Mensuel" der Franziskanerpatres im heiligen Lande brachte einen Artikel, daß ein italienisches Mädchen von einer Jüdin entführt worden sei. Der „Croix de Paris" wiederholte die Anklage. Nun nahm sich die Alliance der Sache an. In Abwesenheit des Gouverneurs, der sich in Caza aufhielt, ließ sich der Vertreter der Alliance Herrn Gazzaniga, Verwalter des italienischen Konsulats, vorstellen, der übrigens von der Franziskaner-Revue scharf mitgenommen worden. Nachdem der Herr den Artikel des „Croix" mit ziemlicher Gleichgiltigkeit gelesen, erklärte er denselben für sinnlos und dumm. Kein italienischer Unterthan hat sich über die Entführung eines seiner Familienmitglieder beklagt, sagte er. „Ich besinne mich wohl, daß vor einiger Zeit, als ich mich im Hause der Franziskaner befand, ich gefragt wurde, ob ich nicht von der Entführung des Kindes einer gewissen Bartalomeo habe sprechen hören, und daß dasselbe durch einen türkischen Soldaten zurückgebracht worden sei. Ich antwortete, daß mir nichts davon bekannt sei. Hierauf beschränkt sich der ganze Zwischenfall." Der genannte Vertreter des Konsulats versprach, dem Interpellanten eine Erklärung zuzustellen, in welcher er ihm die Ungenauigkeit der Erzählung, welche im „Echo der Franziskaner-Väter" erschienen, bescheinigen und den Vorgang auf seine wirklichen Verhältnisse zurückführen werde. Bis zur Stunde hat der Diplomat das Versprechen aber noch nicht eingelöst. Die zweite Blutanklage wurde in Griechenland aufgebracht. Eine Zeitung der Stadt Calama verbreitete das Gerücht, daß ein jüdischer Kolportagehändler, der einzige in der Stadt, ein christliches Kind entführt habe, um ihm Blut zu entziehen. Als die Polizei von Calama endlich den Räuber des Kindes entdeckte — natürlich einen Christen — publizirte die Zeitung „Asty" zu Athen einen Artikel, dem es nicht an Interesse fehlt. Derselbe ist betitelt: „Ein unbegreiflicher Anachronismus". Er lautet: „Der Bericht über den Raub eines christlichen Kindes in Calama hat die alte Geschichte von den menschlichen Opfern, welche die Israeliten bringen sollen, wieder aufs Tapet gebracht; ein Borurtheil, welches znr Zeit in unseren Ländern das einzige Hinderniß zn einem vollständigen Einverständniß zwischen Juden und Christen ist. Wir sind überzeugt, daß der größte Theil der hellenischen Gesellschaft ohne Zaudern jene fanatischen Handlungen verurtheilt, die zum Glück ziemlich selten sind, und anerkennt, daß in Griechenland wmigstens die Israeliten sich ungeheuer schnell der übrigen Bevölkerung asfimiliren, daß es einem ungeübten Auge schwer fallen dürft«, einen Israeliten von seinem christlichen Mitbürger zu unterscheiden. Es muß anerkannt werde», daß die Juden ehrliche, ftiedliebende Leute sind. Niemals haben sie der Regierung oder dem Volke Ber-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.